Mut – Frida Nilsson „Siri und die Eismeerpiraten“

„Die guten Dinge hinterlassen gute Spuren … und die schlimmen Dinge hinterlassen schlimme Spuren.“

Das Eismeer: eine weiße weite unwirtliche Welt. Stolze Schiffe segeln von Hafen zu Hafen, von kleinen Inseln zu winzigen Schären. Fische und Meerjungfrauen tummeln sich im Wasser. Ja, auch stolze Meerjungfrauen. Die Geschöpfe sind nicht nur Seemannsgarn. Es gibt sie wirklich. Auf ihrer Reise von ihrer Heimatinsel Blautum nach Senkum lernt Siri ein solch merkwürdiges Wesen kennen. Es ist nur eine von vielen ihrer besonderen Begegnungen auf ihrer ungewöhnlichen und gefährlichen Reise. Siri will ihre kleine Schwester Miki befreien, die von den gefürchteten Eismeerpiraten rund um Kapitän Weißhaupt gekidnappt wurde.  In ihrem neuen Kinderbuch erzählt Frida Nilsson diese abenteuerliche Geschichte.

Mit Lindgren-Preis geehrt

Die Schwedin, Jahrgang 1979, zählt zu den erfolgreichsten Kinderbuch-Autoren ihres Landes. Sie arbeitet zudem als Fernsehmoderatorin und Synchronsprecherin, seit 2004 verfasst sie Kinderbücher. Nilsson war 2006 für den Augustpreis nominiert, erhielt wenige Jahre später den renommierten schwedischen Astrid-Lindgren-Preis für ihr Gesamtwerk. Mehrmals stand sie auf der Liste der Nominierten für den Deutschen Jugendliteraturpreis. Der erste ins Deutsche übersetzte Titel war „Hedvig! Das erste Schuljahr“. Bekannt ist sie dafür geworden, ihre Geschichten an ungewöhnlichen Orten zu platzieren. Wie es durchaus auch in ihrem neuesten Werk nun der Fall ist. Denn das Eismeer, nicht die bekannte Arktis oder Antarktis wie wir sie aus Atlanten, von Globen oder vielleicht sogar von eigenen Reisen kennen, sondern eine fiktive Welt hat Nilsson erschaffen.

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Die Illustrationen des Buches stammen von Torben Kuhlmann.

Wer die wunderbar von Torben Kuhlmann illustrierte Karte im Buch sich genauer anschaut, wird keine bekannten Namen finden, sondern eher unbekannte Gestade, wie Ankerum oder Kantum, die Niemands- oder die Wolfsinseln. In dem kleinen Ort Blauwiek auf Blautum lebt Siri mit ihrer Familie: mit Miki und ihrem Vater. Die Mutter ist kurz nach der Geburt der kleinen Schwester verstorben. Deshalb schmerzt der Verlust von Miki durch die bösartigen Eismeerpiraten umso mehr, deshalb nimmt Siri auch all ihren Mut zusammen, um ihr Dorf zu verlassen und in die große weite Welt zu gehen, um die Eismeerpiraten zu finden. Doch Siris Antrieb rührt auch von einer gewissen Schuld her. Sie ließ bei einem Ausflug auf die benachbarte Schäre ihre Schwester allein, obwohl die Gefahr bestand, dass das Kind gekidnappt werden könnte. Allzu oft machen jene entsetzlichen Nachrichten die Runde, nachdem ein Mädchen oder ein Junge wieder verschwunden ist.

„Es ist immer leichter, den feigen Weg zu gehen. Aber manchmal im Leben wählt man auf einmal den mutigen Weg. Und das ist ein großes Glück für alle anderen.“

Auf ihrer Reise macht Siri die ungewöhnlichsten Begegnungen. Sie lernt Nanni die Wolfsjägerin, den Jungen Einar und seine Mutter Anna, das drollige Kind einer Meerjungfrau sowie den Schiffskoch Fredrik kennen. Mit ihm wird Siri eine besondere Freundschaft verbinden, da sie dasselbe Schicksal teilen: Beide haben eine Schwester durch die Eismeer-Piraten verloren. Obwohl sie sich mehrfach ungewollt trennen, führen ihre Wege zu entscheidenden Situationen immer wieder zusammen. Selbst dann, als Sturmbart, der Kapitän des Schiffes „Polarstern“, auf dem der junge Mann und das Mädchen unabhängig voneinander angeheuert haben, Siri aussetzt und weiter segelt. Selbst dann, als beide von den Piraten gefangengenommen und  dabei erneut getrennt werden. Während Fredrik eingesperrt wird, muss Siri im Bergwerk-Stollen schuften, dort, wo jene gekidnappten Kinder und Jugendlichen für den Piraten-Kapitän Weißhaupt unter Tage das Gestein schlagen und bergen sowie Diamanten finden müssen.

Wesenszüge der Menschen

Das Buch erzählt dabei mehr als nur eine spannende Geschichte, die ein wenig an die berühmte Odyssee erinnert, wo bekanntlich Odysseus ebenfalls ungewöhnliche Orte und ungewöhnliche Gestalten erlebt, er sich auch immer mit seiner Mannschaft in Lebensgefahr befindet. „Siri und die Eismeerpiraten“ erzählt vor allem dank markanter Protagonisten von den unterschiedlichen Wesenszügen der Menschen: Da ist Fredrik, eine treue Seele, dem Freundschaft wichtig ist, da ist Kapitän Sturmbart, der ein falscher „Fuffziger“ ist. Die Mutter von Einar hält die Dinge in Ehren und repariert sie und verdient damit Geld, um sich und ihren Sohn zu ernähren. Weißhaupt schließlich beutet Kinder und Tiere aus, um an die Diamanten zu kommen. Auf der Suche nach dem Edelstein zeigt er weder Reue noch ein Gewissen – angesichts der Kinder, deren Kindheit oder sogar deren Leben durch die harte aufreibende Arbeit genommen wurde. Im Gegensatz dazu fühlt Taube, die „Adoptivtochter“ Weißhaupts und Aufseherin der Kinder, Mitleid. Ihr wird im Verlauf der Geschichte noch eine besondere Rolle zufallen. Im Mittelpunkt steht natürlich Siri: ein Energiebündel, mit Mut, einem starken Willen und einem Herzen auf dem rechten Fleck gesegnet.

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Vor jedem Kapitel steht eine passende Zeichnung.

Nilssons Werk ist für Kinder ab zehn Jahren geeignet, so die Empfehlung des Gerstenberg Verlags; doch auch Erwachsene werden ihre Freude an diesem wunderbaren Band haben, der spannend und berührend zugleich ist. An vielen Stellen gibt es Szenen, die sich einprägen, deren Worte zum Nachdenken anregen. Es geht um Menschlichkeit und Hilfsbereitschaft, Schuld und Wiedergutmachung, Nachhaltigkeit und den Schutz bewahrenswerter Dinge anstatt einer rücksichtslosen Ausbeutung von Wesen aller Art sowie von Ressourcen. So passt das Kinderbuch mit seinem ungewöhnlichen fantasievollen Schauplatz und Geschehen wohl sehr gut in die heutige Zeit. Die Zeichnungen von Torben Kuhlmann, der bereits für die Illustrationen zahlreicher erfolgreicher Kinderbücher wie beispielsweise „Armstrong: Die abenteuerliche Reise einer Maus zum Mond“ (NordSüd Verlag) verantwortlich zeichnete, machen die liebevolle Ausstattung des Bandes erst aus.

Eine weitere Besprechung gibt es auf „Ankes Blog“.


Frida Nilsson: „Siri und die Eismeerpiraten“, erschienen im Gerstenberg Verlag, aus dem Schwedischen von Friederike Buchinger, mit Bildern von Torben Kuhlmann; 376 Seiten, 14,95 Euro

Foto: pixabay