Reise ohne Rückkehr – Owen Beattie/John Geiger: Der eisige Schlaf

„Fast alle waren betroffen von dem Gefühl absoluter Isolation. Abgesehen von der Antarktis und vielleicht einer Handvoll anderer Plätze, gibt es auf dieser Welt keinen Ort, wo sich der Mensch in einer derartigen Einsamkeit ausgesetzt sieht wie in der kanadischen Arktis. Es ist dies eine Erfahrung, die vielleicht derjenigen der Astronauten im Weltall am nächsten kommt.“

Sie sollte der Garant für Erfolg, Ruhm und einen Platz in der Geschichte sein. Mit Selbstbewusstsein, Stolz und der modernsten Schiff-Ausstattung ihrer Zeit stechen am 19. Mai 1845 die Schiffe Erebus und Terror unter dem Kommando des Kapitäns Sir John Franklin in See. Ihr Ziel: die Nordwestpassage zu durchfahren und so die Verbindung zwischen dem Atlantik und dem Pazifik zu finden. 

csm_produkt-11923_62112d4113Keiner der insgesamt 129 Besatzungsmitglieder konnte damals ahnen, welches Leid sie in einer der menschenfeindlichsten Gegenden der Welt erwarten würde. Alle fanden in der Kälte der Arktis den Tod, nur jene vier Männer, die in Grönland frühzeitig die Schiffe verlassen hatten, blieb dieses tragische Schicksal erspart.  Bis heute gilt diese Expedition als einer der dramatischsten in der Entdeckung des „weißen Planeten“. Zahlreiche Rettungsexpeditionen wurden auf die Reise geschickt, um Licht ins Dunkel zu bringen und eine Antwort auf die Frage zu finden, warum Franklin und seine Crew nicht mehr in ihre Heimat zurückgekehrt waren. Der kanadische  Anthropologe Owen Beattie konnte in den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts das Rätsel aus seiner Sicht lösen. Gemeinsam mit dem US-amerikanischen Historiker John Geiger hat er über die Expedition und seine Forschung ein Buch geschrieben.

In „Der eisige Schlaf“ erzählen sie nicht nur von Franklins Reise, die seine Laufbahn krönen sollte. Die späteren Rettungsexpeditionen, unter anderem auch teilweise entsandt von Franklins Witwe, haben nicht nur wissenschaftliche Ergebnisse geliefert. Sie konnten auch die Zahl der weißen Flecken in der kanadischen Arktis durch wichtige kartografische Aufzeichnungen verringern. Auf den nachfolgenden Reisen stießen die Teilnehmer auf Überreste der Franklin-Expedition; darunter auch mögliche Knochenfragmente von Besatzungsmitgliedern und Gräber.

Mit weiteren Wissenschaftlern entdeckte Beattie auf dem winzigen Friedhof von Beechey-Island während einer ersten Forschungsreise 1981 die Mumien von drei einstigen Besatzungsmitgliedern. Ihre Körper waren durch den Permafrostboden gut erhalten geblieben. Während dieser Expedition und zwei weiteren exhumierte er die drei Leichen und nahm Gewebeproben.  Zudem wurden trotz der schwierigen Bedingungen Röntgenaufnahmen gemacht. Nach und nach finden sich alle Informationen zu einem großen Bild zusammen, das schreckliche Einblicke in die letzten Tage und Wochen der Crew vermittelt. Schon frühere Forschungsreisen fanden Anzeichen von Kannibalismus und Skorbut, eine der tückischsten Krankheiten, von der die Seefahrer infolge Vitaminmangels in der Vergangenheit heimgesucht wurden. Beattie gelang es zudem, den Grund für das Scheitern der Entdeckungsreise zu finden. Die Crew soll unter Bleivergiftung infolge der schlampig produzierten Blechdosen, in denen ein Teil der Nahrung gelagert war, gelitten haben, so seine Vermutung angesichts der hohen Bleiwerte im Gewebe.

„Als er allein in den frühen Morgenstunden des 14. Juli dort saß, während ein frischer Wind von der Victoria Strait herüberwehte, hatte Beattie das Gefühl, dass Franklins Leute noch immer über diesen Platz wachten.“

Eindrucksvoll und sehr detailliert beschreiben die beiden Autoren, wie aufwendig die wissenschaftliche Reise Beatties war. Nicht nur musste die Tour akribisch geplant und vorbereitet werden – von den Flügen bis zur Versorgung. Die Exhumierung und Untersuchung, inklusive Autopsie, forderten einen großen Einsatz, Durchhaltevermögen und physische Kraft. Kleine Ergebnisse benötigten Stunden, größere ganze Tage. Hinzu kam die Gefahr, von Eisbären angegriffen zu werden oder die Verbindung ins Hinterland zu verlieren. Stellenweise liest sich dieser Band wie eine niedergeschriebene   Krimiserie á la „Bones“ oder eine der zahlreichen Ableger von „CSI“. Dabei vergisst der Anthropologe und dessen Kollegen nicht, den Verstorbenen ihre Ehre zu erweisen. Ihre Arbeit zeichnet sich nicht nur durch sehr viel Forschungsgeist und Präzision, sondern auch durch sehr viel Respekt für die Toten aus.

Der Band mit seinen zahlreichen Informationen beinhaltet zudem Karten- und Fotomaterial. Das Vorwort schrieb kein Geringerer als Sten Nadolny, der in seinem Roman „Die Entdeckung der Langsamkeit“ der Franklin-Expedition ein literarisches Denkmal setzte. In diesem thematischen Feld ist er allerdings nicht der Einzige. Auch der US-amerikanische Schriftsteller Dan Simmons widmete sich in seinem Roman „Terror“ diesem Drama, erzählt zudem von dem herablassenden Verhalten, das die Engländer gegenüber den Ureinwohnern, den Inuit, an den Tag legten. In seinem Buch lässt er indes ein Besatzungsmitglied überleben, der sich mit Hilfe der Inuit in der widrigen Landschaft behaupten kann.

Die Geschichte wird indes weiter geschrieben: Im September vergangenen Jahres wurde die „Erebus“ auf dem Meeresgrund vor King William Island gefunden. Dabei erscheint es als eine besondere Verbindung zwischen den Zeiten, dass letztlich einer die Nordwestpassage durchsegelte, den Franklins Schicksal besonders berührt hatte: Roald Amundsen. Der Norweger durchfuhr die Passage von 1903 bis 1906 mit seinem kleinen Segelschiff “ Gjøa„. Zuvor war es dem Iren Robert McClure gelungen, die Passage mit Schiff und teilweise zu Fuß zu überwinden.

Der Band „Der eisige Tod“ von Owen Beattie und John Geiger erschien im Piper-Verlag, in der Übersetzung aus dem Englischen von Uta Haas; 240 Seiten, 14,99 Euro

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