Ist das Liebe? – Natascha Wodin „Nachtgeschwister“

„Unsere Vergangenheit hatte uns zu dem gemacht, was wir waren, wir konnten beide nicht aus eigener Kraft leben, das war, neben dem Schreiben, unsere tiefste und innigste Gemeinsamkeit und zugleich die ganze Unmöglichkeit zwischen uns.“

Dieser Beitrag würde es ohne die Anziehungskraft von Wühltischen nicht geben. Verfechter kostbarer Hardcover-Ausgaben mögen an dieser Stelle kurzzeitig die Augen schließen. Dies ist mein Geständnis: Ja, ich habe das Buch „Nachtgeschwister“ von Natascha Wodin aus einem Wühltisch gerettet. Es hat nur wenige Euro gekostet, zeigt am Schnitt auch diesen verdammt hässlichen Stempel „Preisred. Mängel-Exemplar“, als ob das Wort „preisreduziertes“ nicht wert ist, ausgeschrieben zu werden. Doch diese Erfahrung verbindet mich sogleich – schicksalhaft oder nicht – mit der Heldin des Buches. Auch sie hat ein Buch aus einem Wühltisch geklaubt. Was sie indes danach erlebte, war sowohl Leidenschaft als auch die Hölle. 

„Nachtgeschwister“ ist nicht nur ein Roman über die Beziehungen zwischen zwei dem Schreiben und der Literatur eng verbundenen Menschen. Das Werk ist zugleich ein Schlüsselroman, ein Roman, der das Spiel zwischen Realität und Fiktion wagt, obwohl hier womöglich der Realität sehr viel Raum gegeben wird. Natasche Wodin erzählt nicht nur in ihrem Buch über ihre leidvolle Herkunft als Tochter einer im Dritten Reich verschleppten sowjetischen Zwangsarbeiterin, die in den Freitod ging, als Natascha noch ein Kind war. Die Autorin berichtet zudem über ihre Beziehung und spätere Ehe mit dem Schriftsteller und Dichter Wolfgang Hilbig (1941-2007). Er zählt  zu den namhaftesten Autoren der DDR und ist vor allem neben seiner Lyrik durch seine Romane „Ich“ und „Das Provisorium“ bekannt geworden. Mehrfach ist er, aus den „Niederungen der Arbeiterschaft“ kommend, für sein Schaffen mit Preisen geehrt wurden, so unter anderem mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis und dem Georg-Büchner-Preis.

Eben diesem Dichter – im Buch Jakob Stumm genannt – begegnet die Autorin zum ersten Mal in Form eines Lyrikbändchens, aus einem Wühltisch gegraben. Die Texte faszinieren sie so, dass sie Kontakt zu dem Autor aufnimmt. Trotz der Schwierigkeit, dass beide in zwei verschiedenen, durch eine Mauer getrennte Staaten leben – er in der DDR, sie in der BRD. Doch ein Stipendium ermöglicht es dem Autor, in die BRD einzureisen und dort über einen längeren Zeitraum zu leben. Beide lernen sich kennen. Obwohl sie in einer festen Beziehung lebt, beginnt sie ein Verhältnis mit dem Autor. Doch die anfängliche Faszination und innige Leidenschaft für- und zueinander verwandelt sich. Sie erkennt, dass er sehr dunkle Seiten hat. Er trinkt viel, ist aggressiv, eifersüchtig und unberechenbar zugleich. Er schafft es nicht, die kleinsten alltäglichen Dinge selbst zu bewältigen. Sie wird Geliebte und Sklavin zugleich, während er ohne Unterlass schreibt und erfolgreich wird. Ihr eigenes literarische Schaffen verkümmert nahezu. Mehrmals versucht sie, dieser Hölle zu entfliehen. Doch die Obsession und Abhängigkeit sind stärker. Beide ziehen zusammen, mehrmals auch um, letztlich, nachdem die Mauer gefallen ist, in die große Stadt des Umbruchs Berlin, wo sie jedoch zwei Wohnungen in zwei verschiedenen nutzt, um ihm zeitweise zu entfliehen und in der Nacht als Übersetzerin schlechter russischer Krimis zu arbeiten.

„Ich saß im Zug, sah auf die Landschaft, die draußen vorbeiflog, und fühlte mich in einem Raumschiff, das vom Kurs abgekommen war.“

Es ist eine Berg-und-Bahn-Tal der Gefühle, ein wildes Leben, das sowohl schöne Momente als auch tragische Abgründe kennt. Und Wodin berichtet überaus ehrlich über diese schwierige Beziehung. Nicht nur mit Blick auf die negativen Eigenschaften ihres Partners und späteren Mannes. Auch ihre Unfähigkeit, sich von ihm zu trennen, schildert sie freimütig. Das sind teils extreme Szenen, wenn er beispielsweise dem Suff erliegt, keine Emotionen mehr zeigt, sie mit Worten und anderen Beziehungen demütigt, bis sie schließlich psychisch und physisch nahezu ein Wrack ist. Eine Rücken-Erkrankung, bei der sie nur noch auf allen vieren kriechen kann, ist Ausdruck dafür.

Doch „Nachtgeschwister“ ist weit mehr als das Porträt einer zum Scheitern verdammten Beziehung und ein interessanter Blick auf das angespannte Ost-West-Verhältnis und die verschiedenen Literaturbetriebe beider Länder. Großartig und bilderreich-poetisch beschreibt Wodin ihre Lebensorte, dieses idyllische Haus in der Pfalz, dieses hektische Berlin, das nicht nur Menschen aus allen Himmelsrichtungen anzieht, sondern auch als wundersam literarischer Ort erscheint, wo es unter anderem ein Café Pasternak und eines mit dem Namen „Briefe an Felice“ zur Erinnerung an Franz Kafka gibt. Das letzte Kapitel des Buches wird mit einen Zitat von Wolfgang Hilbig eingeleitet. Darin beschreibt Wodin die Zeit nach der Trennung. Erst 2002 gelingt es ihr, mit der Scheidung einen Schlussstrich unter die Ehe zu ziehen, die acht Jahre angedauert hat. Fünf Jahre später wurde bei Hilbig eine unheilbare Krebs-Erkrankung festgestellt, an der er schließlich im Juni 2007 verstarb.

„Ich erkenne mit erschreckender Klarheit, dass ich immer noch darauf hoffe, dem Ich seiner Gedichte zu begegnen. Diese Hoffnung kann ich nicht aufgeben, ich bin ihr verfallen.“

Diese Lektüre zeigt mir einmal mehr, dass großartige Literatur auch in Wühltischen zu finden ist, auch wenn sie dort eigentlich wirklich nichts suchen hat. Aber womöglich ist nicht der Preis entscheidend, den man an der Kasse zahlt, sondern die Lese-Erfahrung, die einem geschenkt wird. Und in diesem Fall war es trotz des schrecklichen Lebensdramas, das ich als Leser begleiten und als Beobachter erleben durfte, ein großes Geschenk. Und womöglich auch Anlass, mehr von Natascha Wodin zu lesen, die in den vergangenen Jahren ebenfalls für ihre Schaffen mehrfach mit Preisen geehrt wurde.

„Nachtgeschwister“ von Natascha Wodin erschien im btb-Verlag als Taschenbuch, die gebundene Ausgabe im Antje Kunstmann Verlag.