Überleben – Gusel Jachina „Suleika öffnet die Augen“

„Als ob man sie ans andere Ende der Welt bringen will …“

Mit 15 Jahren wird sie mit dem weit älteren Murtasa verheiratet. Vier Töchter bringt sie zur Welt, die alle kurz nach der Geburt sterben. Mit 30 ist Suleika bereits Witwe, ein Rotarmist erschießt ihren Mann. Haus und Hof werden beschlagnahmt. Wenige Tage später findet sie sich in einem Waggon mit anderen Einwohnern ihres Heimatortes Julbasch, unweit von Kasan gelegen, wieder – eingepfercht mit weiteren Gefangenen auf der Fahrt gen Osten. Was sie zum Beginn der Reise noch nicht weiß: Sie ist schwanger und bis zum Ziel sind es noch mehrere Monate. Viel ist schon über die zahlreichen Lager geschrieben worden, die sich wie ein Netz über die Weite Sibiriens erstrecken. Doch bisher hat wohl niemand in einer so eindrucksvollen Bildhaftigkeit die Entstehung eines solchen Lagers aus der Sicht einer Frau geschrieben wie Gusel Jachina in ihrem Debüt „Suleika öffnet die Augen“, das von den 1930er- und 1940er-Jahren erzählt.

Großartige Prosa

Bereits für diesen Erstling regnete es Preise. Die 1977 in Kasan geborene russische Autorin mit tatarischen Wurzeln erhielt unter anderem den Jasnaja-Poljana-Preis und – was womöglich eine ähnlich große Ehre bedeutet – das Lob einer der bedeutendsten Autorinnen ihres Heimatlandes: Ljudmila Ulitzkaja, deren neuestes Werk „Jakobsleiter“ im August bei Hanser erscheinen wird, würdigte in einem Geleitwort zum Roman dieses Werk als großartige Prosa und reiht es in die Tradition der bikulturellen Autoren ein, die einer anderen Ethnie angehören, jedoch in Russisch schreiben. Tschingis Aitmatow und Juri Rytchëu – ihre Werke erscheinen in deutscher Übersetzung im Unionsverlag – zählt sie unter anderem auf.

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Auch die Herkunft der Heldin spielt eine wesentliche Rolle. Suleika, tatarische Bäuerin und Muslimin, und ihr Mann stehen zu Beginn des Romans unter der Beobachtung der Rotarmisten, da sie sich nicht der Kollektivwirtschaft, einer Kolchose, anschließen wollen und als Kulaken gelten. Sie müssen hohe Abgaben leisten: Lebensmittel, Tiere und Saatgut werden eingefordert. Das Ehepaar versucht, dieser Ausbeutung zu entgehen, in dem sie Besitztümer verstecken – oft an obskuren Orten wie die Gräber der Töchter. Suleika leidet doppelt. Zu dieser unsicheren Lage kommt die unwürdige und menschenverachtende Behandlung hinzu, die sie von ihrem Mann und dessen Mutter erfährt. Beide sehen in ihr eine Sklavin, Putzfrau und Hure. Murtasa wird an einem Wintertag von dem Rotarmisten Ignatew erschossen. Dessen und Suleikas Leben sind fortan, ohne dass sie es vorher erahnen können, miteinander verknüpft. Ignatew wird als Kommandant nicht nur die Verantwortung über den Zug mit den Umsiedlern und Gefangenen nach Sibirien, sondern mit der Ankunft in der tiefsten Taiga auch über das entstehende Arbeitslager haben – gegen seinen Willen.

Das Individuum ordnet sich unter

Nicht nur mit Ignatew und Suleika als Hauptfiguren verdeutlicht die Autorin dem Leser, wie der kommunistische Staat unter Stalin das Leben der Menschen beeinflusst hat. Das Individuum ordnet sich einem größeren politischen Ziel unter. Keiner kann sich sicher sein, dass er nicht eines Tages als Systemfeind verhaftet, getötet oder in ein Lager deportiert wird. Es herrscht eine Stimmung der Angst und Feindseligkeit. Selbst hochrangige Wissenschaftler oder Angehörige der Armee werden verfolgt, weil sie verraten werden, wie beispielsweise der namhafte Mediziner Wolf Karlowitsch Leibe, der Suleika bei der Geburt ihres Sohnes Jusuf inmitten der Taiga unter unwirtlichen Bedingungen zur Seite steht. Das Lager am Ufer des Flusses Angara wird aus dem Nichts aufgebaut. Um zu Überleben, werden Reisighütten, später eine Erdhöhle gebaut, Tiere gejagt, Kräuter gesammelt. Inmitten der noch menschenleeren und weiten Wildnis, wo die Wintertage bitterlich kalt sind, wilde Tiere umherstreifen. Suleika, dessen Sohn wächst und gedeiht, wird zu einer der fähigsten Arbeiterinnen. Sie zählt zu den erfolgsreichsten Jägern, die unerschrocken die Taiga erobert, und unterstützt zusätzlich Leibe im Lazarett.  Für eine kurze Zeit finden die Tatarin, die noch immer vom Geist ihrer uralten Schwiegermutter verfolgt wird, und der Kommandant zueinander. Mit den Jahren, in denen der Kriegs ausbricht und wieder beendet wird, wächst das Lager, bekommt es mit Strelka auch einen Namen, werden von hier viele Erzeugnisse, selbst Kunstwerke, abgenommen und dem Staat zugeführt. Agitation und Spionage werden eingeführt, eine Schule wird gebaut, ein Klubhaus errichtet.

„Ob im Urman tatsächlich Geister hausen, hat sie bisher nicht herausgefunden. In diesen sieben Jahren ist sie über so viele Hügel und durch so viele Schluchten gegangen, hat so zahlreiche Bäche überquert und ist doch nie einem begegnet. manchmal glaubt sie schon, der Geist – das sei sie selbst…“

Jachina gelingt es in ihrem Roman eindrucksvoll, sowohl das private Leben als auch das große politische und gesellschaftliche Geschehen zusammenzuführen. Das Schicksal und das Leben der Umgesiedelten wechselt sich ab mit dem Blick für das große Ganze. Suleika wird Teil einer Gemeinschaft, ohne sowohl ihre gewachsene Stärke und Selbstständigkeit als auch ihr Bewusstsein als Frau und treusorgende Mutter zu verlieren. Neben der Heldin hat die russische Autorin weitere markante Charaktere auf plastische und anschauliche Weise mit all ihren Stärken und Schwächen geschaffen; so Ignatew, der selbst als Kommandant Herz beweist, für die Bewohner des Lagers sorgt und dadurch jedoch in Ungnade fällt, der niederträchtige und windige Gorelow, dem der Aufstieg gelingt, und der Künstler Ikonnikow, der Jusufs Lehrmeister wird.

Viele der Figuren bleiben in Erinnerung. Und nicht minder die oftmals erschütternde Handlung, die Jachina mit bildreichen und stimmungsvollen Szenen aus verschiedenen Blickwinkeln gesehen und in unterschiedlichen Tönen erfasst, mal düster und bedrohlich, manchmal auch humorvoll heiter, erschafft. „Suleika öffnet die Augen“ ist ein großes Werk, das sich in den Leser einschreibt und auch beweist, dass große Geschichte vor allem durch das Schicksal von Einzelnen erfassbar wird.

Weitere Besprechungen des Romans gibt es auf „Astrolibrium“ und „literaturleuchtet“.


Gusel Jachina: „Suleika öffnet die Augen“, erschienen im Aufbau Verlag, in der Übersetzung aus dem Russischen von Helmut Ettinger; 541 Seiten, 22,95 Euro

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