Not und Elend – Georg Fink „Mich hungert“

„Die Erde rollte schneller, als ich trippeln konnte. Und in meiner Hand hatte das Glück nicht Platz. Alles lief mir fort. Und was blieb?“

Würden Bücher körperlich und lebendig sein, könnte der Roman „Mich hungert“ mit wohl drastischen Formulierungen beschrieben werden. Er beißt, er schlägt, er wühlt sich einem Bandwurm gleich ins Gemüt. Mit schwerwiegenden Folgen. Das Werk des jüdischstämmigen Schriftstellers Kurt Münzer (1879 – 1944), unter dem Pseudonym Georg Fink 1929 im Verlag Bruno Cassirer erschienen, ist harte Kost, weil er nicht nur eine traurige Geschichte einer Familie erzählt. Das Buch widmet sich vielmehr einem der größten, bis heute nicht gelösten Probleme der Mensch: der Armut und der Not der untersten Schicht.

9783746631493Theodor König, kurz Teddy genannt, ist Held der Geschichte und zugleich dessen Erzähler. Mit den Eltern und den beiden jüngeren Geschwistern Henriette und Markus haust er in ärmlichen Verhältnissen in einem heruntergekommenen Berliner Hinterhof. Der Vater versäuft meist das Geld, das die Mutter als Wäscherin und Näherin tagtäglich hart und unter Entbehrungen verdient. Gewalt steht auf der Tagesordnung. Der Zorn des Vaters richtet sich vor allem gegen seine beiden Söhne und die Mutter, die dessen Beschimpfungen und Demütigungen stumm erträgt. Teddy, den älteren, schickt er zum Betteln, der später auch als Zeitungsjunge, Schuhputzer, Kofferträger oder Putzhilfe in der Fleischerei schuftet. Es sind die Jahre vor dem Ersten Weltkrieg. Nur die Schule bietet Teddy ein anderes Umfeld, etwas Frieden, etwas Kindheit. Er ist ein eifriger und intelligenter Schüler. Sein Streben und Ehrgeiz fallen dem Lehrer Rauscher und dem Direktor der Schule auf. Sie stellen die Verbindung her zum Fabrikanten Thomas Falk, der Teddy unterstützen will. Er soll gemeinsam mit dessen Sohn Stefan ein Gymnasium besuchen und in der Villa der Familie leben. Doch Teddy lehnt ab, er will bei den Geschwistern und der Mutter bleiben, fühlt er doch eine gewisse Verantwortung und bereits in jungen eben jene riesige Kluft, die zwischen Arm und Reich besteht und die kaum überwunden werden kann. Trotzdem bleibt er den Falks verbunden, lernt dort Kunst und Kultur kennen, vor allem die innige Liebe zur Musik. Dabei hätte sein eigenes Familienleben ganz anders verlaufen können. Denn die Mutter stammt aus einer angesehenen jüdischen Familie, die sich jedoch als junge Frau in einen schönen, aber auch faulen und jähzornigen Knecht verliebt hatte, mit ihm schließlich auch geflohen war, weil ihre Eltern diese Beziehung verboten hatten.

So lebt Teddys Familie in Not und Elend. Es ist das große bestimmende Thema dieses Romans, der 2014 und damit rund 75 Jahre nach seiner Ersterscheinung im Metrolit Verlag erneut veröffentlicht wurde. Eine Wiederentdeckung, die in den Medien gelobt wurde. Bereits mit dem Roman „Blutsbrüder“ von Ernst Haffner über Jugendliche in den 30er Jahren gelang dem in Berlin ansässigen Verlag ein viel umjubelter Erfolg. Nun der nächste Streich, der nächste wohl überlegte Griff in die Box mit der Aufschrift: „Einst gefeierte Romane“. Denn „Mich hungert“ sorgte 1929 für Aufregung, in jenem Jahr als mit „Im Westen nichts Neues“ von Erich Maria Remarque und „Berlin Alexanderplatz“ von Alfred Döblin zwei große Titel mit heutigem Klassiker-Rang erschienen waren. Selbst Thomas Mann würdigte das Werk. Peter Graf, der einstige Verlagschef des Metrolit Verlages, blickt in einem Vorwort auf jene Zeit zurück. Auch auf die kuriose Editionsgeschichte: Münzer ersann den fiktiven Autor Georg Fink, der sich mit seinem Manuskript an ihn gewandt haben soll. Die geflunkerte Geschichte berichtete Münzer dem Cassirer-Lektor Max Tau. Letztlich kam jedoch ans Licht, dass die Geschichte um Theodor König aus Münzers eigener Feder stammte.

Für den damaligen Erfolg und die heutige Rückbesinnung sprechen zahlreiche Gründe. „Mich hungert“ erzählt nicht nur eine Familiengeschichte und über das Not und Elend der armen Bevölkerung. Der Roman berichtet zudem von den großen geschichtlichen Ereignissen: über den Ersten Weltkrieg, der unzählige Opfer auch in Teddys Umfeld bringt, die Revolution und den Fall der kaiserlichen Monarchie sowie die Inflation, die nicht nur die ganz Armen in den Abgrund gerissen hat. Der Moloch Berlin bildet dabei die düstere Kulisse mit seinen Armenvierteln, den unzähligen Kneipen, dem Rotlicht-Milieu, in dem sogar Kinder anschaffen gingen. Es herrschen Hunger, Gewalt, Krankheit. Der einzige Lichtblick für Teddy sind die Besuche in der Villa der Falks, zu denen er später indes auf Abstand geht. Ausgesetzt diesem Elend und der unruhigen Zeit wird der junge Erzähler des Weiteren von tragischen Ereignissen gezeichnet. Eine der zutiefst berührenden Szenen beschreibt die letzten Lebenstage von Teddys Mutter:

„In diesen drei Tagen lernte ich den Himmel des Dienens kennen. Diesen Leib zu betreuen war die Gnade. Die Demut, mit der ich eines Menschen letzten leiblichen Verrichtungen half, war Glanz und Seligkeit, darin ich wandelte. Drei Tage waren das Glück. Wir gehörten einander, wie ich nie wusste, dass Menschen sich gehören können. Ihr Leben war das, was ich tat. Und mein Leben war in ihrem Sterben begriffen. Sie starb nicht allein, bis zum letzten Atemzug war ich in ihr. Nur als sie verstummte, nahm ich mich zurück. Ich lebte weiter.“

Mit Teddy hat Münzer wohl einen der bemerkenswertesten weil bescheidensten und charakterstarken Helden geschaffen. Sein Wehklagen zieht sich zwar durch das ganze Buch, an vielen Stellen beginnen die Sätze mit einem „O“. Doch weder verurteilt er den Reichtum der Anderen, noch fragt er nach den Ursachen, warum Arm und Reich in ihren Unterschieden existieren. Vielmehr erklärt er diese Situation zu einem Naturgesetz. Eine Haltung, über die sich heute sicherlich streiten lässt. Theodor weiß, dass er auch mit der Hilfe der Falks nie wirklich der unteren Schicht entfliehen kann, er immer mit einem Makel behaftet sein wird. Selbst als er etwas Ruhm als Darsteller erntet und in den Kinos und Theatern auftritt, bleibt er am Boden. Wie die Suche nach Erfolg und Reichtum, das Sehnen nach dem Aufstieg auch ein böses Ende nehmen kann, erfährt Theodor bei seinen Geschwistern. Dort wird der vermeintliche Aufstieg zum Abstieg. „Mich hungert“ hat viel zu erzählen – mit einer Lebensweisheit, die beeindruckt und mit einer erzählerischen Kraft, die berührt. Bleibt zu hoffen, dass dieser Roman nicht wieder in Vergessenheit gerät. Er hat es vielmehr verdient, auch heute mit den bereits erwähnten Klassikern genannt zu werden.

Der Roman „Mich hungert“ von Georg Fink erschien 2014 im Metrolit Verlag, als Taschenbuch im Aufbau-Verlag; 302 Seiten, 9,99 Euro