Gusel Jachina – „Eisen“

„Eisenstein machte nicht Kunst aus Geschichte, sondern er machte Geschichte (…).“

Er war ein vielbegabter Tausendsassa und Künstler, ein Mann mit vielen Gesichtern. Sergej Eisenstein (1898-1948) gilt als einer der größten und einflussreichsten Filmemacher des 20. Jahrhunderts. Er war Filmpionier und Theoretiker. Mit seinen Werken „Panzerkreuzer Potemkin“ und „Iwan der Schreckliche“ erlangte er auch außerhalb des riesigen Reiches der Sowjetunion Ruhm. In ihrem neuen Roman „Eisen“ beschäftigt sich Gusel Jachina mit seinem wechselvollen Leben und seinem eindrucksvollen Lebenswerk.

Spagat zwischen Roman und Sachbuch

Jachina ist auch hierzulande bekannt geworden für ihre literarische Bearbeitung großer historischer Stoffe – vor allem aus den dunklen Kapiteln des 20. Jahrhunderts. In „Suleika öffnet die Augen“ erzählt sie von der Zwangsumsiedlung der Tataren nach Sibirien in der Stalinzeit, in „Wolgakinder“ widmet sie sich der Geschichte der Wolgadeutschen. Nun also Eisenstein. Ein Schwergewicht. In einem an die Lesenden gerichteten Vorwort erklärt die mehrfach preisgekrönte russische Schriftstellerin mit tararischer Abstammung ihre Herangehensweise. Ihr Roman wagt den Spagat, sowohl Psychogram als auch Dokumentation zu sein, sowohl tragische als auch humorvolle Töne zusammenzubringen. „Eisen“ ist ein literarischer Roman, der in Teilen vielmehr an ein Sachbuch erinnert.

In den insgesamt acht Kapiteln bilden die Filme Eisensteins eine Art roter Faden. Vom 1925 erschienenen ersten abendfüllenden Streifen „Streik“ über den Klassiker „Panzerkreuzer Potemkin“ und dem Flop „Beshin Wiese“ bis hin zur umfangreichen Iwan-Trilogie. Eisenstein erlebte große Erfolge, aber auch schmerzliche Niederlagen in einem diktatorischen Machtsystem, das die Kunst in Ketten legte. Seelische wie künstlerische Krisen führten ihn in Abständen in Sanatorien.

Weggefährten werden Opfer des Regimes

Er war Zeuge der russischen Revolution und des späteren Bürgerkrieges sowie der beiden Weltkriege. Er erlebte das Ende des Stummfilms, wurde von Stalin gefördert, bekam aber zugleich die ganze Härte des menschenfeindlichen Regimes zu spüren. Die Zensurbehörden nahmen seine Werke ganz genau unter die Lupe. Auch der große Regisseur bekam keinen Freibrief. Wie Eisenstein in seine für eine kreative Schnitttechnik bekannten Filme eingreifen musste, damit sie öffentlich gezeigt werden konnte, wie zuletzt seine Filme größtenteils verschwanden und vernichtet wurden – auch darüber erzählt der Roman. Einige seiner Weggefährten wie sein Mentor Wsewolod Meyerhold (1874-1940) und sein Freund Isaak Babel (1894-1940) wurden in nur wenigen Wochen Abstand wegen angeblichen Landesverrats hingerichtet. Einem Damoklesschwert gleich schwebte ein ähnliches Schicksal über Eisenstein.

„Der Geburtsort ist ein Lotterielos, das jeder zieht, wenn er auf die Welt kommt. Es bestimmt zwar nicht das Schicksal des Menschen, aber doch den Korridor, in dem dieses Schicksal sich entfalten kann.“

Jachina rechechierte akribisch und ausführlich, was ihrem Roman deutlich anzumerken ist. Ihr Buch lebt vor allem von den vielen Details zu Eisensteins Schaffen und den oft auch intimen Einblicken in das private Leben des Jahrhundertregisseurs – von seiner Kindheit als Sohn des Architekten Michail Osipowitsch Eisenstein und der Kaufmannstochter Julia, zu der er bis ins Erwachsenenalter eine angespannte Beziehung pflegte, bis zu seinem frühen Tod im Alter von nur 50 Jahren in Folge einer Herzattacke. Die Eltern trennten sich früh. Schon in der Kindheit wurde das Talent ihres Sohnes sichtbar, der gern zeichnete und mit seinen Karikaturen für Erheiterung sorgte.

Grigori Alexandrow (v.l.), Sergei Eisenstein, Walt Disney und Eduard Tissé, Aufnahme aus dem Jahr 1930. (Foto: RIA Novosti)

Später war das Theater seine erste große Leidenschaft, das letztlich zum Sprungbrett in die Filmbranche wurde. Eisenstein galt als akribischer, aber auch despotischer Workaholic, der nichts dem Zufall überließ, Unmengen an Filmmaterial und Komparsen (ver)brauchte und seine Weggefährten und Vertrauten, den Kameramann Eduard Tissé und den Assistenten und späteren Regisseur Grigori „Grischa“ Alexandrow, oft das Leben schwer machte. Jachina gelingt es eindrucksvoll, seine komplexe, teils auch widersprüchliche und zerrissene Persönlichkeit nachzuzeichnen.

„Die Sonne geht überall auf. Auch wenn es einem scheint, dass sie nach all dem Grauen vom Himmel fallen müsste. Sie kommt wieder.“

„Eisen“ erweist sich in manchen Teilen sowohl als eindrückliche auch unterhaltsame, in anderen Teilen wiederum als herausfordernde Lektüre. Szenische Passagen wechseln sich mit sachlichen Ausführungen ab. An einigen Stellen hätte eine Straffung der Handlung gutgetan. Jachinas Roman führt nach Mexiko und in die USA sowie an verschiedene Drehorte in den Weiten der Sowjetunion, so auch nach Sewastopol auf der Halbinsel Krim und nach Alma Ata im heutigen Kasachstan, wo Jachina mittlerweile lebt.

Der Schriftstellerin ist mit ihrem neuen Roman ein großer Wurf gelungen, der nicht nur eine der großen Gestalten des 20. Jahrhunderts porträtiert, sondern auch von der Tyrannei Stalins erzählt und sich mit der Frage nach der Freiheit der Kunst und dem idealen Kunstwerk auseinandersetzt.


Gusel Jachina: „Eisen“, erschienen im Kanon Verlag, in der Übersetzung aus dem Russischen von Helmut Ettinger; 576 Seiten, 32 Euro

Foto von Vitalii Khodzinskyi auf Unsplash

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