Druck – Per Petterson „Ist schon in Ordnung“

„Mein Körper ist auf eine andere Weise erschöpft als früher, es ist die Zeit, ich weiß.“

Es gibt Bücher, die erzählen nahezu flüsternd und unaufgeregt ihre Geschichte. Dann findet man Bücher, die tragische Schicksale und Geschehnisse fast schreiend in die Welt bringen. Per Pettersons Roman „Ist schon in Ordnung“ gelingt es, beides zu vereinen. Bekannt geworden ist der Norweger hierzulande mit seinem Roman „Pferde stehlen“. Nach und nach hat er auch in Deutschland eine wachsende Fan-Gemeinde erhalten, ist von Kritikern mit Lob bedacht worden.

Wie in seinen anderen Romanen ist es das einfache Leben, dem Petterson viel Raum gibt und wie ein großes Gemälde ausbreitet, mal in sanft-harmonischen, mal in melancholischen Sepia-Tönen. Im Mittelpunkt steht der 18-jährige Audun Sletten, der keine einfache Kindheit erfahren durfte. Sein Vater trinkt und neigt in seiner cholerischen Art zu Gewaltausbrüchen – gegenüber seiner Frau und seinen drei Kindern. Als Audun 13 Jahre alt ist, zieht seine Mutter die Reißleine und mit Audun, seiner älteren Schwester Kari und seinem jüngeren Bruder Egil vom Land in einen Arbeiterbezirk der großen Stadt Oslo. Der Vater wird zurückgelassen, nachdem er mit einer Pistole in RIchtung Haus geschossen hatte.

Man schreibt das Anfang der 70er Jahre, als norwegische Jugendliche den Band-Namen der Beatles auf die Gummistiefel geschrieben haben, mit Jimi Hendrix eines der großen Idole stirbt. Die reduzierte Familie versucht, sich einzuleben, bis die nächste Tragödie geschieht: Egil stirbt bei einem Verkehrsunfall. Auduns Schwester Kari verlässt die Familie, um mit ihrem Freund ein eigenes Leben aufzubauen. Zurückbleiben Audun und seine Mutter. Der Junge findet mit Arvid einen guten Freund. Doch anstatt die Schule zu beenden, wirft Audun alles hin und beginnt, in einer Druckerei zu arbeiten. Erfahrungen aus der „Zeitungswelt“ bringt er bereits mit, hat er doch schon als Schüler frühmorgens die Zeitungen ausgetragen, um zum Unterhalt beizutragen.  Alles könnte in ruhigen und sicheren Bahnen laufen, wenn nicht plötzlich Audun nach einigen Jahren seinen Vater aus der Ferne sieht und auch noch von einer Gruppe Jugendlicher zusammengeschlagen wird.

„Von der Leere um ihn herum geht ein Sog aus wie vom Rand eines Abgrunds, wenn die eine Hälfte von dir springen will und der Rest dich zurückhält, und das macht mich rasend, ich würde am liebsten um mich treten und schlagen.“

Per Petterson Foto: Wikipedia

Petterson, der für sein Schaffen schon mehrfach mit hochrangigen Preisen, so dem Brage-Preis („Im Kielwasser“) oder dem Literaturpreis des Nordischen Rates („Ich verfluche den Fluss der Zeit“), geehrt wurde, hat mit Audun einen Helden und zugleich Erzähler seiner Erlebnisse geschaffen, mit dem man durchaus mal ein Bier trinken würde und kräftig lachen könnte oder den man in schlechten Zeiten einfach mal in den Arm nehmen wollte. Per Petterson Foto: WikipediaEr steht schon frühzeitig auf eigenen Beinen und übernimmt Verantwortung. Das zeigen seine Erinnerungen an seine Kindheit, die er immer wieder in seinen Bericht über den Alltag als Schüler und Zeitungsausträger, später als „Knecht für die niedrigeren Dienste“ in einer Druckerei hineinprojiziert. Aus ihm könnte viel mehr werden – als ein einfacher Arbeiter. Audun ist wissbegierig, mit Eifer liest er die Werke großer Namen wie Maxim Gorki, Ernest Hemingway und Jack London, die er oft von Arvids Vater ausgeliehen bekommt. Audun ist bescheiden und hat das Herz auf dem rechten Fleck. Als Kari Hilfe braucht, ist er der erste, der vor ihrer Haustür steht.

Seiner von Gewalt und Armut geprägten Kindheit setzt er Erinnerungen an schöne Erlebnisse. Während eines Sommers seilt er sich kurzerhand von seiner Familie ab, zieht sich zuerst mit einigen Pappkartons am Bahndamm zurück, um später bei einer Familie auf ihrem Bauernhof unterzukommen, die das fremde Kind mit Gastfreundschaft und Herz aufnehmen – bis eines Tages der Vater vor dem Tor steht. In Oslo geben schließlich die Freundschaften zu Arvid, zum einstigen Seefahrer Abrahamsen und der Respekt einiger Arbeitskollegen Halt. Auduns Gefühle dringen kaum nach draußen. Ab und an schildert er sie anhand von Körperbeschreibungen. Doch allzu oft reagiert er bei Nachfragen mit jenem Satz, der dem Buch seinen Titel gibt: „Ist schon in Ordnung“, dabei schimmert immer wieder seine Angst vor dem Vater durch.

Das bereits 1992 in Pettersons Heimatland veröffentlichte und erst 2011 auf Deutsch erschienene Werk ist  ein überaus eindrucksvolles Buch über das Erwachsenwerden und schreckliche Geschehnisse in einer von Konflikten und Gewalt geprägten Familie. Die Sprache dieses schmalen, aber wirkmächtigen Romans ist sehr reduziert. Der Junge beschreibt in einer sehr gemächlichen Geschwindigkeit da die kleinen alltäglichen Dinge und Personen in seiner Umgebung oder seinen Tagesablauf. Unaufgeregt würde man meinen, wenn nicht eben jene schrecklichen Erlebnisse wären, die auf den Leser wie Nadelspitzen oder Faustschläge wirken. Gerade dass Audun davon bedächtig berichtet und den Leser ohne große Ankündigung damit überrascht, vergrößert die Wirkung ungemein.  Am Ende macht Audun ein zweites Mal in kurzer Zeit eine Begegnung mit dem Tod. Doch der erscheint nahezu eine Erleichterung zu sein und lässt in dem Jungen schließlich alle Dämme des Gefühls brechen.

Der Roman „Ist schon in Ordnung“ von Per Petterson erschien im Hanser-Verlag, als Taschenbuch-Ausgabe bei Fischer; in der Übersetzung aus dem Norwegischen von Ina Kronenberger; 224 Seiten, 19,90 Euro

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