Nur weg – Andreas Moster „wir leben hier, seit wir geboren sind“

„Es gibt keine falschen Entscheidungen, jede Abbiegung vervielfacht die Möglichkeiten.“

Ein Mann kommt eines Tages in ein Dorf. Der Name des Ortes, in den Bergen gelegen, tut nichts zur Sache. Georg Musiel, der Fremde, soll die Wirtschaftlichkeit des örtlichen Steinbruchs prüfen. Was er bei seiner Reise und am ersten Tag an seinem Ziel wohl nicht ahnen kann: Er wird das Leben des Dorfes gehörig auf den Kopf stellen. Nichts wird mehr sein wie früher – für viele Einwohner. Zwischen der Ankunft und dem tragischen Geschehen am Ende des eindrucksvollen Debüt-Romans „wir leben hier, seit wir geboren sind“ von Andreas Moster liegen knapp 170 Seiten und mit Blick auf die Erzähl-Zeit nur wenige Tage.

Große Suggestiv-Kraft

Moster ist Übersetzer und lebt in Hamburg. Er studierte Englische Philologie, Neuere und Neueste Geschichte sowie Kommunikationswissenschaft, schloss zudem ein Fernstudium ab. Während seiner Tätigkeit als freier Übersetzer beschäftigt er sich allerdings hauptsächlich mit Texten aus den Bereichen Jura und Wirtschaft, wie er in einem Interview für den Blog „Zeilensprünge“ erzählte. Deshalb ist sein erster Roman in gewissem Sinne eine besondere Premiere. Und deshalb wohl umso mehr erstaunlicher. Ihm gelang mit einer auf den ersten Blick einfachen Story und einer sehr klaren, auf das Wesentliche reduzierten, aber zugleich poetischen wie kraftvollen Sprache ein Werk mit einer großen Suggestiv-Kraft. Mich hat die Geschichte um das Dorf und fünf Mädchen und ihre Familien, die im Mittelpunkt stehen, in den Bann gezogen. Wegen einer Spannung aufgrund überschlagender Ereignisse und aktuellen wie allgemeingültigen Themen, auf die das Geschehen anspielt.

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Das Buch setzt auch durch seine besondere Gestaltung in Form eines bedruckten Umschlags aus Plastik spezielle Akzente.

Erzählt wird das Geschehen aus mehreren Perspektiven. Vor allem Ay, die Tochter des Fährmanns, ist es, die als eine Art Sprecherin in der „wir-„Form für sich und ihre vier Freundinnen berichtet. Auch Georg, der Fremde, übernimmt die Funktion des Erzählers. In ihn hat sich Ay verliebt, die mit Ada, Cass, Lilianne und Séraphine nichts sehnlicher wünscht, als das Dorf zu verlassen, in die Fremde zu ziehen. Ein wohl sehr menschlicher Wunsch und durchaus nachvollziehbar – erkennt man, wie die Uhren in dem Dorf ticken. Es ist eine recht öde, düstere und in sich abgeschlossene Welt, die Moster entwirft. Die Männer des Ortes ziehen mit den wenigen Maultieren, die sie haben, tagtäglich zu ihrer monotonen Arbeit in den nahe gelegenen Steinbruch. Die Mädchen sind wegen ihrer teils schweren und verantwortungsvollen Aufgaben im Haus und Hof allzu früh erwachsen geworden.

Gewalttätige Herrschaft

Aus Kalkstein besteht das ganze Dorf. Zeitgleich wird an einer Mauer gebaut, um den Ort vor gefährlichen Erdrutschen zu schützen. Die Gleise, die ins Tal führen, symbolisieren die Ferne und gleichzeitig den Wunsch, dem Dorf und dem gleichförmigen Alltag zu entfliehen, in dem die Frauen nichts zu sagen und unter der oftmals gewalttätigen Herrschaft der Männer zu leiden haben.  Vor allem dann, als Georg aus der Dorfgemeinschaft verstoßen wird, nachdem er den Steinbruch besucht hat, auf Ungereimtheiten stößt und ein tragischer Unfall geschieht. Die Mädchen sorgen fortan für ihn, bringen Essen und Decken in eine Höhle, in die der Fremde Zuflucht findet. Doch dann geschieht ein Mord, der Verdacht fällt auf Georg, die Mädchen werden für ihre Hilfe auf perfide Art und Weise bestraft. Bei einem traditionellen Fest kommt es zum Aufstand der Mädchen.

„So ist es immer. Wir liegen am Fluss und träumen von Dingen, die hätten sein können, aber nicht sind, reden davon und tun nichts, außer Fliegen zu fangen und wieder freizulassen.“

„wir leben hier, seit wir geboren sind“ ist vor allem ein Buch der Kontraste und Gegensätze, das Bild für Bild, Szene für Szene wie bei einem Puzzle eine archaische Welt und ihre Gesetze offenlegt. Hier ist das Dorf, dort die Fremde und jener rätselhafte Mann, der von dort gekommen war. Die menschliche Wärme und Sehnsucht der Mädchen stehen der kalten Welt der Männer gegenüber, die mit harter Hand die überschaubare Gemeinschaft regieren, vor allem dann, als durch die Nähe der Mädchen zum Fremden unüberbrückbare Spannungen entstehen. Entsetzen verursachen die unbeschreiblichen Wutausbrüche der Männer, die sich sowohl gegen lieb gewonnene Tiere als auch gegen die Frauen richten. Wie Moster die Mutter Ays beschreibt, die ihre „Hälften zusammenbringen muss“, lässt ein abstraktes Gemälde im Kopf des Lesers entstehen und zeigt indes klar Wunden und Verletzungen auf. Auch jenes Fest, ein Ritual, sorgt für Beklemmung: Dabei werden Opfergaben gereicht sowie die Mädchen, die auf einer Bühne präsentiert werden, bestaunt und mit Weihwasser des Pastors benetzt. Georg wird im Anschluss ohne Gerichtsurteil zu einer grausigen Strafe verurteilt.

Am Ende schaffen es drei Menschen, dem Dorf zu entfliehen – aus ganz verschiedenen Gründen und auf unterschiedlichen Wegen. Ein melancholisch gestimmter wie auch überraschender Schluss, der den Weg bereitet für eigene Gedanken. „wir leben hier, seit wir geboren sind“ ist ein erstaunliches Werk, eine literarische Entdeckung, die sich im Kopf und Herz einprägt und durchaus auch mit der besonderen Buch-Gestaltung Akzente zu setzen weiß.

Auf dem Blog „Zeilensprünge“ gibt es auch eine Besprechung des Romans. Außerdem empfiehlt Marina Büttner auf „literaturleuchtet“ den Roman.


Andreas Moster: „wir leben hier, seit wir geboren sind“, erschienen im Eichborn Verlag; 176 Seiten, 18 Euro

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