Ganz unten – Ernst Haffner „Blutsbrüder“

„Geben, Schenken ist nicht des Reichen Sache. Die hetzen Hunde auf den Bettler oder schlagen die Tür zu. Geben mit der Selbstverständlichkeit des Wissens um Hunger und Elend wird nur der Arme. Der oberschlesische Kumpel, der italienische Tagelöhner oder der Berliner Arbeitslose.“

Ihr Zuhause sind die Straßen, die Wärmestuben, die Kneipen. Und Berlin ist voll davon. Wie auch von Männern und Frauen, die am Hungertuch nagen, die in der Wirtschaftskrise Anfang der 30er Jahre nicht wissen, wie sie über die Runden kommen. Doch ganz unten sind vor allem die Kinder und Jugendlichen, die keine Familie mehr kennen. Wie Jonny und Fred, Willi und Ludwig. Ihre neue Familie ist die Clique der Blutsbrüder. Denn zusammen ist man stark – auf der Suche nach Geld für Essen oder auch gegen die Polizei. 

Was die Jugendlichen zurückgelassen haben, war die Hölle: eine Mutter, die anschafft, ein Vater, dem die Faust locker sitzt. Willi und Ludwig sind hingegen aus der verhassten Erziehungsanstalt geflohen und bei der Clique gestrandet. Was sie hier erfahren ist Freundschaft, ein Zusammenhalt. Denn das Leben auf der Straße ist hart, wo man von Tag zu Tag lebt, nicht weiß, was der Morgen bietet, geschweige denn wo man die Nacht verbringen kann.

Als Ernst Haffners  Roman „Jugend auf der Landstraße Berlin“ 1932 im Verlag von Bruno Cassirer veröffentlicht wurde, brodelte es bereits in Deutschland. Wenig später sollte das Buch verboten und neben vielen weiteren von den Nazis verbrannt werden. Haffners Schicksal ist bis heute ungewiss, nur sein Roman, der 80 Jahre später unter dem Titel „Blutsbrüder“ wieder erschienen ist, erinnert an ihn. Sicher ist: Haffner soll als Journalist und Sozialarbeiter gearbeitet haben. Kein Foto existiert von ihm, keine Lebensdaten sind wirklich sicher. 1938 soll er zur Reichsschrifttumskammer zitiert worden sein, danach gilt er als verschollen. Die Ausgabe des Berliner Metrolit Verlages und nun auch die Taschenbuch-Ausgabe des Aufbau-Verlages bringen ihn zurück ins öffentlich-literarische Bewusstsein. Und nicht nur das: Das Buch wurde von der Presse euphorisch gefeiert, und einmal mehr fragt man sich, was wäre wenn. Ein Gedanke, den man oft bemüht, um die Wucht und den Schrecken der damaligen Geschichte etwas Menschliches entgegensetzen zu können.

„Alle diese Gelüste, die eine fürsorgende Erziehung von dir fernhielt, um einen Menschen nach ihrem Geschmack aus dir zu machen, mußt du jetzt mit einer Nacht erkaufen, in der der Tod nicht eine Sekunde vom Nacken weicht!“

Was diesen Roman so besonders macht – womöglich auch im Gegensatz zu den Werken von Hans Fallada, der sich als großer Chronist der damaligen Zeit sehr genau mit den 20er und 30er Jahren beschäftigt hat -, sind seine Ernsthaftigkeit und seine Realitätsschärfe, auch wenn sie schmerzt. Nichts wird verschwiegen, unter den bescheiden gedeckten Tisch gekehrt: Erzählt wird, wie es ist, zu hungern, stundenlang durch die Straßen zu ziehen auf der Suche nach einer wärmenden Bleibe und der Gewalt der Erwachsenen oder auch Gleichaltrigen anderer Banden ausgesetzt zu sein. Erzählt wird von dem prallen Leben der Kneipen, die beliebte Treffpunkte von Obdachlosen und Kriminellen waren. Und von der Welt der Erwachsenen, die kaum Erbarmen mit den Jugendlichen zeigen, weder  in der Erziehungsanstalt noch in den Amtstuben der Justiz. Der Tag ist stets der Frage gewidmet, wie man am besten zu Geld kommt. Viele gehen selbst auf den Strich (Geschlechtskrankheiten eingeschlossen) und machen Handlanger-Dienste oder kleine Betrügereien, später erlebt die Clique ihren finanziellen Aufschwung: Die Jungen bestehlen mit einem ausgeklügelten System Kunden auf Märkten und Kaufhäusern. Auch Autodiebstähle inklusive Hehlerfahrt in RIchtung Leipzig stehen schließlich auf der Tagesordnung. Nur Willi und Ludwig geht dieses kriminelle Leben, bei dem auch die Ärmsten beklaut werden, gehörig gegen den Strich. Sie wagen den Ausstieg – mit einer eigenen Arbeit.

Während Fallada vor allem in seinem Roman „Ein Mann will nach oben“ seinem Helden immer mal wieder glückliche und erfolgreiche Zeiten gönnt, kennen Haffners Protagonisten nur das Leid und das Elend. Das kleine Glück liegt nur im Zusammenhalt, gerade Willi und Ludwig werden es mit ihrem neuen „zweiten“ Leben erfahren. Haffners Sprache ist direkt, nahezu metaphernlos. Sein Erzähler berichtet, was geschieht, manchmal in einer gefühlt rasanten Geschwindigkeit. Man hat manchmal den Eindruck, als schreie er förmlich die Worte heraus, treibe seine Helden an oder warne sie vor kommenden Gefahren. Neben den Erlebnissen der Jugendlichen – ob gemeinsam in der Clique oder auf einsamen Streifzügen durch die Stadt – erhalten vor allem die verschiedenen Orte sehr viel Aufmerksamkeit. Nicht verheimlicht wird auch der Kontrast zwischen Arm und Reich, zwischen den wenigen Groschen in der Hand und der reich gefüllten Geldbörse, mit der sich gut in den üppig bestückten Läden einkaufen lässt. Und das alles geschieht in Berlin, der Metropole, die sowohl Hure als auch Diva ist. Vor allem Willi wird magisch von ihr angezogen, auf der Suche nach einer Chance im Leben, nach Geborgenheit in der Clique. Dafür nimmt er selbst den Tod in Kauf oder eine schwere Verletzung, als er unterhalb eines D-Zug-Waggons die Reise nach Berlin antritt. Diese Szene zählt zu den ganz großen Passagen dieses Buches.

Begleitet werden die insgesamt 20 Kapitel von Fotografien, die Berliner Schauplätze in jener Zeit zeigen. Ein Vorwort von Peter Graf, Leiter des Metrolit-Verlages, bildet den Einstieg in diese eindringliche, stets spannende Lektüre. Der Verdienst des Romans liege unter anderem darin, dass er jenen Jugendlichen Aufmerksamkeit und Anteilnahme schenkt, ohne ihnen eine Moral unterzujubeln, schreibt Graf. Was ich diesem Buch wünsche: viele Leser, vor allem junge. Warum dieses Buch nicht als Lektüre in die Schulen geben? Auch so könnte der Name Ernst Haffner und sein großartiger Roman vor dem Wieder-Vergessen bewahrt werden.

Der Roman „Blutsbrüder“ von Ernst Haffner erschien im Aufbau-Verlag als Taschenbuch. 272 Seiten, 9,99 Euro

3 Comments

  1. Oh, als Taschenbuch? Ich bin immer um die gebundene Ausgabe herumgeschlichen (allgemein ist das tolle Programm des Metrolit-Verlags immer einen Blick wert) und habe dann doch nicht zugegriffen, zwecks Schonung der Finanzen – aber jetzt! Schöne Besprechung von Dir 🙂 An dieser Zeit und ihren Autoren habe ich ungemein einen Narren gefressen und freue mich jetzt sehr auf den Ernst Haffner. Viele Grüße, Sonja

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    1. Vielen Dank für Deinen Kommentar, Sonja, Ja, das ist eine sehr interessante Zeit. Werke von Fallada wirst Du da sicher schon kennen. Ich hatte vor einiger Zeit etwas über „Blutsbrüder“ gelesen und dann die Taschenbuch-Ausgabe im Buchhandel gesehen. Und dann gab es kein Halten mehr. Viele Grüße

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