Brüder – Kris Van Steenberge „Verlangen“

„Vögel im Käfig verlieren das Fliegen.“

Ypern, die Stadt in Westflandern mit ihren heute rund 35.000 Einwohnern, hat sich in die Geschichtsbücher eingeschrieben. Wenngleich auch in düsterer Weise. Während des Ersten Weltkriegs fanden hier vier große Schlachten statt, testeten die deutschen Truppen zum ersten Mal Senfgas aus. Einen kleinen realen Ort namens Woesten nahe Ypern setzt Kris Van Steenberge in den Mittelpunkt seines Debütromans „Verlangen“, der neben dem Krieg auch vom Dorfleben und einer besonderen Familie erzählt. 

Ungleiches Zwillingspaar

Der Vater, Guillaume Duponselle, ist ein erfolgreicher und angesehener Arzt aus sehr gutem Haus, die Mutter mit Namen Elisabeth die Tochter des Schmieds. Sie werden Eltern von zwei Söhnen, einem Zwillingspaar, das Leben könnte beschaulich und für alle in Zufriedenheit verlaufen. Doch während der um wenige Minuten ältere Sohn eine Schönheit ist, kommt das zweite Kind mit einem unansehnlichen Gesicht zur Welt. Der Erstgeborene wird auf den Namen Valentijn getauft, der Nachzügler heißt fortan Namenlos. Der Schöne wird zum Liebling der Familie und des Dorfes, der Deformierte wird versteckt, um ihn nicht dem Gespött auszusetzen, und nur von seiner Mutter und seiner Tante innig geliebt und beachtet. Namenlos belastet die Ehe von Guillaume und Elisabeth, die bereits zuvor unter der Trunksucht des Mannes und der Sprachlosigkeit und Enttäuschung beider gelitten hat. An einem Tag wird Elisabeth erschlagen im Haus der Familie aufgefunden. In Verdacht gerät Guillaume. Seine Mutter nutzt ihre Kontakte, um ihn vor dem Gefängnis zu bewahren. Er wird zur Armee eingezogen und mit Beginn des Krieges als Arzt an die Front geschickt. Und nicht als einziger aus der Familie.

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Valentijn zieht es freiwillig zur Armee. Und beide, Vater wie Sohn, ahnen nicht, dass sie eines Tages inmitten des Schlachtengetümmels aufeinandertreffen, wodurch das Leben beider eine Wendung erfährt. Obwohl der Krieg mit seinen grausamen und blutigen Szenen einen wichtigen Teil des Geschehens ausmacht, ist das Debüt des belgischen Dramatikers und Regisseurs keineswegs ein reiner Kriegsroman. Ganz im Gegenteil. Der Leser erfährt viel mehr über das kleine Dorf Woesten nahe Ypern und die vierköpfige Familie als über die einstigen Kriegsgeschehen rund um die Stadt.

Van Steenberge, 1963 im belgischen Lier geboren, gelingt dieser weitumfassende Rundum-Blick dank einer eigenwilligen und klugen Erzählkonstruktion. Er lässt das Geschehen nacheinander von den vier Familienmitgliedern berichten: von Elisabeth, Gulliaume sowie von den beiden Brüdern Valentijn und Namenlos. Damit wird ein weiter zeitlicher Bogen von der Kindheit der Eltern bis hin zu jenen Jahren, als das Zwillingspaar erwachsen ist, gespannt. Keineswegs erhält damit das Geschehen einen öden Anstrich durch gewisse Redundanz, wie es in einigen Kommentaren auf der Internetseite eines allseits bekannten Online-Versandhändlers zu lesen ist.  Wenngleich es einige wenige Wiederholungen gibt, werden vielmehr die einzelnen entscheidenden Szenen Stück für Stück weiter ausgestaltet sowie weitere interessante Details im Leben der Protagonisten hinzugefügt. Zudem geben Guillaume und Elisabeth jeweils Einblicke in ihre Kindheit und Jugend: Während sie sehnlichst erhofft, eines Tages dem allzu tristen Dorfleben zu entfliehen, wird Gulliaume den ehrgeizigen Ansprüchen seiner Mutter – der Vater, ein Seifenhändler, ist bereits früh verstorben – nicht gerecht. Statt ein renommierter Chirurg zu werden, findet er sich als Landarzt im Haus seiner Frau praktizierend wieder.

„Man spült den letzten Überrest der Seele, den letzten Schweiß seiner Vorfahren nicht weg.“

Trotz dieser umfassenden und farbenprächtigen sowie spannenden Geschichte: Das Figuren-Ensemble, das Van Steenberge mit psychologisch und mit viel Herz und Menschlichkeit ausgestaltet, bleibt recht überschaubar. Neben der Familie und weiteren Angehörigen werden Herr Funke, ein Deutscher, den die Einwohner als Fremden und mit Argwohn betrachten und der mit Elisabeth ein freundschaftliches Verhältnis pflegt, der ihr die Liebe zur Literatur und die Sehnsucht nach einem reicheren selbstbestimmten Leben vermittelt, sowie Elisabeths erste Liebe Hendrik im Lauf der Handlung entscheidende Rollen übernehmen. Vor allem dann, als mehr oder weniger ermittelt wird, wer der Mörder Elisabeths ist. Eine Frage, die erst am Ende des Buches geklärt wird, deren Antwort allerdings schon eher im Kopf des einen oder anderen Leser schlummert. Im Gegensatz zu den psychologisch geformten Hauptfiguren erscheint die Dorfgemeinschaft als eine homogene Masse, die nicht unwesentlich Einfluss auf die Familie ausübt. Sie hat alles genau im Blick und ist das beste Medium, wenn es um die neuesten Nachrichten oder allgemein das Leben und den Alltag der Einwohner geht.

Versöhnlicher Abschluss

Das Ende, in denen die Stimmen der Brüder zusammengeführt werden, ist angesichts der schrecklichen und dramatischen Ereignisse versöhnlich und sehr ergreifend, ohne dabei in den Kitsch abzugleiten. Valentijn kommt als Krüppel aus dem Krieg, Namenlos aus dem Kloster, wo er mehrere Jahre verbracht hat. Ohne allzu viel vorwegnehmen zu wollen: Sie werden trotz ihrer Unterschiede gemeinsam den Traum ihrer Mutter verwirklichen und damit die getrennte Familie auf ihre Weise zusammenführen. „Verlangen“, als bestes flämisches Debüt mehrfach ausgezeichnet und zugleich Vorlage für eine künftige Verfilmung, ist ein großer Porträt einer Familie und einer besonderen Zeit mit eindrucksvollen Szenen und Bildern sowie Helden, die man so schnell nicht vergessen wird.


Kris Van Steenberge: „Verlangen“, erschienen im Verlag Klett-Cotta, in der Übersetzung aus dem Niederländischen von Waltraud Hüsmert, 438 Seiten, 24,95 Euro

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