Ann Petry – „The Street“

„Was würde die Straße aus ihr machen?“

Diese Stadt gilt als Inbegriff des amerikanischen Traums. In New York prallen die harschen Gegensätze wie in vielen anderen Metropolen, die zudem den Hauch eines Molochs verströmen, aufeinander, aber womöglich weitaus drastischer. Da ist das Finanzkapital in Form der Wall Street, dort sind die heruntergekommenen Armenviertel, wo der Aufstieg meist nur Fantasie bleibt, Gewalt und Kriminalität an der Tagesordnung sind. Mit „The Street“ hat die afroamerikanische Autorin Ann Petry (1908 – 1997) einen Roman geschrieben, der die verzweifelten Bemühungen einer jungen ehrgeizigen Frau schildert, die für ein besseres Leben für sich und ihren kleinen Sohn kämpft. Das Besondere: Dieses Buch ist bereits 1946 erschienen und es war das bis dato erfolgreichste Buch einer Afroamerikanerin. Es kann und sollte nun wiederentdeckt werden dank der deutschen Übersetzung.

Ärmliches und dunkles Zuhause

Weit über 1,5 Millionen Mal ging dieser Roman damals über den Ladentisch. Vor ihrer Karriere als Journalistin und Autorin war Petry nach einem Pharmazie-Studium mehrere Jahre in Apotheken tätig. Wer ihr erfolgreiches Werk liest, wird unweigerlich an James Baldwin (1924 – 1987) und seine Bücher denken, die derzeit auch hierzulande viele Leser finden. Beide schrieben über den Rassismus und dessen Folgen, über die Suche der afroamerikanischen Frauen und Männer nach Identität und einen Lebensweg in einer von Weißen dominierten Welt. In Petrys Roman stehen Lutie Johnson, eine junge allein erziehende Mutter, und ihr kleiner Sohn Bubb im Mittelpunkt. Sie lässt ihren Mann Jim nach dessen Eskapaden zurück, zieht aus der Wohnung ihres trinkenden Vaters aus, um sich ein eigenes Leben aufzubauen. Neben ihrem Job in einer Wäscherei besucht sie die Abendschule, um sich für eine besser bezahlte Anstellung weiterzubilden. In der 116ten Straße in Harlem findet sie ein neues Zuhause. Wenngleich es ein dunkles, enges und ärmliches Loch ist. Doch es soll erst ein Anfang sein, so hofft, so glaubt Lutie.

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Doch sie ist nicht nur fortan gefangen in den Mechanismen eines sozialen Brennpunktes, sondern auch Objekt der Begierde der Männer, die nicht die Fähigkeiten und Ansprüche der jungen Frau, sondern einzig und allein ihren attraktiven Körper und ihre Jugend wahrnehmen und voller Verlangen sind. Ob es der intrigante und ekelhafte Hausmeister Jones ist, der ein Auge auf Lutie geworfen hat und seine Lebensgefährtin drangsaliert, oder Boots, dem in zweifelhaften Kreisen der finanzielle Aufstieg gelang und der sich mit unlauteren Mitteln vor der Einberufung in die Army drücken konnte. Es geht in Petrys Roman nicht nur um Rassismus und Menschenverachtung, die vor allem deutlich werden, als Lutie zu Beginn und während ihrer Ehe mit Jim in einem Haushalt einer vermögenden weißen Familie arbeitet. Es geht auch um sexuelle Ausbeutung, die indes nicht nur von Männern, sondern auch ungleich wohl von Frauen betrieben wird. Es ist die Nachbarin Mrs. Hedges, die junge Mädchen für sich anschaffen lässt und die neue Mieterin für ihr Geschäft gut gebrauchen könnte. Jeder ist sich selbst am nächsten, Menschlichkeit gibt es nicht, selbst nicht unter jenen desselben Standes, desselben Geschlechts, derselben Hautfarbe. Auch diese ernüchternde Lektion bereitet dieses Buch.

„Das Problem war sie selbst. Sie hatte ein Fantasiegebilde aus blauem Dunst, aus dem Nebel von Träumen errichtet. Darin war nicht ein einziger fester, vernünftiger Grundstein gewesen, kein Fundament. Sie hatte ein Luftschloss gebaut und war gleich eingezogen.“

Mittendrin in den verzweifelten Bemühungen, mehr Geld zu verdienen, ein schöneres Zuhause zu finden: ihr Sohn Bubb, der sehr wohl bemerkt, dass sie jeden Cent umdrehen müssen, um über die Runden zu kommen. Sein Versuch, als Schuhputzer ein wenig zum Lebensunterhalt dazuzuverdienen, erschüttert Lutie, die eine gute Zukunft für ihr Kind will und nicht ahnt, dass der Hausmeister die Unschuld und den kindlichen Eifer des Jungen auf Schändlichste missbraucht und dies schließlich zur großen Tragödie von Mutter und Sohn führt. Nie hat Lutie gegen ein Gesetz verstoßen, etwas Unmoralisches oder Unehrenhaftes getan, bis sie am Ende keinen Ausweg mehr sieht. Sie wird zu einer tragischen Figur – und für den Leser wohl unvergesslich.

Zwischen Hoffnung und Desillusionierung

Die Szenerien der Straße und des Hauses, rundum die bedrückende Lebenswelt von Mutter und Sohn, sind atmosphärisch aufgeladen. Petry zeichnet die einzelnen Charaktere bestechend scharf. Der Leser nimmt Anteil an den Gedanken der jungen Heldin, an ihren Stimmungen und Gefühlen, die zwischen Hoffnung und Desillusionierung schwanken.  Letztlich zerplatzen die Hoffnungen, mit harter Arbeit ein gutes Leben zu führen, wie Seifenblasen, reißt die Autorin mit ihrem erschütternden Ende dem Leser den Boden unter den Füßen weg. Dann wird klar, dass der Titel des großartigen Buches nicht nur ein Verweis auf den Ort der Handlung, auf das düstere sowie ausweglose Zuhause der Protagonistin ist. Die Straße ist auch ein vorgezeichneter Weg, in diesem Fall einer ohne eine Möglichkeit in eine andere, bessere Richtung abzubiegen.

Weitere Besprechungen auf den Blogs „literaturleuchtet“ sowie „masuko13“.


Ann Petry: „The Street“, erschienen im Verlag Nagel & Kimche, in der Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch von Uda Strätling, mit einem Nachwort von Tayari Jones; 384 Seiten, 24 Euro

Foto von Brendan Church auf Unsplash

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