Lukas Rietzschel – „Raumfahrer“

„Nachkriegszeit und Nachwendezeit. Trümmer beseitigen, nicht nur die Brocken und Steine eingestürzter Häuser.“

Kamenz – Kleinstadt in Sachsen. Die Kohlegrube Lausitz vor der Haustür, das barocke und edle Dresden ein Katzensprung entfernt. Hier ist Lessing zur Welt gekommen, der Ortsteil Deutschbaselitz gab dem Maler Hans-Georg Kern, besser bekannt als Georg Baselitz, einen Teil seines Künstlernamens. In diese geschichtsträchtige Gegend in Ostdeutschland führt Lukas Rietzschel in seinem zweiten Roman „Raumfahrer“, der darin auf wundersame Weise die Geschichte zweier Familien und das Leben eines jungen Mannes mit dem eines berühmten Künstlers verknüpft. Eine spezielle Erwartung kann das eindrückliche Buch allerdings dennoch nicht erfüllen.

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Helga Schubert – „Vom Aufstehen“

„Ich lebte in vielen Rollen.“

Aufstehen – sich erheben, sich aus liegender Stellung aufrichten, das Bett verlassen, sich auflehnen, Widerstand leisten, rebellieren. Viele Bedeutungen enthält der Duden zu diesem mehrsilbigen Verb. Bedeutungen, die durchaus auch auf den preisgekrönten Erzählband der Schriftstellerin Helga Schubert zutreffen. Ein Band, der in 29 Texten von ihrem wechselvollen Leben, ihren Erinnerungen und Gedanken erzählt. Ein Buch der Bilder, der Lebenskraft und Weisheit.

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Matthias Jügler – „Die Verlassenen“

„Das letzte Mal habe ich meinen Vater im Juni 1994 gesehen.“

111 Kilometer – das ist in etwa die Entfernung von Leipzig nach Erfurt oder von Leipzig nach Dresden. Diesen Umfang erreichen die Akten, die im Stasi-Unterlagen-Archiv zur Recherche lagern. Weitere 60 Kilometer waren nach der Wende unsortiert gefunden worden und sind noch immer nicht vollständig erschlossen. Mehr als 7,3 Millionen Menschen haben bisher Anträge auf Akten-Einsicht gestellt; zahlenmäßig ist das nahezu die Hälfte der damaligen Bevölkerung in der DDR. Der Geheimdienst war tief in der Gesellschaft verankert und hat das Leben von unzähligen Familien zerstört oder für immer verändert. Welche Folgen die Repressalien der Stasi und ihre Spitzel-Tätigkeiten auf die nächsten Generationen und sogar bis in die Gegenwart haben, erzählt der berührende Roman „Die Verlassenen“ von Matthias Jügler. „Matthias Jügler – „Die Verlassenen““ weiterlesen

Lutz Seiler – „Stern 111“

„Es ging darum, dass wir es sind, die entscheiden.“

Unbegreiflich, unfassbar: Die Wende, von manchen auch friedliche Revolution genannt, wird im Rückblick mit verschiedenen Wörtern beschrieben, die alle allerdings eine Gemeinsamkeit vereint: Sie tragen ein Staunen in sich. Ich war 12 als die Mauer fiel, sich die Grenzen zwischen West und Ost öffneten, an den Grenzübergängen Tausende Hände auf die Motorhauben von Trabi, Wartburg und Lada schlugen. Ich erinnere mich an jenen Abend im November 1989, als meine Eltern auf der Couch saßen und die Nachrichten schauten, die so unglaublich erschienen. Wir lebten in einem Dorf im damaligen Bezirk Dresden, das für sein Rohrwerk und als NVA-Standort bekannt war. Geflissentlich wurde die Region im heutigen Landkreis Meißen als Tal der Ahnungslosen bezeichnet, weil der Westrundfunk schlecht zu empfangen war. Ich wuchs also ohne „Pumuckl“ oder „Sesamstraße“ auf. „Lutz Seiler – „Stern 111““ weiterlesen

Reinhard Stöckel – „Kupfersonne“

„Du findest, was du suchst.“

Enzthal ist eingeschlossen. Ein nahezu undurchdringlicher Nebel umhüllt das Dorf, im Osten Deutschlands, genauer gesagt im Mansfelder Land, gelegen. Unweigerlich fällt einem das derzeit oft genutzte Wort „Lockdown“ ein. Wenngleich der Nebel noch weitere Folgen mit sich bringt: Kein Radio funktioniert, die Kinder kommen nicht mehr mit dem Bus in die Schule, dem Gasthof geht langsam das Bier aus. Nicht einmal Walter Ulbricht, der zu dieser Zeit als Vorsitzender des Staatsrates der DDR die Macht in den Händen hält, kann daran etwas ändern. Die Bewohner nehmen ihr Schicksal auf ganz eigene Weise in die Hände. Dieser Ort nahe des Kyffhäusers ist Ausgangspunkt von großer Geschichte und individuellen Lebensgeschichten, die im neuen Roman von Reinhard Stöckel vom bewegenden wie dunklen Kapiteln des 20. Jahrhunderts erzählen und dabei auch nach Spanien führen.

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Liebe mit Grenzen – Christoph Hein „Verwirrnis“

„Er musste schweigen, musste verschweigen, was keiner wissen durfte.“

So innerlich eingegraben, verkantet, nahezu festgesaugt haben sich bei mir in der letzten Zeit nur wenige Bücher. Christoph Heins neuer Roman „Verwirrnis“ hat dies geschafft. Dass so eine besondere, besonders auch traurige Geschichte zugleich so viel Begeisterung entfachen kann, lässt mich indes auch etwas ratlos zurück. Woran liegt es, dass wir die tragischen Romane oftmals mehr schätzen, als die unaufgeregteren mit dem Happy End? Ohne den Ausgang vorwegnehmen, ihn nur anzudeuten:  Etwas Hoffnung bleibt,  von der der Held der Geschichte nur eine, aber dafür umso bedeutende Entscheidung entfernt ist.  „Liebe mit Grenzen – Christoph Hein „Verwirrnis““ weiterlesen

Wunden – Franziska Hauser „Die Gewitterschwimmerin“

„Was nicht erzählt wird, ist nicht aus der Welt.“

Familiengeschichten führen ihr Eigenleben. Je nach dem subjektiven Blickwinkel verändern sich ihre Bedeutungen, Facetten und Schattierungen. Ereignisse oder Familienmitglieder erscheinen anders, als sie womöglich in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden. Und Helden sind nicht immer nur Helden. Die Berliner Autorin Franziska Hauser erzählt in ihrem nunmehr zweiten Roman „Die Gewitterschwimmerin“ eine spezielle Familiengeschichte: Es ist teils ihre eigene, die ihr als Grundlage für die Handlung gedient hat. Anderes hat sie hingegen erfunden, wie sie dem Leser vor dem Beginn des Romans in einem kurzen Vorwort erklärt.  „Wunden – Franziska Hauser „Die Gewitterschwimmerin““ weiterlesen

Geschichte (n) – Bernd Wagner „Die Sintflut in Sachsen“

„Gerade der Rhythmus der Worte erzeugte in mir eine unbekannte Art von Rausch (…).“

Wurzen – die Stadt an der Mulde. Bekannt für Joachim Ringelnatz, Kekse und Kurzkoch-Reis; der Milchreis ist im Übrigen sehr empfehlenswert. Wurzen ist die Große Kreisstadt des Landkreises Leipzig, die Messestadt mit ihrem Trubel ist also sehr nah, sowie die Geburtsstadt des Schriftstellers Bernd Wagner. Hier kommt er 1948, drei Jahre nach dem verheerenden Zweiten Weltkrieg, zur Welt, hier wächst er auf und verbringt Kindheit und Jugend. Sowohl dieser sächsischen Stadt in der Provinz als auch der Geschichte seiner Familie widmet er sich auf sehr persönliche Weise in seinem aktuellen und autobiografischen Roman „Die Sintflut in Sachsen“. „Geschichte (n) – Bernd Wagner „Die Sintflut in Sachsen““ weiterlesen

Dunkles Kapitel der NVA – Gespräch mit Krimi-Autorin Claudia Rikl

Obwohl seit der politischen Wende und folgend der Wiedervereinigung Deutschlands bereits 28 Jahre vergangen sind, gibt es noch immer Themen aus der DDR-Geschichte, die in der Öffentlichkeit nicht so sehr präsent und kaum bekannt sind. In ihrem Romandebüt „Das Ende des Schweigens“ erzählt die Leipzigerin Claudia Rikl von einem dunklen Kapitel der Nationalen Volksarmee (NVA) und dem Mord an einem einstigen Offizier Jahre nach der Wende. Mit der Leipziger Autorin sprach Zeichen & Zeiten.

Wie hat alles mit dem Schreiben angefangen?

RiklClaudia Rikl: Bereits während meines Studiums fiel mir ein Buch zum Thema kreatives Schreiben in die Hände, das mich fasziniert hat. Als ich nach dem Studium meinem Professor meine Ideen für eine Dissertation darlegte, sagte er: Prima, damit können Sie sich die nächsten Jahre gut beschäftigen. Da wurde mir klar: Wenn ich so viel Lebenszeit in eine Sache investieren muss, dann geht das nur mit Herzblut. Wenige Wochen später begann ich den vorliegenden Roman und merkte gleich: Das ist es, was ich tun will. Ich schrieb, schrieb um, korrigierte, schrieb neu. Während eines Seminars in Köln lernte ich schließlich die Schriftstellerin Gisa Klönne kennen, sie glaubte an das Projekt, wurde meine Mentorin und schaute mir bei der Endfassung über die Schulter. Damit bewarb ich mich bei Agenturen und wurde angenommen. Ein paar Wochen später konnte ich den Vertrag mit Rowohlt unterschreiben.

Wie ist die Idee zur Geschichte entstanden?

Wir haben selbst eine Datsche als Wochenendhaus. Eine solche bildet im Roman ja den Tatort, an dem die Leiche gefunden wurde. Es war mir schnell klar, dass sich das Buch um eine privilegierte Person drehen musste, die in der DDR eine solche besessen hatte.

Es geht in Ihrem Roman um die NVA, um Schikanen, Selbstmorde und die Stasi. Haben Sie dafür intensiv recherchiert?

Die Militärgeschichte der DDR ist bereits sehr gut erforscht. Der Ch. Links Verlag hat dazu einiges veröffentlicht, so auch den Band „Tausend Tage bei der Asche“. Im Archiv des „Spiegels“ fanden sich zudem Beiträge rund um die illegalen Waffenverkäufe. Über Schicksale und Zahlen von Opfern hat auch die Zeitschrift „Horch und Guck“ berichtet. In jeder Kaserne hat es Abwehroffiziere gegeben, auch die Stasi hat also viel dokumentiert. Ich erinnerte mich auch an Berichte einer Lehrerin über Schikanen in der NVA.

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Der heutige Blick auf die DDR ist sehr verschieden, je nachdem, was man auch selbst erfahren hat. Was war Ihnen wichtig zu erzählen?

Ich wollte einen Roman schreiben, in dem ich niemanden verurteile, auch nicht jene, die damals privilegiert waren. Kommissar Herzberg stellt jedoch einen starken Kontrast zu jenem NVA-Offizier dar, der getötet wird. Herzberg ist ja, einst im Stasi-Gefängnis in Bautzen inhaftiert, ein Opfer des Regimes. Der Fall, an dem er arbeitet, löst vieles wieder in ihm aus, was auch seine Ehe beeinflusst. Dass sich Figuren an Herausforderungen und Extremsituationen bewähren müssen, ist wichtig für die Handlung eines Buches, denke ich.

Der Klappentext des Buches kündigt bereits den zweiten Fall von Herzberg an.

Ja, ich arbeite gerade sehr intensiv daran. Es soll im Frühjahr kommenden Jahres erscheinen.

Wie muss man sich den Schreibprozess bei Ihnen vorstellen?

Eigentlich ist es wie ein Bürojob. Ich schreibe täglich von 9 bis 12 Uhr und nach einer Mittagspause einige weitere Stunden am Nachmittag; und das oft auch am Wochenende. Stephen King hat einmal erzählt, dass er täglich schreibt und liest. Diese Disziplin ist wichtig. Beim Schreiben entstehen ja erst die Ideen.

Haben Sie Vorbilder?

Ich liebe die Bücher von Fred Vargas, aber auch Åsa Larsson und Håkan Nesser schätze ich sehr.

Schaut man da auch schon einmal von den Kollegen ab?

Nein, es ist wichtig, den eigenen Stil zu finden. Man kann auch nicht abschreiben, das funktioniert einfach nicht. Ich will immer den Roman schreiben, den ich auch selbst gern lesen würde. Und das sind immer Romane, die eine Geschichte auf unverwechselbare, individuelle Weise erzählen und mir damit eine Facette der Welt zeigen, die ich so noch nicht kannte. Und das wiederum ist nur möglich, wenn ein Autor für sein Thema und seine Figuren brennt.

Sie sind in Naumburg/Saale geboren und aufgewachsen. Sind Sie noch verbunden mit der Stadt?

Als ich 1991 zum Studium ging, ist mir der Abschied schwer gefallen. Ich komme nach wie vor sehr gern her, Naumburg hat eine so schöne Umgebung, da kann Leipzig nicht mithalten. Mein Vater lebt ja auch hier, er ist sehr engagiert in seiner Stadt.

Wie hat sich Ihr Leben durch den Roman verändert?

Bisher nicht. Aber vielleicht verändert es sich jetzt gerade. Zur Buchmesse stehen einige Termine für Lesungen auch an prominenten Orten an. Autorin zu sein, gefällt mir schon.

Und welches Gefühl ist es, nun sein erstes Buch mit seinem Namen auf dem Cover zu sehen?

(schmunzelt) Das fertige Buch in den Händen zu halten und zu signieren, ist einfach großartig.

Claudia Rikl studierte Jura in Leipzig, später Literaturwissenschaft und Geschichte an der Fernuniversität Hagen. Die Autorin lebt ihrer Familie heute in Leipzig lebt. Ihr Romandebüt „Das Ende des Schweigens“ erschien bei Kindler im Rowohlt Verlag.

Die Premiere des Buches findet am 27. März ab 19 Uhr in der Stadtbibliothek Leipzig statt.

 

 

Alte Heimat – Johannes Bobrowski „Gesammelte Gedichte“

Zugegeben: In Schule und Studium blieb er von mir ungelesen. Er stand mit seinem Roman „Levins Mühle“, 1964 erschienen und verfilmt, zwar auf der umfangreichen Lektüreliste, die es galt, im Verlauf der Semester geduldig abzuarbeiten; mit der Zeit sah man dieser Liste mit Häkchen, Unterstreichungen und Eselsohren es allerdings auch an, wie sie mich durch die Jahre begleitet hat. Doch für andere Autorinnen und Autoren der DDR hegte ich zu jener Zeit ein größeres Interesse, wie Christa Wolf und Hermann Kant mit ihren Romanen, Stephan Hermlin mit seinen Erzählungen. Im vergangenen Jahr wurde mir der Name Johannes Bobrowski (1917 – 1965) wieder bewusst, er trat aus der Vielzahl bekannter und geschätzter DDR-Schriftsteller, wohl auch aus einer zweiten Reihe in den Vordergrund. Denn anlässlich seines 100. Geburtstages erschien der Band „Gesammelte Gedichte“ in der Deutschen Verlags Anstalt (DVA).   „Alte Heimat – Johannes Bobrowski „Gesammelte Gedichte““ weiterlesen