Sehn-Sucht – Nathalie Chaix „Liegender Akt in Blau“

„Er driftet düster ab: da ist die Frau. Und da ist die Malerei. Diese übermächtige Notwendigkeit.“ 

Es ist ein Tag im März 1955. Nicolas de Staël schreibt Briefe. Es sollen die letzten seines kurzen Lebens sein. Wenige Stunden später setzt er seinem Leben ein Ende. Der Maler, der mit seinen Bildern und seinem Stil vor allem in den USA Erfolge feiern konnte, stürzt sich aus seinem Atelier im südfranzösischem Antibes. Die Schwermut, eine körperliche wie seelische Erschöpfung nach einigen arbeitswütigen Jahren und die gescheiterte Liebe zu Jeanne haben dem Maler zermürbt. Seine Lebens- wie Leidensgeschichte erzählt die Französin Nathalie Chaix in ihrem Roman „Liegender Akt in Blau“. Der Band fasziniert nicht nur mit seiner poetischen Sprache. Er zeichnet sich zudem durch seine besondere künstlerische Ausstattung aus.

Denn die fügt sich mit dem Thema zu einer wundersamen Einheit zusammen. Die Leipzigerin Christina Röckl, die für ihr Debüt „Und dann platzt der Kopf“ (kunstanstifter) mit zahlreichen Preisen, so unter anderem mit dem Deutschen Literaturpreis 2015 geehrt wurde, übernahm die Illustrationen und die komplette Gestaltung des Buches. Kunst trifft auf Sprache, beide Kunstformen greifen ineinander. Eine Harmonie, die staunen lässt. Denn jedes noch so kleine Detail fand Berücksichtigung und erhielt eine liebevolle und durchdachte Gestaltung. Formen und Farben, symbolische wie doppeldeutige Bilder finden sich in diesem Band mehrfach und oft in Variationen wieder. Das Impressum verweist sogar auf Papierstärke sowie auf die Schriftart.

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Selbst die Typografie kommt somit eine wichtige Aufgabe zu: Sie lässt die zwei Stimmen von Nicolas und Jeanne unterscheiden. Denn auch die jüngere Geliebte des Malers kommt zu Wort, um ihre Sicht auf die Geschehnisse, ihre Gedanken und innersten Gefühle zum Ausdruck zu bringen.  Beide hat ein Gefühlschaos erfasst. Denn beide sind verheiratet und haben eine eigene Familie.  Während einer Italienreise bis nach Sizilien samt der hochschwangeren Frau und der drei Kinder des Künstlers nimmt Zuneigung und Leidenschaft ihren Lauf. Nicolas ist nicht nur von den Kunstwerken und historischen Gebäuden des Landes fasziniert, sondern auch von der jüngeren, anmutigen Frau. Während er sich von seiner Familie zurückzieht, Paris verlässt, um auf dem Land zu arbeiten, später sich sogar von seiner Frau trennt, scheut Jeanne hingegen diesen letzten, alles entscheidenden Schritt, der zugleich ein Bekenntnis wäre. Vor allem aus Angst, ihre Selbstständigkeit zu verlieren und sich ihm vollkommen ausliefern zu müssen. Denn Nicolas ist nicht nur ein Künstler, sondern auch ein temperamentvoller Hitzkopf und Egomane. So pendelt die Affäre zwischen emotionaler wie sexueller Anziehung und Unentschlossenheit, die zu mehreren Trennungen führt. Am Ende wählt Nicolas, der von Selbstzweifeln und Todessehnsucht verfolgt wird, den Freitod.

„So tun als ob. So tun wie wenn. Irgendwas erzählen. Jules und Gaspard in den Arm nehmen, meine Söhne. Mit ihnen lachen. Verschweigen. In meiner Haut eine Liebe, die mich zerreißen könnte. Die Scham brechen. Auf meiner Haut das Versprechen einer Liebe, die alles mit sich reißen könnte. Bis an die Grenzen meiner Scham gehen. Und sie dann für lange Zeit abwehren.“

Nathalie Chaix findet für dieses wechselvolle und impulsive, aber auch überschattete Künstlerleben einen bildreichen und sinnlichen Ausdruck. Wenn die Gestaltung des Bandes eine Beziehung mit dessen Inhalt eingeht, so harmonieren im Text Prosa und Lyrik. Die Grenzen zwischen beiden literarischen Gattungen verschwimmen.  Sowohl die Beschreibung des künstlerischen Wirkens und de Staëls nahezu obsessives Schaffen als auch sein Innenleben nehmen breiten Raum ein.  Chaix, Jahrgang 1972, gelingt es, Worte für intensive Momente zu finden, die ob ihres Schmerzes auch in eine dumpfe Sprachlosigkeit entgleiten könnten.  Die Autorin wendet sich nicht nur den letzten Monaten im Leben des Malers zu. Sie lässt auch weitere Kapitel aus seiner Biografie erzählen: die russische Herkunft, die Flucht der Eltern in den Wirren der Revolution nach Polen, die wenig später sterben. Ihr Sohn, 1914 in St. Petersburg geboren, bleibt als Waise zurück, wird später von einer belgischen Familie, Freunden seiner Eltern, adoptiert. Auch von seiner erlebnisreichen und ihn prägenden Reise durch Spanien, seine erste Liebe sowie seine Freundschaften zu den beiden Dichtern Pierre Lecuire und René Char wird berichtet.

„Liegender Akt in Blau“ ist ein herausragender Künstlerroman, den man immer und immer wieder zur Hand nehmen kann, um somit auch seine Hochachtung der Leistungen von Autorin, Übersetzerin und Gestalterin zu zeigen. Gemeinsam haben sie ein Werk von eindrucksvoller Schönheit geschaffen, in dem die Leidenschaft für Literatur und Kunst sowie für das Leben eines außergewöhnlichen Malers zu spüren ist.

Weitere Besprechungen auf: „literaturleuchtet“„mona lisa bloggt“ und „Madlèn Bohème“


Nathalie Chaix: „Liegender Akt in Blau“, erschienen im kunstanstifter verlag; in der Übersetzung aus dem Französischen von Lydia Dimitrow, mit Bildern und der Gestaltung von Christina Röckl; 352 Seiten, 26 Euro

Foto: pixabay