Vater und Sohn – Jonas T. Bengtsson „Wie keiner sonst“

„Wir haben den Fernseher erfunden und schicken Menschen zum Mond. Wir stellen Schießpulver her und Kugeln. Aber wir haben völlig vergessen, was wir einmal konnten. Die Tiere können es noch. Du weiß doch, wie Vögel in Formationen fliegen. Hunderte von ihnen formen ein großes V am Himmel. Was glaubst du, wie sie das machen?“

Sie streifen durch die Stadt und das Land, leben am Rande der Gesellschaft. Vater und Sohn. Ihr Besitz ist auf ein paar Koffer verteilt, um schnell, wenn es nötig ist, das Weite und ein neues Zuhause zu suchen. Der Junge kennt es nicht anders. Trotzdem ist er glücklich. Auch ohne Schule, auch ohne Mutter und Freunde. Denn er hat alles, was er braucht. Vor allem seinen Vater, der zugleich bester Freund und Lehrer ist. Diese enge Vater-Sohn-Beziehung beschreibt Jonas T. Bengtsson in seinem Roman „Wie keiner sonst“ auf eindrückliche Weise.

Denn der Erzähler des ganzen Geschehens ist der Junge selbst. Durch seine Augen sehen wir auf die Ereignisse, die im Jahr 1986 beginnen. Es ist das Jahr, als Olof Palme erschossen wird. Der Junge Peter ist sechs Jahre alt. Und wieder steht einer der bekannten Umzüge an, die der Vater mit den Worten „Wir müssen bald wieder umziehen“ ankündigt. Von der Kleinstadt geht es nach Kopenhagen, später aufs Land. Mit Gelegenheitsjobs hält sich der Vater übers Wasser. Er arbeitet mal als Möbelrestaurator in einer Werkstatt, später als Türsteher sowie Beleuchter im Theater bis er als Gärtner für eine alte Dame tätig wird. Den fehlenden Schulbesuch des Jungen gleicht der Vater mit seinen ganz eigenen Lektionen über Gott und die Welt aus. Schon zeitig hat er seinem Sohn das Lesen beigebracht und welche Bedeutung es hat, als Mensch Gutes zu tun.

„Wenn man die Dinge sieht, wie sie sind. Dann trägt man auch Verantwortung. Dann ist man auch gezwungen, etwas zu tun.“

Doch hinter dieser scheinbaren Idylle liegt unterschwellig eine recht bedrohliche Atmosphäre, die auch dem Roman eine besondere Spannung verleiht. Der Vater leidet unter Alpträumen, spricht immer von Männern der weißen Königin, die ihn verfolgen. Bis nach einem ernsten Zwischenfall, bei dem der Vater den Jungen beschützt, sich ein zweiter ereignet, der beide schließlich auseinanderbringt.  Nach einem größeren Zeitsprung begleitet der Leser den Jungen in seinen Jugendjahren. Er lebt mittlerweile bei seiner richtigen Mutter und ist etwas auf die schiefe Bahn geraten. Peter raucht Joints, zudem droht ihm der Rauswurf aus der Schule, obwohl er hochbegabt Älteren heimlich Nachhilfe gibt. Eines Tages erhält er einen Anruf seiner Großmutter, die ihn bittet, zu ihr zu kommen. Sie erzählt Peter mehr von seinem Vater, der als Kind Schreckliches erleben musste. Wie auch ein Geständnis des Großvaters auf dem Sterbebett ans Licht bringen soll. Daraufhin bricht Peter alle Brücken zur Familie ab und taucht in Kopenhagen unter, wo er versucht, sich als Künstler zu behaupten. Doch seine eigene Vergangenheit lässt ihn nicht los, als ihn ein Brief seines Vaters aus der Psychiatrie erreicht und es zur Wiederbegegnung kommt.


Unaufgeregt, gar emotionslos wird diese Geschichte, die nicht frei von Fragen des Lesers und verschiedenen Möglichkeiten der interpretation bleibt, über einen Zeitraum von 14 Jahren erzählt. Wie sich die Sprache des Jungen verändert, so verändert sich nach und nach auch der Stil des Erzählens. Während zu Beginn die Sätze sehr kurz erscheinen, werden sie im Verlauf der Zeit komplexer, ohne jedoch ihren pointierten wie poetischen Stil zu verlieren. Peter ist ein guter Beobachter, gerade sein visueller Sinn offenbart sich nicht nur in seinem enormen Maltalent, sondern auch im bildreichen Erzählen der Ereignisse.

Nur mit diesem intelligenten stilistischen Schachzug kann es Bengtsson gelingen, die Handlung auch frei von emotionalen Bewertungen zu halten. Denn die Geschichte von Vater und Sohn berichtet auch von einer ganzen Reihe merkwürdiger, oft auch entsetzlicher Geschehnissen, die den Leser unweigerlich erschüttern, ihn vielleicht auch fragen lassen, ob das wirklich geschehen konnte. Doch der Roman beschreibt nicht nur auf wunderbare Weise diese enge Vater-Sohn-Beziehung und vor allem von einem Vater, der, vermutlich traumatisiert, als Mensch ein großes Herz und sehr viel Weisheit besitzt. Es ist eben diese tieftraurige Stimmung, die sich wie ein dunkler Schleier über diese Bindung legt. Beide Teile der Geschichte erscheinen fast wie eine Spiegelung. Nach dem Vater ist der Sohn auf der Flucht, allerdings wird er am Ende als Künstler in Berlin für sich einen Weg finden, sich der Vergangenheit zu stellen.

„Wie keiner sonst“ liest sich durch die Gestaltung der Geschichte und mit ihrer Sprache nicht nur spannend, der Roman hallt lange nach, weil Bengtsson auch sehr viel Herz in die Gestaltung seiner Figuren gelegt hat, allen voran die des Vaters und die des Sohnes. So ein besonderes Duo hat es lange nicht gegeben. Umso mehr soll dieses Buch von vielen gelesen werden, denn es ist  vor allem eine große Lehrstunde in Sachen Menschlichkeit und Verständnis für die Gedanken und Gefühle des anderen und wie man sich von einer tragischen Vergangenheit lösen kann.

Der Roman „Wie keiner sonst“ von Jonas T. Bengtsson erschien als Taschenbuch im Heyne-Verlag, in der Übersetzung aus dem Dänischen von Frank Zuber. 448 Seiten, 10,99 Euro