Laura Miller (Hrsg.) – „Wonderlands“

„Ich bin nicht verrückt. Meine Realität sieht einfach anders aus als deine.“ (Hutmacher, aus: Lewis Carroll „Alice im Wunderland“) 

Wenn ich an meine Lesebiografie denke, fällt mir ein, wie unterschiedlich doch mein Interesse und Lesegeschmack im Verlauf der Zeit war. Zugegeben: Ich war in meiner Jugend Fan von Stephen King. Und nicht erst mit der legendären Verfilmung von Peter Jackson prägte mich das monumentale Werk „Der Herr der Ringe“ von J. R. R. Tolkien, das bekanntlich weit mehr ist als ein reines Fantasy-Meisterwerk. Heute bin ich zudem überzeugt oder habe das Gefühl, dass diese Literatur, vor allem die der Science-Fiction, leider nicht so gewürdigt wird, wie sie es verdient hätte, oder sogar belächelt wird.  Wie bunt, interessant und bedeutsam dieser Bereich jedoch ist, zeigt der wundervolle Prachtband „Wonderlands“ der amerikanischen Autorin und Journalistin Laura Miller.

Ein Schatz an Wissen und ein Geschenk

Schon einmal vornweg: Dieses reich bebilderte Buch, das im Übrigen nicht als Leichtgewicht daherkommt, ist geeignet für den weihnachtlichen Gabentisch, generell als Geschenk, und ein Muss für Fantasie- und Science-Fiction-Fans. Das Buch lädt ein zu einer Reise in die Geschichte der fantastischen Literatur, beginnend vom Gilgamesch-Epos, entstanden vor rund 3.000 Jahren, und Homers „Die Odyssee“ über Klassiker wie „Don Quijote“ von Miguel de Cervantes, Jules Vernes „20.000 Meilen unter dem Meer“ und „Gullivers Reisen“ von Jonathan Swift bis hin zu Romanen der jüngsten Vergangenheit beispielsweise von Salman Rushdie oder Haruki Murakami.

In 100 Essays werden berühmte wie hierzulande weniger bekannte Titel aus verschiedenen Ländern und Kulturen porträtiert, eingeteilt in fünf zeitlich beziehungsweise thematisch verschiedene Bereiche.  Alle Werke handeln in Ländern, die rein der Fantasie entspringen. Im Inhaltsverzeichnis wird auch auf das jeweilige Erscheinungsjahr verwiesen. Seinen Fokus lenkt der Band indes vor allem auf die englischsprachige Literatur, auch wenn er Werke anderer Länder und Kontinente einfängt. So unter andere mit berühmten Büchern wie Franz Kafkas unvollendeter Roman „Das Schloss“, Dantes Werk „Die Göttliche Komödie“ oder „Hundert Jahre Einsamkeit“ von Gabriel Garcia-Márquez.

„Fantastische Literatur befand sich schon immer in einem vielschichtigen Dialog mit der realen Welt.“

So mancher – wohl auch Vielleser – wird vermutlich seine Wunschliste um einige Titel ergänzen müssen. Ich habe jedenfalls Werke und Autoren entdecken können, die ich noch nicht kannte. Wie etwa „Der sechste Kontinent“ des amerikanischen Schriftstellers Edgar Rice Burroughs, „Die Töchter Egalias: ein Roman über den Kampf der Geschlechter“ der norwegischen Autorin Gerd Mjøen Brantenberg oder das Werk des dänischen-norwegischen Dichters Ludvig Holbergs mit dem Namen „Niels Klim unterirdische Reise“. Allerdings wird der eine oder andere bekannte Bücher vermissen: Beispielsweise fehlen mir die Märchen von den Gebrüder Grimm oder Hans Christian Andersen oder beispielsweise Michael Endes „Die unendliche Geschichte“ und Frank Herberts „Der Wüstenplanet“.

Rund 300 Illustrationen versammelt

Jedes Porträt umfasst Informationen zum Autor und zum geschichtlichen Hintergrund, zum Inhalt des Werkes, Bezüge zum Hier und Jetzt sowie mehrere Abbildungen. So verknüpft dieser Band auf wundervolle Weise Literatur mit Kunstgeschichte und zeigt deren gegenseitigen Einfluss auf. Versammelt sind rund 300 künstlerische Werke verschiedener Bereiche, so Ölgemälde, Stiche, Illustrationen, Plakate sowie Fotografien.

Illustration zum ersten Kapitel „Alte Mythen & Legenden“

In ihrem Vorwort geht die Herausgeberin auf die Rolle der fantastischen Literatur ein, die nicht nur mit ihren Fantasie-Welten und wunderlichen Geschöpfen den Leser in meist nicht real existierte Gegenden entführt und eine Flucht aus der Realität ermöglicht, sondern sich durchaus kritisch mit politischen wie gesellschaftlichen Problemen auseinandersetzt und darüber hinaus sich mit den Herausforderungen in naher wie ferner Zukunft beschäftigt. Zur Seite stand Miller ein großes Autorenkollektiv aus Schriftstellern, Journalisten, Kritikern sowie Wissenschaftlern. Die Liste der Co-Autoren ist lang und füllt allein vier Seiten. Schon allein das nötigt viel Respekt ab.

Vorstellung des Romans „1984“ von George Orwell

Laura Miller ist Mitbegründerin des Online-Magazins „Salon.com“. Derzeit ist sie als Kolumnistin für Bücher und Kultur beim Magazin „Slate“ tätig und schreibt zudem für bekannte Zeitungen und Zeitschriften. 2008 erschien ihr Buch „The Magician’s Book: A Skeptic’s Adventures in Narnia“. Miller lebt in New York. Wer nun ihren Band „Wonderlands“ in die Hand nimmt, begibt sich auf eine Reise durch die Literaturgeschichte und wundersame Welten und wird wohl auch die Bedeutung der fantastischen Literatur wahrnehmen.  Das sehr schön gestaltete Buch lädt dazu ein, es mehrmals zu durchblättern, darin zu lesen, die Illustrationen zu betrachten und sie vielleicht sogar zu bestaunen. Darüber hinaus regt „Wonderlands“ zur weiteren Lektüre an und öffnet somit Türen zu noch unbekannten Welten.


Laura Miller (Hrg.): „Wonderlands. Die fantastischen Welten von Lewis Carroll, J.K. Rowling, Stephen King, J.R.R. Tolkien, Haruki Murakami u.v.a.“, erschienen im Verlag wbg Theiss; in der Übersetzung aus dem Englischen von Hanne Henninger, Susanne Kolbert und Madeleine Kaiser; 320 Seiten, reich bebildert, 28 Euro

Foto von Nicole Baster auf Unsplash

3 Thoughts

    1. Oh ja, ich denke, dieses Buch ist wirklich ein schönes weil auch schön gestaltetes Geschenk. Interessant, dass Du „Die Töchter…“ schon gelesen hast. Ich kannte den Roman bisher noch nicht. Mal sehen, ob es noch eine deutsche Ausgabe gibt. Liebe Grüße zurück

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