„(…) die Grausamkeit der Menschen erfüllt mich mit Entsetzen.“
Rückzug, Masken, Lockdown. Alles gehabt, alles bekannt. Die englische Autorin Claire Fuller arbeitete gerade an ihrem neuen Roman, als der Corona-Virus seine Reise um den Erdball antrat und eine weltweite Pandemie auslöste, die noch immer nachwirkt, allerdings auch weitaus schlimmere Folgen hätte haben können. Ihr Szenario ist indes weit drastischer, und ihr jüngstes Buch „Das Gedächtnis der Tiere“ reiht sich ein in eine Vielzahl von dystopischen Werken, die sich auch mit dem Verhältnis Mensch und Natur auseinandersetzt.
Experiment mit Probanden
Wir lernen Neffy kennen, eine Meeresbiologin, die sich freiwillig für eine medizinische Studie meldet. Eine Impfung gegen ein neues Virus, das beträchtliche körperliche Auswirkungen hat, soll, ja muss gefunden werden. Neffy braucht das Geld, weil sie ihren Job im Meeresaquarium verloren hat und sogar von ihrem Arbeitgeber verklagt worden ist. Neffy ist Teil einer Gruppe von Probanden, die nach der Flucht des medizinischen Personals plötzlich auf sich gestellt sind, während die Welt draußen außer Rand und Band gerät, in ein unbeschreibliches Chaos versinkt und es zu Aufständen und Gewalt kommt. Menschen sterben – gerade auch wegen einer neuen Virusvariante. Die einst quicklebendige Metropole London wird zur Geisterstadt.

Neffy ist die einzige, die infiziert wurde und das Gegenmittel mit Erfolg erhalten hat. Es kommt nicht nur zu Spannungen zwischen den Mitgliedern der Gruppe. Die Vorräte neigen sich allmählich dem Ende zu, und die Studienteilnehmer haben mit Neffy nicht nur Pläne, sondern vor ihr auch dunkle Geheimnisse. Währenddessen versucht die Meeresbiologin mittels eines Geräts, des sogenannten Revisitors, Erinnerungen an ihre eigene Vergangenheit hervorzuholen. Erinnerungen an geliebte Menschen wie ihre Eltern und ihren Stiefbruder Justin, an das Meer – und einen Oktopus, um den sie sich im Meeresaquarium besonders gekümmert hat.
„Nichts auf dieser Welt wird je wieder so rein und weich sein.“
„Das Gedächtnis der Tiere“ ist der zweite Roman Fullers, der nun im Kjona Verlag erschienen ist, zuletzt kam mit „Jeanie und Julius“ eine berührende Zwillingsgeschichte mit unvergesslichen Helden heraus, für den sie mit dem Costa Book Award geehrt wurde. Fuller, 1967 in Oxfordshire geboren, kam spät zum Schreiben. Sie studierte Bildhauerei an der Winchester School of Art und arbeitete vor allem mit Stein und Holz. Einige Zeit war sie im Marketing-Bereich tätig. Für ihren 2015 erschienenen Debütroman „Unsere unendlichen Tage“ („Our Endless Numbered Days“) erhielt sie den Desmond Elliott Prize verliehen. Der Roman wurde in elf Sprachen übersetzt. Es folgten „Eine englische Ehe“ und „Bittere Orangen“ (alle Piper).
Stimmung kippt
Geschildert wird die Geschichte von Neffy, die zugleich damit die Rolle der Ich-Erzählerin übernimmt. Nach ersten Abschnitten – der Roman ist in Tage gegliedert – mit sogar heiteren Passagen kippt nach und nach die Stimmung, die zunehmend düster wird. Zugleich wird der Plot komplexer, in dem er mit den Erinnerungsreisen Neffys Lebensgeschichte mit ihren Erlebnissen, Erfahrungen und Beziehungen in den Mittelpunkt stellt. In ihren Briefen an H. – der Oktopus, einst aus dem Mittelmeer gefischt und ins Aquarium gebracht, trägt den Namen Hydna nach einer antiken Figur – erklärt Neffy unter anderem die faszinierenden Besonderheiten und Fähigkeiten der achtarmigen Weichtiere.
„Diese zwei Wochen waren erbarmungslos, brutal, erschütternd. Obwohl ich sicher war, eine fürchterliche Ärztin abzugeben, wusste ich nicht, dass in mir sowohl eine Krankenschwester als auch eine Bestatterin, Hinterbliebene und Hebamme steckte.“
Der Mensch kommt in Fullers Roman nicht gut weg, er lügt und betrügt, ist eher auf seinen eigenen Vorteil bedacht, als anderen zu helfen. Er quält Tiere und zerstört die Natur. Fast könnte man meinen, die Natur straft mit einem verheerenden Virus die Menschheit ab, um sie loszuwerden. Mich hat „Das Gedächtnis der Tiere“ sehr an Jaqueline Harpmans wiederentdeckten dystopischen Roman „Ich, die ich Männer nicht kannte“ und an Sy Montgomerys Sachbuch „Rendezvous mit einem Oktopus“ erinnert.
Fullers sehr eingängige Sprache und eine faszinierende Heldin, die klare Prinzipien vertritt, machen ihren Roman über sowohl die Liebe zum Leben und zur Freiheit als auch über schmerzliche Verluste zu einer fesselnden, tiefsinnigen und ergreifenden Lektüre, die lange nachhallt. Ob er in irgendeiner Form Auswirkungen auf unser aller Handeln hat, steht auf einem ganz anderen Blatt.
Claire Fuller: „Das Gedächtnis der Tiere“, erschienen im Kjona Verlag, in der Übersetzung aus dem Englischen von Andrea O‘ Brien; 336 Seiten, 25 Euro
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