Im Eis – Hampton Sides „Die Polarfahrt“

„Wo immer man hinsieht, sind Schnee und Eis – ein großartiger Anblick.“

Eine Reise in das unwirtliche Land der Extreme rund um Nord- und Südpol, fern der sehr speziellen touristischen Angebote, stellt bis heute eine große Herausforderung dar. Die Erforschung der arktischen und antarktischen Regionen hat viele Opfer gefordert und war bis in das 20. Jahrhundert hinein Ziel vieler wagemutiger wie ehrgeiziger Expeditionen. Trotz einer Ausrüstung auf der Höhe der Zeit sowie erfahrener und mutiger Seeleute endete auch die Fahrt der USS Jeannette mit Start am 8. Juli 1879 in San Francisco unter dem Kommando des arktiserfahrenen Offiziers George DeLong in einer Katastrophe.  Von der Reise mit der Aufgabe, den Nordpol zu erreichen, kehrten von der 33 Mitglieder umfassenden Besatzung nur 13 Männer lebend zurück. An ihre Geschichte erinnert der amerikanische Autor und Journalist Hampton Sides  in seinem Buch „Die Polarfahrt“.    

Unterstützt von den beiden Zeitschriften „National Geographic“ und „Outside“ bereiste Sides für seine Recherche drei Kontinente, dabei unter anderem auch die Beringstraße und die Wrangelinsel sowie Teile des sibirischen Lena-Deltas, wo die damalige Expedition ihr tragisches Ende fand. Er sichtete Archive, las neben Sekundärliteratur Zeitungsbeiträge und Originaldokumente, darunter die Korrespondenz von George DeLong mit seiner Frau Emma sowie Log- und Tagebücher. Lang ist deshalb das bibliografische Verzeichnis am Ende des Buches. Doch nur mit dieser Mischung aus gesammeltem Wissen und eigenen Erlebnissen konnte ein eindrucksvolles weil lehrreiches, lebendiges wie spannendes Buch entstehen.

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Dabei steht die Fahrt der USS Jeannette eigentlich unter einem guten Stern. Der vermögende und umso exzentrische Verleger und Herausgeber der Tageszeitung „New York Herald“, James Gordon Bennett jun., finanziert das Vorhaben. Natürlich nicht ganz uneigennützig: Bennett hofft mit Beiträgen über die Expedition, weitere Leser und damit eine höhere Auflage zu erreichen. DeLong hat wenige Jahre zuvor die Arktis bereits bereist: Er nahm teil an der Suche nach der verschollenen „Polaris“, die unter dem Kommando von Charles Francis Hall in See und zugleich ins ewige Eis gestochen war. Dabei hatte DeLong der Arktis-Virus erfasst, so dass er trotz Frau und als Vater einer kleinen Tochter unbedingt eine weitere gefährliche Reise in die Polar-Region erleben wollte. Das Schiff hatte er zuvor auf der Isle of Wight entdeckt: Aus der „Pandora“ im Privatbesitz wurde nach umfangreichen Umbauarbeiten die USS Jeannette, die unter der amerikanischen Flagge den Nordpol erreichen sollte.  Zudem stachelten auch wissenschaftliche Theorien, dass es möglich sei, mit einem Schiff den nördlichsten Punkt der Erdkugel zu erreichen, den Wagemut an.

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USS Jeannette Foto: Wikipedia

Doch schon nach den ersten verheißungsvollen Wochen, in denen das Schiff die Beringstraße durchquert, Alaska und die Tschuktschen-See hinter sich gelassen hat, wird die USS Jeannette vom Packeis eingeschlossen.  Für zwei Sommer und zwei Winter. Nur mit der natürlichen Drift des Eises bewegt sich das Schiff weiter. Für die Besatzung um DeLong beginnt eine nervenaufreibende und entbehrungsreiche Zeit. Keine der Rettungsexpeditionen, die im Verlauf der beiden Jahre ausgesendet werden, finden ein Lebenszeichen der verschollenen Besatzung. Nur dank der inneren Kraft des Kommandanten und dessen Menschenkenntnis und Umsicht sowie seiner größtenteils fähigen wie einsatzfreudigen Crew-Mitglieder überstehen die Männer jene Zeit. Doch wenig später sinkt das Schiff. Die Besatzung versucht, Sibirien, das Lena-Delta und damit Spuren menschlicher Zivilisation mit Hilfe von Beibooten und ihrer Schlittenhunde zu erreichen. Ein Sturm trennt jedoch die Besatzung – mit tragischem Ende für einen Großteil der Besatzung.

„In seine Pelzsachen gekleidet und mit der Meerschaumpfeife im Mund entfernte er sich vom Schiff, bis Mülllöcher und Ascheberge hinter ihm lagen, und drehte seine Runden. Wenn er sich umsah, wirkte die Jeannette im klaren Licht des Mondes und der Sterne ,wie eine Erscheinung aus dem Märchenland‘. Selbst in nur hundert Meter Entfernung vom Schiff ,bietet sich ein Augenblick von erhabener und zugleich schauriger Schönheit‘. Die ,majestätische Stille‘ schärfte das Bewusstsein dafür, ,wie winzig und unbedeutend der Mensch im Vergleich zu solchen Naturwundern ist‘.“

„Die Polarfahrt“ erzählt indes mehr als nur die Etappen der abenteuerlichen Reise. Sides lässt jene Zeit vor dem geistigen Auge des Lesers auferstehen. Es ist ein spannendes Kapitel der Menschheitsgeschichte, in dem wichtige Erfindungen wie das Telefon, die Glühlampe und die Fotografie gemacht wurden. Alaska ging wenige Jahre zuvor mit einem wohl heute kaum mehr möglichen Verkauf von Russland in amerikanische Hände über. Doch weder die technische Entwicklung noch die damaligen wissenschaftlichen Theorien und geografischen Karten des deutschen Experten August Heinrich Petermann, die sich später fatalerweise als falsch erweisen sollen, sowie der Ehrgeiz, die nicht nur sprichwörtlich weißen Flecken auf dem Globus zu entdecken, verhalfen dem Vorhaben zu seinem erhofften Erfolg. Kein noch so starker Optimismus, kein letzter Funken Überlebenswille vermochte es, den überwiegenden Teil der Besatzung zu retten. Es ist traurig zu lesen, wie die Männer gelitten haben  und der Kälte, dem tückischen Polarmeer, den arktischen Wetter-Unbilden sowie Hunger und Krankheiten, körperlichen wie seelischen Qualen ausgesetzt waren.

Sides Buch ist voller eindrucksvoller Bilder einer einmaligen Landschaft, der auch die erfahrene Crew mit Ehrfurcht und Faszination begegnet. Zudem erzählt der Amerikaner viel über die Männer an Bord, ihre Fähigkeiten und Stärken, ihre Fehler und Schwächen. Mehrmals verweist der Autor des Weiteren auf die Gastfreundlichkeit der einheimischen Völker, die der Besatzung helfen, wann und wie immer es geht. Zitate aus Briefen sowie Log- und Tagebücher lassen den Bericht lebendig wirken, der mit zwei Karten sowie zahlreichen Abbildungen zudem bereichert wird. „Die Polarfahrt“ gehört in jedes Buchregal all jener, die sich für die eisige Welt begeistern. Wer noch nicht mit dem Arktis-Virus angesteckt wurde, wird es spätestens mit diesem herausragenden Band sein.


Hampton Sides: „Die Polarfahrt“, erschienen im mare Verlag, in der Übersetzung aus dem Amerikanischen von Rudolf Mast; 584 Seiten, 28 Euro

Foto: pixabay

7 Comments

  1. Oh was für eine wunderbare Besprechung. Bücher über das Meer, Polarmeer,oder auch über die Reise ins All, allgemein über Forschungsreisende, sind ganz nach meinem Geschmack. Dieses Exemplar steht schon lange auf meiner Wunschliste, doch hat sich bis jetzt immer ein anderes Buch dazwischen gemogelt. 2017 ist definitiv mein Bücherjahr.

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    1. Ich mag solche Bücher über Forscher und Entdecker auch sehr, schon seit meiner Jugendzeit. Schließlich kann man leider nicht alle Länder und Regionen der Erde bereisen. Aber eine Arktis-Tour steht ganz oben auf meiner Liste der Traumziele. Viele Grüße

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