Antonio Muñoz Molina – „Schwindende Schatten“

„Die Zukunft hat Zeit, und Geschichten aus der Wirklichkeit enden abrupt.“

Die halbe Welt kennt James Earl Ray, als er mit einem Flugzeug aus London im Mai 1968 in Lissabon landet. Tausende Polizisten sind hinter dem Attentäter her, der am 4. April Martin Luther King, die Ikone der Bürgerrechtsbewegung, in Memphis erschossen hat. Ray, nun in Europa auf der Flucht, taucht unter. Er ist ein Schauspieler, er wechselt die Identitäten wie manche ihre Kleidung. Das Gefühl, als einer der meist gesuchten Verbrecher zu gelten, schmeichelt ihm. 2012 begibt sich der spanische Schriftsteller Antonio Muñoz Molina in Lissabon auf die Spuren des Amerikaners, seine Erinnerungen an seinen ersten Besuch in der portugiesischen Hauptstadt in den 80er-Jahren begleiten ihn dabei. In seinem autobiografisch gefärbten Roman „Schwindende Schatten“ lässt Molina seine eigene Biografie mit der des Martin-Luther-King-Attentäters verschmelzen.

Ein Ort der Inspirationen

An einem Januartag steigt der Schriftsteller, damals 30 Jahr alt, in Madrid in den Nachtzug nach Lissabon. Er schreibt an seinem zweiten Roman und braucht dafür Inspiration – Orte, Stimmungen, Personen. Er lässt seine Frau mit den beiden kleinen Kindern in Granada zurück, das jüngste ist nur wenige Monate alt. Molina arbeitet damals noch als Beamter, er schreibt in der Nacht wie ein Besessener oder wenn es die Zeit erlaubt. Die Beziehung scheint oftmals eher eine flüchtige Wochenend-Beziehung als eine innige Ehe zu sein. Er begibt sich ins Nachtleben Lissabons, besucht Kneipen und Jazz-Bars. Mit dem Erscheinen des Romans „Der Winter in Lissabon“ wächst seine Bekanntheit. Er gibt seine ihn nicht erfüllende berufliche Tätigkeit auf und konzentriert sich voll und ganz auf sein Schreiben, das ihm und seiner Familie mehr finanzielle Sicherheit und Spielräume bietet.

Molina

Mehr als 25 Jahre später kehrt Molina nach Lissabon zurück. Mittlerweile ist er berühmt und mittlerweile hat er eine neue Frau an seiner Seite. In der Stadt am Tejo zieht er durch Straßen und Gassen, sucht er all die Orte auf, an denen der Attentäter damals war. Doch vieles ist nicht mehr so wie einst. Geblieben ist indes die besondere Atmosphäre, die die Stadt umgibt, und ihre markanten Sehenswürdigkeiten und Plätze. Der Spanier berichtet von Rays innerer Unruhe, der Geldnot und den Bemühungen, ein Visum für ein fremdes Land, wo ihn keiner kennt, zu erhalten. Ferner schildert er die von Armut, Alkoholismus und Gewalt beherrschte Kindheit und Jugend des Amerikaners, den Beginn seiner kriminellen Karriere und den Ausbruch aus dem Gefängnis in einem Brotwagen. Die ersten Jahre der Flucht, die ihn auch nach Mexiko führt, folgen, bis letztlich Ray mit den Vorbereitungen seiner blutigen und folgenreichen Tat beginnt. Im Zuge seiner aufwendigen Recherche sucht der Spanier schließlich auch Memphis und den Schauplatz des Verbrechens auf.

„An einem Ort von solcher Kraft verschmelzen weit voneinander entfernt Personen im Lauf der Zeit zu einem einzigen Ganzen.“

Auf drei Handlungsstränge verteilt Molina das Geschehen seines überaus komplexen Romans, die Zeitspanne von mehr als 50 Jahren absolviert der Leser in größeren Sprüngen. Ein Kapitel widmet sich dem Aufstieg Martin Luther Kings zu einem der bekanntesten Bürgerrechtler in den USA. Es sind nicht nur die Ereignisse und Begegnungen, von denen Molina erzählt. Er wirft darüber hinaus einen Blick sowohl in das Wesen des Mörders als auch in sein ganz persönliches Innenleben. Er schildert Ray als akribischen Zeitungsleser und Krimi-Fan, der in seinen Notizen davon schreibt, im Auftrag gehandelt zu haben. Auch dieses Attentat wird wie andere auch von Verschwörungstheorien begleitet. Mit sich selbst geht Molina hart und schonungslos ins Gericht. Er schreibt über seine Lügen, wie er seine Familie im Stich gelassen hat, dem Alkohol einige Zeit zugetan war.

„Die Erinnerung webt insgeheim an ihrer schlaflosen Romanversion, macht das Erlebte zum fruchtbaren Mutterboden der Fiktion.“

Molina, 1956 in Andalusien geboren, studierte Journalismus und Kunstgeschichte in Madrid und Granada. Er zählt zu den wichtigsten Gegenwartsautoren seines Landes. Für seine Werke ist er bereits mehrfach ausgezeichnet worden. Für „Schwindende Schatten“ war er 2018 für den Man Booker International Prize nominiert. 1995 wurde er in die Königliche Akademie für Sprache und Dichtung aufgenommen. Molina lebt derzeit in Madrid und New York. Zuletzt erschien in deutscher Übersetzung sein Buch „Gehen allein unter Menschen“.

Vom Akt des Schreibens

„Schwindende Schatten“ ist vor allem ein spannendes, eindrückliches und allerdings manchmal auch leicht ausschweifendes Buch über den Akt des Schreibens, jenen komplexen und oftmals schwer zu erklärenden und zu fassenden Prozess, bei dem reale Erlebnisse, Erfahrungen sowie Erinnerungen mit der Fantasie verschmelzen, daraus schließlich Literatur entsteht. Molina hat viele Inspirationsquellen, zu denen nicht nur Orte und Personen, sondern auch die Musik sowie der Film zählen. Wie im Jazz scheinen sich auch in der schöpferischen Entstehung von Literatur Disziplin und Kontrolle mit Improvisation und Leichtigkeit zu vereinen. Der facettenreiche Roman bereitet eine fordernde wie prägende Lektüre und macht letztlich die Stadt Lissabon, die unzählige Reisende jedes Jahr in ihren Bann zieht, zu einer besonderen Hauptfigur, auf das man den Koffer am liebsten erneut packen würde.


Antonio Muñoz Molina: „Schwindende Schatten“, erschienen im Penguin Verlag, in der Übersetzung aus dem Spanischen von Willi Zurbrüggen; 512 Seiten, 26 Euro

Foto von hoch3media auf Unsplash

4 Thoughts

  1. Nach Deiner Rezension möchte ich nicht nur den Koffer packen, um nach Lissabon zu reisen, sondern nach Jahren endlich auch wieder etwas von Muñoz Molina lesen. Seine Romane „Die Augen eines Mörders“ und „Sepharad“ haben mir seinerzeit hervorragend gefallen.

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    1. Vielen Dank für Deinen Kommentar! Ja, ich hätte auch gern den Koffer gepackt. Lissabon hat mich vor einigen Jahren sehr fasziniert, als ich für ein paar Tage dort war während eines Städtetrips. Und Molina kenne ich durch einen früheren Roman. Mir gefällt sein Stil sehr. Deshalb Danke für Deine Tipps, den die Titel kenne ich noch nicht. Viele Grüße

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