Literatur im Netz: The Short Story Project

Eine Bibliothek im Netz für Erzählungen ist mit „The Short Story Project“ nun auch in Deutschland vor einigen Tagen an den Start gegangen. Ihren Ursprung hat die internationale Initiative in Israel, wo sie bereits 2014 ihren Anfang genommen hat. Ziel ist es, Literatur online allen kostenfrei zugänglich zu machen und Sprachbarrieren sowie Ländergrenzen zu überwinden und speziell das Interesse für das Genre der Erzählung zu fördern, wie auf der Internetseite nachzulesen ist. „Für die verschiedenen Sprachräume und Listen wie English, Hebräisch, Spanisch, Kinder- und Jugendbuch sowie Klassiker gibt es jeweils eine Lektorin oder einen Lektor. Getragen wird es von einer israelischen Non-Profit-Organisation, die sich über private Spenden und Zuwendungen finanziert“, erklärt Simon Lörsch, Lektor im Suhrkamp Verlag und verantwortlich für den deutschen Bereich von „Short Story Project“. Die Übersetzungen finanziert das Goethe-Institut.

ShortStory
Screenshot

Den Start machten auf deutscher Seite 15 Short Stories, die von sogenannten Empfehlern ausgesucht worden sind. „Jeden Sonntag wird eine weitere Erzählung folgen“, blickt Lörsch voraus. Die Bandbreite ist dabei groß, eine inhaltliche wie stilistische Einschränkung gibt es nicht: Autoren der jungen deutschen Gegenwartsliteratur zählen ebenso dazu wie bekannte und berühmte Schriftsteller, die bereits seit Jahren einen Stamm-Platz auf den Lektüre-Listen von Schülern und Studenten einnehmen. So finden sich unter anderem neben Karen Köhler, Saša Stanišić und Ralf Rothmann Hugo von Hofmannsthal, Arno Schmidt und Rainer Maria Rilke. Der Liste der Empfehler gehören Autoren, Verleger und Journalisten an; so beispielsweise Nora Bossong, David Wagner, Ijoma Mangold, Maxim Biller und Jo Lendle.

„Wir glauben, dass Lesen kein bloßer Zeitvertreib ist, sondern als Resonanzraum für Stimmen und Ideen fungiert und Brücken schlagen kann zwischen Menschen, zwischen Kulturen.“

Wer sich durch das Menü klickt, wird auch auf eine Liste von unterschiedlichen Themen stoßen, in denen die Texte inhaltlich eingeordnet werden. Vertreten sind unter anderem die Bereiche „Familie“, Das Absurde“, „Realismus“, „Reisen“ sowie „Tiere“ und viele mehr. Wer mag, kann sich natürlich auch mit den anderen Sprachräumen vertraut machen und Erzählungen in Englisch, Spanisch und Hebräisch lesen. Nebenbei kann man so auch seine Sprachkenntnisse auffrischen oder pflegen. Weit größer ist die Liste der Herkunftsländer der Erzählungen: Bisher werden 24 Sprachen beziehungsweise Länder genannt – vom Arabischen über das Griechische und Norwegische bis hin zum Ungarischen. Wer spezielle literarische Vorlieben, die in verschiedenen Kulturräumen oder Weltregionen verankert sind, hat, wird sicherlich da fündig. Zwar bleibt bei einem Klick auf einige Sprachbereiche die jeweilige Seite noch leer, allerdings finden sich bereits namhafte Autoren anderer Länder ins Deutsche übersetzt, wie der Amerikaner Jonathan Lethem und die Französin Irène Némirovsky. Praktisch nebenbei: Jeder Text zeigt die geschätzte Lesezeit an.  Die bisherige Resonanz auf das Angebot sei sehr gut, schätzt der Suhrkamp-Lektor ein. „Die Leute sind von der Auswahl angetan“, so Lörsch. Eine analoge Druck-Ausgabe der Erzählungen in Form eines Buches, begleitend zum virtuellen Projekt, sei jedoch nicht angedacht.

Wer diese internationale Initiative im Übrigen finanziell unterstützen möchte, kann dies auf verschiedene Weisen tun. Es gibt die Möglichkeiten, einmalig oder regelmäßig einmal im Monat Geld spenden, um so unter anderem zu einem „Helden“ (3 Dollar monatlich), „Beschützer“ (10 Dollar monatlich) oder sogar einem „Champion“ (20 Dollar monatlich) zu werden. Wer einen einmaligen Geldbetrag gibt, gilt als „Barmherziger Samariter“. Die Unterstützer werden Teil der literarischen Gemeinschaft und können selbst Texte vorschlagen. So können in Zukunft Literatur-Fans nicht nur auf die allseits bekannte Maxime „ein Gedicht am Tag“ beharren, sondern ihr Vorsatz könnte künftig „one short story per day“ lauten. Die Erzählung als besonderes Prosa-Genre und kleine Schwester des Romans, leider allzu sehr unterschätzt, hätte es allemal verdient.

 


Foto: pixabay

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