Antonio Muñoz Molina – „Schwindende Schatten“

„Die Zukunft hat Zeit, und Geschichten aus der Wirklichkeit enden abrupt.“

Die halbe Welt kennt James Earl Ray, als er mit einem Flugzeug aus London im Mai 1968 in Lissabon landet. Tausende Polizisten sind hinter dem Attentäter her, der am 4. April Martin Luther King, die Ikone der Bürgerrechtsbewegung, in Memphis erschossen hat. Ray, nun in Europa auf der Flucht, taucht unter. Er ist ein Schauspieler, er wechselt die Identitäten wie manche ihre Kleidung. Das Gefühl, als einer der meist gesuchten Verbrecher zu gelten, schmeichelt ihm. 2012 begibt sich der spanische Schriftsteller Antonio Muñoz Molina in Lissabon auf die Spuren des Amerikaners, seine Erinnerungen an seinen ersten Besuch in der portugiesischen Hauptstadt in den 80er-Jahren begleiten ihn dabei. In seinem autobiografisch gefärbten Roman „Schwindende Schatten“ lässt Molina seine eigene Biografie mit der des Martin-Luther-King-Attentäters verschmelzen.

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Lydia Sandgren – „Gesammelte Werke“

„Obwohl Rakel Berg nichts weniger brauchte als noch mehr Bücher (…).“

In zehn Jahren gründen die einen Familie und/oder Firma, bauen ein Haus, pflanzen einen Baum, die anderen jetten um die Welt, steigen auf mehrere 8.000er oder lernen drei asiatische Sprachen. In zehn Jahren kann sich ein Leben verändern oder in seiner alltäglichen Monotonie ohne Höhepunkte vergehen. Zehn Jahre sind es zwischen den ersten Passagen, die Lydia Sandgren schrieb, bis zur Veröffentlichung ihres ersten Romans „Gesammelte Werke“, ein Backstein von Buch, das auf meisterhafte Art viele Geschichten erzählt. 

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Auður Ava Ólafsdóttir – Miss Island

„Die Welt ist meine Erfindung.“

Die Diskussion über die fehlende Würdigung und Sichtbarkeit von Autorinnen wird in regelmäßigen Abständen entfacht und mal mehr mal weniger intensiv geführt. Allerdings gibt es sie nicht erst seit den vergangenen Jahren. Denn schon immer haben sich Frauen als Schreibende verstanden, die mit ihren Werken wahrgenommen werden wollen. Mit ihrem preisgekrönten Roman „Miss Island“ führt die isländische Schriftstellerin Auður Ava Ólafsdóttir in die 60er-Jahre. Eine Zeit des gesellschaftlichen Aufbruchs und Wandels, in der ihre Heldin, eine junge schreibende Frau, allerdings erfährt, dass in ihrem Land eher schöne als kluge und kreative Frauen gefragt sind.

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Blogbuster: 11 Fragen an Franziska Gänsler

Vor einigen Wochen stellte ich hier auf meinem Blog meine Entscheidung vor, wen ich in puncto Blogbuster in die nächste Runde schicke. Zwei Manuskripte, die ich sehr gern gelesen habe, hatten es mir nicht leicht gemacht, eine alles entscheidende Auswahl zu treffen: Sören Heim mit „Lenz“ sowie Franziska Gänsler mit „Kahn“.  Ihr –  meiner Kandidatin im Wettbewerb um den Preis der Literaturblogger – stellte ich nun für ein Interview einige Fragen. „Blogbuster: 11 Fragen an Franziska Gänsler“ weiterlesen

Biografie eines Autors – Lars Saabye Christensen „Der Sommer, in dem meine Mutter zum Mond fliegen wollte“

„Mein Herz war eine Schreibmaschine! Ich bemerkte meine blassen Knie und die Scharten in meinem Kopf, die diese Stille, die nur vom Tastenschlag des Herzens unterbrochen wurde, in die Schlucht hinausschrie. Ich wollte nicht auf mich selbst aufmerksam werden. Ich wollte in die andere Richtung, weg, so weit wie möglich weg von mir selbst.“

Fängt alles mit einem Spruch in einem Poesiealbum an? Oder mit einem Liebesgedicht? Womöglich sind es auch die ersten eigenen Zeilen eines etwas ungewöhnlichen Aufsatzes. Wo ist der Beginn eines Schriftstellerlebens? Christian fühlt diese Berufung bereits mit 15 Jahren, als die norwegische Frauenzeitschrift „Kvinner og klær“ (Frauen und Mode) eines seiner Gedichte veröffentlichen will. Für den Jungen soll dieser Sommer im Jahr 1969 ein außergewöhnlicher werden. Nicht nur erfährt Christian, dass sein Schreiben erfolgversprechend scheint. Während der Ferien auf der Insel Nesodden verliebt er sich zum ersten Mal, sein Vater bricht sich ein Bein. Und die Welt schaut gen Himmel. Denn die Menschen betreten zum ersten Mal den Mond.  „Biografie eines Autors – Lars Saabye Christensen „Der Sommer, in dem meine Mutter zum Mond fliegen wollte““ weiterlesen

Zurückgezogen – David Shields und Shane Salerno „Salinger. Ein Leben“

„Ich glaube, irgendwann musst du herausfinden müssen, wo du hin willst. Und dann musst du auch da hingehen. Aber sofort. Du kannst es dir nicht leisten, auch nur einen Augenblick zu verlieren. Du nicht.“ („Der Fänger im Roggen“)

Salinger. Da war doch was. Englischunterricht bei Herrn Polke und dann diese Lektüre. „Der Fänger im Roggen“, besser gesagt. „The Catcher in the rye“. Und ist es nicht so, dass neben den guten und den schlechten Lehrern vor allem die Bücher, die man lesen musste, sich in das Gedächtnis eingeprägt haben? Der 1951 erschienene Roman „Der Fänger im Roggen“ von J.D. Salinger (1919 – 2010) zählt da ganz gewiss dazu. Millionen von Jugendlichen haben ihn gelesen und geliebt. Seine Popularität besteht bis heute. Damit hat er einen Kultstatus erreicht, der nahezu ungebrochen ist und seinesgleichen sucht. Doch was wissen wir über den Autor selbst und die Entstehung des Romans? Sicherlich wenig. Wenn nicht in der derzeitigen Salinger-Begeisterung und unter den aktuellen Publikationen – so den beiden Romanen „Oona und Salinger“ von Frederic Beigbeder und „Lieber Mr. Salinger“ von Joanna Rakoff – auch eine bemerkenswerte Biografie heraussticht, die sich zum Ziel gesetzt hat, mit den Mythen und falschen Überlieferungen rund um die Person des Kultautors aufzuräumen. „Zurückgezogen – David Shields und Shane Salerno „Salinger. Ein Leben““ weiterlesen

Leben, um zu schreiben – Reiner Stach "Kafka. Die frühen Jahre"

„Wir brauchen aber die Bücher, die auf uns wirken wie ein Unglück, das uns sehr schmerzt, wie der Tod eines, den wir lieber hatten als uns, wie wenn wir in Wälder verstoßen würden, von allen Menschen weg, wie ein Selbstmord, ein Buch muß die Axt sein für das gefrorene Meer in uns. Das glaube ich.“ Franz Kafka

Er war ein leidenschaftlicher Schwimmer, liebte das Kino, mochte Indianergeschichten. Er hat auch nicht das Nachtleben in seiner Heimatstadt Prag verschmäht. Ganz im Gegenteil. Manchmal ging er auch zu den „leichten Mädchen“. Viele sehen womöglich, wenn sie den Namen Franz Kafka hören, einen schmalen Mann vor sich, der Tag und Nacht, über den Schreibtisch gebeugt, schreibt – ohne Unterlass. Zugegeben, Kafka war wirklich recht dünn. Das beweisen die historischen Fotografien, die ihn zeigen. Doch der am 3. Juli 1883, an einem schönen Sommertag in Prag zur Welt gekommene Schriftsteller liebte trotz einer nicht gerade fröhlichen Kindheit und gesundheitlichen Problemen sowohl das Leben als auch das Schreiben. Nur hatte er tragischerweise nur 40 Jahre Lebenszeit. „Leben, um zu schreiben – Reiner Stach "Kafka. Die frühen Jahre"“ weiterlesen

Pate für ein Buch – Wie und warum ich Bloggerin wurde!

Wie lassen sich akustische Lautäußerungen am besten mit Worten beschreiben? Klar, es gibt Verben wie „schreien“, „juchzen“ und „in die Hände klatschen“. Aber so richtig fassen sie nicht, wie ich mich am vergangenen Freitagnachmittag verhalten und staunende Mienen bei meinen Kollegen hervorgerufen habe. Vor allem beschreiben sie nicht diese innere Freude, die einen ausfüllt und schier überwältigt. Was war passiert? Auf der Internetseite der Leipziger Buchmesse  unter der Rubrik „Blogger“ stand mein Blog „Zeichen und Zeiten“. Ich war zu einem Blogger-Paten ernannt worden – von insgesamt 15. Mit dieser erstmaligen Initiative will die Buchmesse den Bloggern einen größeren Raum geben. Und ich denke, ohne anmaßend sein zu wollen und im Namen aller Blogger, wir alle haben diese besondere Würdigung verdient. Wir alle sind leidenschaftliche Botschafter der Bücher und Literatur und stehen oftmals näher zu den anderen Lesern und Bücherfreunden als so mancher Kritiker. Weil wir womöglich klarer schreiben, wenn uns ein Buch gefällt oder nicht gefällt? Weil wir weit unabhängiger sind?  „Pate für ein Buch – Wie und warum ich Bloggerin wurde!“ weiterlesen

Leben als Roman – Karl Ove Knausgård "Sterben"

„Der Tag kam immer mit mehr als bloßem Licht. So nieder- geschlagen man auch sein mochte, es war unmöglich, völlig unbeeindruckt davon zu bleiben, was er an Anfängen brachte.“

Das Leben als Roman, leben, lieben, leiden als Inhalt?! Es braucht keine Fiktion, kein Fantasie, um herausragende Literatur zu schreiben. Wer „Sterben“ des Norwegers Karl Ove Knausgård liest, wird beide vorherige Sätze ohne Zögern zustimmen können. Der Autor hat in seinem Heimatland mit seinem auf sechs Büchern angelegten autobiografischen Romanprojekt für Furore gesorgt und selbst für ein Vielleser-Land wie Norwegen traumhafte Verkaufszahlen erreicht. In Deutschland wird im Juni nach den Bänden „Sterben“, „Lieben“ und „Spielen“ der vierte mit dem Titel „Leben“ erscheinen. In Norwegen heißt das umfassende Werk „Min Kamp“ („Mein Kampf“), ein Titel den man hierzulande aus bekannten Gründen aus dem Weg geht. „Leben als Roman – Karl Ove Knausgård "Sterben"“ weiterlesen