Haus am See – Joshua Groß „Faunenschnitt“

„Ich wollte zulassen, was mir ins Bewusstsein kam, ich wollte nicht kategorisieren und gegeneinander ausspielen, sondern akzeptieren, dass Wirrheit nicht notwendigerweise Verwirrung ist.“

Spule ich das Band der Erinnerung zurück, wird mir klar: Solange ich diesen Blog führe und über Bücher schreibe, erhielt noch kein einziges Buch von mir das Prädikat „Fetzig“. Für alles gibt es ein erstes Mal, und dieser Augenblick scheint gekommen zu sein: mit dem neuen, nunmehr dritten Roman von Joshua Groß „Faunenschnitt“, der bereits mit seiner orangefarbenen Covergestaltung und der roten Schrift die Blicke auf sich zieht. Innen dann eine weitere Überraschung: Fotografien, die in ihrer verschlossenen Art nur durch das Papier scheinen. Die Seiten sind  per Schmetterlingsbindung so zusammengefügt worden, das der Leser sie mit einem Messer aufschneiden muss, um die doppelseitigen Bilder ansehen zu können. Ein Akt, der Überwindung erfordert. In früheren Zeiten alltäglich, erscheint er heute fremd und, zugegeben, etwas rabiat.   

csm_sf_g_giii_u1_s_5b701a2c6dRatz! Das Messer gleitet durch das Papier, einmal, zweimal, weitere Male. Ein Tipp: Am besten Augen zu und das Messer, ein vor allem scharfes, vorsichtig, aber schnell führen! Sonst könnten unsaubere Kanten entstehen. Während die erste Annäherung an dieses Buch eher mechanisch und bähend erfolgt, entzieht sich die eigentliche Lektüre zu Beginn wie ein scheues Tier. Mehrere Anläufe sind notwendig, um in die Handlung einzutauchen, denn alles erscheint am Anfang sehr rätselhaft und bizarr. Doch wer seine Lesegewohnheiten ablegt und die Neugierde auf eine andere Leseerfahrung bewahrt hat, wird dieses Buch vielleicht mit einem erfrischenden Sprung ins kühle Wasser vergleichen.

Der junge Autor Frank erhält während seiner Toskana-Reise einen Anruf seines Verlegers Bruno, der im österreichischen Gößl, im Salzkammergut am Grundlsee lebt. Er beklagt den Verlust seines Arungs, ein Heilkraut, das für seine halluzinatorische Wirkung beliebt ist und nun gestohlen wurde. Frank soll nach Gößl kommen und bei der Suche nach  dem Kraut behilflich sein. Ein befremdlicher Anfang, der nur noch getoppt wird von einem äußerst schmerzhaften Erlebnis, das Frank widerfährt: Er wird von einer Muräne in die Wade gebissen. Eine Story nimmt ihren Lauf, die an vielen Stellen kriminelle und skurrile Szenen erzählt: Frank erhält kurz nach seiner Ankunft von einer unbekannten Dame einen Hund geschenkt, der später nicht von seiner Seite weichen will, ein Segelflugzeug stürzt in den Grundlsee, ein Ereignis, das kein Unfall, sondern eine Performance bildet, für das zuvor der Flieger gestohlen, pardon, entliehen wurde. Für Aufregung sorgt auch der Mord an Edward, der einst Elche in den umliegenden Wäldern ausgewildert haben soll und nun einen Tretboot-Verleih führt. Mysteriös: In Eddies Haus entdecken Frank und Bruno Pfund-Noten sowie Druckplatten für die Herstellung dieses Geldes. Frank stößt bei Recherchen im Netz auf die größte Geldfälscher-Aktion der Geschichte – die Aktion Bernhard während des Dritten Reiches.

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Um die Fotografien von Hannah Gebauer betrachten zu können, bedarf es eines Messers und eines beherzten Schnittes.

Doch der Leser sollte während der Lektüre etwas auf der Hut sein. Dies soll an dieser Stelle keine Warnung, sondern vielmehr Aufforderung sein, sich mit dem Inhalt und vor allem den Verweisen in den Anmerkungen am Schluss des Buches, die ihre ganz eigenen Geschichten erzählen, auseinanderzusetzen. Denn Groß, Jahrgang 1989 und bereits mehrfach mit Preisen geehrt, verschiebt die bekannten Grenzen zwischen Realität und Fiktion, was womöglich auf den ersten Blick als real erkannt wird, ist nur eine Idee, eine kreative Schöpfung; wie eben der Schriftsteller Milos Novalsky, dessen Leben und Schaffen sich Frank intensiv widmet. Als Kontrast dazu finden sich eine ganze  Reihe bekannter Schriftsteller- und Dichtergrößen, wie Dante, Pynchon, Borges, sowie eine Patientenliste von Brunos Partnerin Karmen, die als Psychologin arbeitet und unter anderem auch den kriminellen Ex-Bertelsmann-Manager Thomas Middelhoff betreut.

„Es wird erst zu Veränderungen kommen, wenn die Zarten und Komplexen verstehen, dass sie in Wirklichkeit die Mutigen sind.“

Meist liegt in einer vermeintlichen Idylle ein überraschender Moment, ein ungewöhnliches Ereignis, das die ganze Stimmung kippen lässt. Dann und wann erlebt Frank zudem überraschende Begegnungen, wie jene mit Sofia, einer jungen Frau, die er während seiner Streifzüge durch die eindrucksvolle Berglandschaft kennenlernt. Oft erweisen sich Gedankengänge des Protagonisten und Ich-Erzählers als „Ausreißer“, die die Handlung verlassen und auf eine ganz andere Bewusstseinsebene führen; das nicht mehr und nicht weniger als ein Ziel des surrealen Schreibens erscheint, für das Novalsky, der fiktive Autor, bekannt gewesen sein soll. In den Anmerkungen heißt es sowohl als eine eigene Poetik erscheinend als auch kritische Betrachtung dazu:

„Wer die Phantasie und den Surrealismus so verachtet wie die deutschen Schriftsteller und Kritiker und Professoren, dem bleibt nur übrig, weiterhin ambitionslose, mittelmäßige und nicht überdauernde Kunst zu produzieren. Eine Kunst der Feigheit, eine Kunst des Verrats. Eine Kunst, die keine Kunst ist, sondern Langeweile.“

Groß`Sprache liebt das Spiel mit den Grenzen und die Verweigerung jeglicher Schablonen ebenso.  Viele ungewöhnliche Vergleiche und lyrische Passagen finden sich in „Faunenschnitt“, das als Fachterminus im Übrigen aus der Geologie stammt und ein in Abschnitten stattfindendes Artensterben bezeichnet. Gemeinsam mit den Aufnahmen der Fotografin Hannah Gebauer, die nicht nur den Schauplatz des Romans, sondern auch das Nebulöse, aber auch Szenenhafte des Textes mit ihren Arbeiten mit ihrer Kamera eingefangen hat, entstand ein außergewöhnliches Buch, für das man sehnlich hofft, dass es viele Leser findet, die die Bereitschaft, die Offenheit und den Mut haben, bekanntes und gewohntes Terrain zu verlassen. Sie werden für diesen Schritt am Ende belohnt. Denn dieses Buch ist ein Ereignis und ein Kunstwerk, das staunen lässt.

Das Buch „Faunenschnitt“ von Joshua Groß mit Fotografien von Hannah Gebauer erschien bei Starfruit Publications, 124 Seiten, 24 Euro