Christiane Hoffmann – „Alles, was wir nicht erinnern“

„Ich gehe den Weg Deiner Entwurzelung, unser aller Entwurzelung.“

Zu Fuß. Allein. 558 Kilometer weit. Begleitet von Erinnerungen und der Familiengeschichte. Am 22. Januar 2020 begibt sich die Journalistin und Autorin Christiane Hoffmann auf eine monatelange Tour. Der Startpunkt: der kleine schlesische Ort Rózyna, der früher Rosenthal hieß. Hier wuchs ihr Vater auf, der noch Kind war, als seine Familie die Flucht antrat – an einem 22. Januar 1945. Mit „Alles, was wir nicht erinnern“ erzählt sie ihre Erlebnisse auf den Spuren ihres Vaters und der Familie, die wenige Monate vor Kriegsende ihre Heimat verloren hat und nie wirklich angekommen ist. Ein Buch, das über die berührende Familiengeschichte hinaus auch auf die Folgen von Krieg und Flucht hinweist.

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Thomas Savage – „Die Gewalt der Hunde“

„Verdammt, es ist ja auch der wilde Westen.“ 

Es ist immer wieder erstaunlich, wie viele Schriftsteller in den vergangenen Jahren aus den Tiefen des Vergessens gehoben und wiederentdeckt worden sind; sowohl europäische als auch amerikanische. Man denke an die Dänin Tove Ditlevsen oder die US-Amerikaner John Williams und James Baldwin. Ein Autor, der da unbedingt eingereiht werden kann und sollte, ist Thomas Savage (1915 – 2003). Mit der Verfilmung seines Romans „Die Gewalt der Hunde“ aus dem Jahr 1967 unter dem Titel „The Power Of The Dog“ und mit der deutschen Erstausgabe wird an ein Meisterwerk erinnert, dessen Lektüre unbedingt lohnt – nicht nur für Western-Fans.

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Phil Klay – „Den Sturm ernten“

„In der modernen Welt hing alles mit allem zusammen.“

Kolumbien. Über das südamerikanische Land weiß ich – zugegeben – nur sehr wenig. Kaffee, Fußball und Regenwald fallen mir ad hoc ein. Die Anzahl von Schlagzeilen in hiesigen Medien ist überschaubar. Dabei findet dort seit einigen Jahren ein nahezu unübersichtlicher, chaotisch erscheinender Krieg mit vielen Akteuren statt. Ein Krieg von vielen, die aktuell auf der Erde toben und die kaum Aufmerksamkeit erhalten. Wer über das Land und die derzeitigen Zustände mehr erfahren will, sollte zu dem aktuellen Roman des Amerikaners Phil Klay mit dem Titel „Den Sturm ernten“ greifen. Ein spannendes, überaus lehrreiches Buch – auch über die dortigen politischen wie militärischen Verstrickungen der USA.

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Aleš Šteger – „Neverend“

„Beim Schreiben gibt es keine Wunder.“

In der DDR haben die Bürger für sie angestanden. Wie sie zu ihrer krummen Form kommt, ist eine gern gestellte Frage. In Deutschland verdrückt der Durchschnittsbürger im Jahr rund elf Kilogramm der exotischen Frucht. Die Rede ist von der Banane. Sie spielt keine unwesentliche Rolle im Roman „Neverend“ des slowenischen Schriftstellers Aleš Šteger. Wobei das Buch alles andere ist als eine leichtbekömmliche Lektüre, sondern sich vielmehr als harte weil erschütternde und hochpolitische Kost erweist.  „Aleš Šteger – „Neverend““ weiterlesen

Nicklas Brendborg – „Quallen altern rückwärts“

„Gene sind nämlich weder Magie noch Schicksal, sondern lediglich ein Proteinrezept.“

Seit es Menschen gibt, existiert der Wunsch nach ewiger Jugend – unsterblich zu sein. Die Legenden sind voll von Jungbrunnen, Zaubertrank und Co. Noch ist kein Kraut gewachsen gegen den Tod. Unser Leben ist endlich. Irgendwann ist für jeden die Zeit gekommen. In seinem Sachbuch „Quallen altern rückwärts“ begibt sich der dänische Molekularbiologe Nicklas Brendborg auf die spannende Suche nach den lebensverlängernden Möglichkeiten für den Menschen und macht dabei auch die Bekanntschaft von uralten Vertretern aus Flora und Fauna. Herausgekommen ist eine an Wissen nur so strotzende Lektüre, die auch noch ganz wundervoll unterhaltsam ist.

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Charlotte McConaghy – „Wo die Wölfe sind“

„Ich glaube, uns macht die Zivilisation gewalttätig.“

Wohl kein anderes Tier löst im Menschen so gegensätzliche Gefühle aus wie der Wolf. Die einen fürchten und jagen ihn, weil er als Raubtier Nutztiere tötet. Für andere ist er der Inbegriff eines ökologischen Gleichgewichts und ein Tier voller Anmut und Schönheit. Beide Positionen lassen sich auch in dem neuen, vorrangig in Schottland angesiedelten Roman der australischen Autorin Charlotte McConaghy finden, die mit „Wo die Wölfe sind“ wieder eine starke Frauenfigur und die Dringlichkeit des Natur- und Artenschutzes in den Mittelpunkt rückt.

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Helen Wolff – „Hintergrund für Liebe“

„Das Leben fängt uns immer wieder ein.“

Er will ins Hotel, sie ein Häuschen. Beziehungen sind schon an kleineren Unstimmigkeiten gescheitert. Ihre wird halten, sogar dunkle Zeiten überstehen – und eben diese Meinungsverschiedenheit. Helen und Kurt Wolff haben sich in die Literaturgeschichte des 20. Jahrhunderts eingeschrieben – als eines der angesehensten Verlegerpaare. Gemeinsam haben sie zahlreichen europäischen Autoren den verlegerischen Weg nach Amerika geebnet, nachdem sie selbst ihre Heimat verlassen haben, nach Hitlers Machtergreifung geflohen waren. Doch Helen Wolff, 1906 als Helene Mosel im mazedonischen Skopje geboren, hat auch geschrieben, was zu ihren Lebzeiten nur wenige wussten. Denn sie selbst hatte ihre eigenen Werke für kaum beachtenswert gehalten. Ihre Großnichte Marion Detjen, Historikerin und Publizistin, hat Wolffs autobiografisch geprägten Roman „Hintergrund für Liebe“ im Weidle Verlag herausgegeben und mit einem ausführlichen Essay versehen. Und das ist ein großes Glück und zugleich eine besondere Leseerfahrung.

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Claudia Schumacher – „Liebe ist gewaltig“

„Erst wenn das Opfer vollkommen wehrlos ist, beißt die Spinne zu.“

Mauern verbergen vieles. Die einen sind aus Stein, die anderen unsichtbar – aus Lügen, Schweigen und Verdrängung errichtet. Sowohl von Tätern als auch deren Opfern, wie das eindrückliche Debüt „Liebe ist gewaltig“ von Claudia Schumacher zeigt, in dem sie von einer Vorzeige-Familie erzählt, die sich nach dem ersten Blick und bei näherem Hinsehen als Vorstufe der Hölle erweist und in der sich seelische Abgründe offenbaren.

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Raffaella Romagnolo – „Das Flirren der Dinge“

„Fotografieren ist das Wichtigste, das ihm im Leben passiert ist.“

Sein getrübtes Augenlicht ist Makel und zugleich Grundlage einer Gabe. Das auf einem Auge blinde Waisenkind Antonio wird im Alter von elf Jahren von dem Genueser Fotografen Allessandro Pavia aufgenommen; zur Überraschung der Geistlichen im Pammatone. Fortan dient der Junge ihm als Assistenten. Antonio lernt, was es heißt und was es braucht, ein gutes Foto zu machen – und dass sich die Zeiten stetig wandeln, aber besondere Bindungen ein Leben lang halten können. Mit ihrem neuen Roman „Das Flirren der Dinge“ führt die italienische Autorin Raffaella Romagnolo die Leser in eine wechselvolle Zeit und das Leben unvergesslicher Helden.

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Marica Bodrožić – „Die Arbeit der Vögel“

„In Träumen, Büchern und in den Bergen waltet eine archaische Stille.“

Ein Geisteswissenschaftler wie Freund der Literatur und Philosophie kommt an seinem Namen und seinem Werk nicht vorbei. Er war ein Schreibender, ein Denker, ein Linker und ein ruheloser Reisender. Walter Benjamin zählt (1892 – 1940) wohl zu den tragischen Lichtgestalten des 20. Jahrhunderts. In seiner Besprechung über eine neu erschienene Biografie nennt Jörg Später ihn eine Jahrhunderterscheinung. Marica Bodrožić ist mehr als sieben Jahrzehnte später seinen letzten Weg gegangen – von Frankreich aus über die Pyrenäen ins spanische Port Bou, wo Benjamin am 27. September 1940 an einer Überdosis Morphium starb. In ihrem eindrücklichen Band „Die Arbeit der Vögel“ schreibt sie über ihre Tour – und über noch viel mehr. „Marica Bodrožić – „Die Arbeit der Vögel““ weiterlesen