Abstieg – Lionel Shriver „Eine amerikanische Familie“

„Alles hat mit allem zu tun.“

Es kann schon erschreckend sein, wenn in Deutschland innerhalb eines Jahres zwei Romane erscheinen, die in die Zukunft der USA blicken und eine unheilvolle, ja düstere Zeit beschreiben. Erzählt Omar El Akkad in seinem Roman „American War“ von Krieg und Zerstörung, Hass und Terrorismus, wendet sich die amerikanische Autorin Lionel Shriver einem ganz anderen Thema zu: dem Verfall des Dollars, Inflation und damit dem Abstieg weiter Teile der amerikanischen Bevölkerung.  Abstieg – Lionel Shriver „Eine amerikanische Familie“ weiterlesen

Not und Elend – Georg Fink „Mich hungert“

„Die Erde rollte schneller, als ich trippeln konnte. Und in meiner Hand hatte das Glück nicht Platz. Alles lief mir fort. Und was blieb?“

Würden Bücher körperlich und lebendig sein, könnte der Roman „Mich hungert“ mit wohl drastischen Formulierungen beschrieben werden. Er beißt, er schlägt, er wühlt sich einem Bandwurm gleich ins Gemüt. Mit schwerwiegenden Folgen. Das Werk des jüdischstämmigen Schriftstellers Kurt Münzer (1879 – 1944), unter dem Pseudonym Georg Fink 1929 im Verlag Bruno Cassirer erschienen, ist harte Kost, weil er nicht nur eine traurige Geschichte einer Familie erzählt. Das Buch widmet sich vielmehr einem der größten, bis heute nicht gelösten Probleme der Mensch: der Armut und der Not der untersten Schicht. Not und Elend – Georg Fink „Mich hungert“ weiterlesen

Abgründe – Smith Henderson „Montana“

„Nur noch Jäger und kaum Gejagte. Austeiler. Keine Kümmerer.“ 

Montana könnte mit Blick auf die geringe Bevölkerungsdichte als das Mecklenburg-Vorpommern der Vereinigten Staaten gelten. Auf einer Fläche nahezu so groß wie Deutschland leben nicht mehr als eine Million Menschen. In dem Bundesstaat, im Norden der USA und an der Grenze zu Kanada gelegen, gibt es also sehr viel Platz und sehr viel Ruhe. Womöglich allzu viel davon. Die Wege zwischen den Menschen sind weit, jeder kocht unbeobachtet vom Rest der Welt sein eigenes Süppchen. Sozialarbeiter Pete Snow hat alle Hände voll zu tun, Kinder aus Problemfamilien in Sicherheit zu bringen und aus der Spirale aus Drogen, Missbrauch und Gewalt zu holen.  Abgründe – Smith Henderson „Montana“ weiterlesen

Zwei Welten – Catalin Dorian Florescu „Der Mann, der das Glück bringt“

„Nach dem großen Lachen kam immer das große Schweigen, denn jeder hoffte. Jeder befand sich unterwegs zu irgendeinem Amerika.“

Wo ist das Glück zu finden, wenn nicht dort, wo andere ihr Glück suchen und finden. Wenn wir auch nicht alle unbedingt im Strom schwimmen wollen, sind es doch die anderen Lebensgeschichten, Wünsche und Hoffnungen, die uns oftmals leiten. Amerika war und ist so ein Ziel für viele. Über dessen Geschichte als legendäres Einwanderer-Land, das von den einen erreicht wurde, von anderen unerreicht bliebt, schreibt der gebürtige Rumäne Catalin  Dorian Florescu in seinem neuen Roman „Der Mann, der das Glück bringt“. Zwei Welten – Catalin Dorian Florescu „Der Mann, der das Glück bringt“ weiterlesen

Verurteilt – Hannah Kent „Das Seelenhaus“

„Zu wissen, was eine Person getan hat, und zu wissen, wer ein Mensch ist, sind zwei ganz verschiedene Dinge.“

Das Wort Urteil hat zwei verschiedene Bedeutungen. Es beschreibt sowohl die Entscheidung eines Gerichts als auch die Meinung, die ein Mensch von einem anderen hat. Mit beiden Varianten beschäftigt sich der Roman „Das Seelenhaus“ der australischen Autorin Hannah Kent. Ihr Debüt führt in das Island des 19. Jahrhunderts und in das Leben einer besonderen Frau. Verurteilt – Hannah Kent „Das Seelenhaus“ weiterlesen

Begegnung mit Katrina – Jesmyn Ward „Vor dem Sturm“

„Und plötzlich tut sich ein riesiger Graben auf zwischen jetzt und damals, und ich frage mich, wo die Welt, in der jener Tag sich ereignet hat, geblieben ist, denn wir sind eindeutig nicht in ihr.“

Er war die größte Naturkatastrophe in den USA. Mit mehr als 1.800 Toten und Schäden in Höhe von rund 125 Milliarden Euro. Der Wirbelsturm Katrina hinterließ im August 2005 im Südosten des Landes eine Schneise der Verwüstung und brachte viel Leid. Vor allem die Stadt New Orleans, Metropole des Dixieland und Wiege des Jazz im Bundesstaat Louisiana, traf der Hurrikan mit aller Härte. Windgeschwindigkeiten von schätzungsweise 280 Stundenkilometern wurden damals gemessen. In Louisiana und in jene Zeit hinein hat die Amerikanerin Jesmyn Ward ihren Roman „Vor dem Sturm“ angesiedelt. Doch ihr Buch beschreibt nicht nur den Sturm und seine immense Kraft, sondern das Leben und Überleben einer armen Familie.  Begegnung mit Katrina – Jesmyn Ward „Vor dem Sturm“ weiterlesen

Ganz unten – Ernst Haffner „Blutsbrüder“

„Geben, Schenken ist nicht des Reichen Sache. Die hetzen Hunde auf den Bettler oder schlagen die Tür zu. Geben mit der Selbstverständlichkeit des Wissens um Hunger und Elend wird nur der Arme. Der oberschlesische Kumpel, der italienische Tagelöhner oder der Berliner Arbeitslose.“

Ihr Zuhause sind die Straßen, die Wärmestuben, die Kneipen. Und Berlin ist voll davon. Wie auch von Männern und Frauen, die am Hungertuch nagen, die in der Wirtschaftskrise Anfang der 30er Jahre nicht wissen, wie sie über die Runden kommen. Doch ganz unten sind vor allem die Kinder und Jugendlichen, die keine Familie mehr kennen. Wie Jonny und Fred, Willi und Ludwig. Ihre neue Familie ist die Clique der Blutsbrüder. Denn zusammen ist man stark – auf der Suche nach Geld für Essen oder auch gegen die Polizei.  Ganz unten – Ernst Haffner „Blutsbrüder“ weiterlesen

Was bleibt vom Leben? – Rohinton Mistry "Das Gleichgewicht der Welt"

„Damals schien mir, dass man vom Leben nicht mehr erwarten konnte. Eine harte Straße, die mit spitzen Steinen übersät war und, wenn man Glück hatte, etwas Getreide. Später entdeckte ich, dass es verschiedene Arten von Straßen gab.“

Es herrschen Ausbeutung und Aberglauben, Unterdrückung und Willkür der Macht. Indien, das Land der Farben, bietet wenig Lebensfreude. Man schreibt das Jahr 1975. Dina, die Tochter eines Arztes, schlägt sich durch das Leben. Allein, ohne Mann, mit einem herrschsüchtigen Bruder in der Familie. Ihr Mann, mit dem sie eine glückliche Beziehung führte, starb kurz nach der Hochzeit bei einem Verkehrsunfall. Um halbwegs über die Runden zu kommen, eröffnet sie in der Wohnung eine kleine Schneiderwerkstatt und sucht Mitarbeiter. Eines Tages stehen Ishvar und sein Neffe Omprakash vor ihrer Tür. Das besondere Quartett soll wenig später Maneck, der Sohn einer Schulfreundin, vervollständigen, der in Bombay ein Studium beginnt und eine Bleibe benötigt. Was bleibt vom Leben? – Rohinton Mistry "Das Gleichgewicht der Welt" weiterlesen