Peter Süß – „1923“

„Das Land liegt darnieder wie eine tote Katze im Garten.“

Zeiten ähneln sich. Auch wenn dies ein eigenartiges, womöglich sogar ein unbehagliches Gefühl weckt. Manche gestrigen Ereignisse erinnern an die heutige Zeit, das Jahr 2023. Derzeit herrscht Inflation, vieles wird teurer, die Kosten steigen. Sorgen und Existenzängste sind zu spüren, der Unmut in der Bevölkerung wächst. Vor 100 Jahren, 1923, ist die Weimarer Republik im Krisenmodus. Banknoten weisen Millionen-Beträge aus, im Ruhrgebiet gibt es erneut Krieg, und in München versucht ein Österreicher, die Macht in Deutschland an sich zu reißen. In seinem lehrreichen wie unterhaltsamen Band „1923. Endstation. Alles einsteigen!“ führt Peter Süß in jenes Jahr, das Vorbote ist für das spätere Grauen.

Politischer Prolog

Doch nicht der Januar in seinem in Monate gegliederten Buch bildet den Auftakt. „Aufblende“ heißt eine Art Prolog zu Beginn, der die Geschehnisse am 8. und 9. November 1923, den sogenannten Hitler-Putsch, dem Leser vor Augen führt. Ein Datum, das Eingang in die Reihe der deutschen Schicksalstage gefunden hat, wenngleich es wohl ein eher unbekannteres ist. Dieser misslungene Staatsstreich, der Teil des allmählichen Aufstiegs Adolf Hitlers, der in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft bereits auf eine wachsende und allzu treue Gefolgschaft bauen kann, bildet, zieht sich wie ein roter Faden durch dieses Buch, wobei es viele dieser roten Fäden gibt – in Form von Themen oder bekannten und weniger bekannten Personen, die mehrfach ins Rampenlicht gestellt werden.   

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Da sind zum einen Bertolt Brecht, der erste Erfolge in den Theatern der Republik feiert, es als „Menschenfänger“ vor allem auf das weibliche Geschlecht abgesehen hat, und Franz Kafka, der, bereits an Tuberkulose erkrankt, die große, wenn auch kurze Liebe erfährt, sind zum anderen der US-amerikanische Pianist George Antheil, der nach einer Stippvisite in Deutschland in Paris seinen Ruhm begründet, sowie Thomas Mann, der an seinem „Zauberberg“ hadert und schließlich in Gerhart Hauptmann eine unfreiwillige Inspiration findet. Wir begegnen dem Muttersöhnchen Erich Kästner, dem suchtkranken Hans Fallada und Bankmitarbeiter Kurt Tucholsky genauso wie bekannten Künstlern wie George Grosz, Otto Dix und Pablo Picasso, um auch die Stars und Sternchen der damaligen Filmwelt kennenzulernen. In das Licht des Scheinwerfers geraten auch Größen von Politik und Wirtschaft. Wie der Medien-Tyconn Alfred Hugenberg und Unternehmer Hugo Stinnes. Als unsympathischer Simulant, der sich vor der Arbeit drückt, wird uns Joseph Goebbels vorgestellt. Auf einem Bild glaubt man Hermann Göring in einer Faschingsuniform zu sehen.

Wenn die Jungen vom Krieg träumen

Obwohl Süß immer wieder einen recht lakonischen Ton anschlägt, zeichnet der Autor klar und deutlich die Grundlagen des Dritten Reichs auf, das sein Fundament auf der Not der Menschen, eines menschenverachtenden Judenhasses und dem Heraufbeschwören einer großen Nation erbaut. Dass im Ersten Weltkrieg Millionen von Menschen in den Schützengräben und zerbombten Städten ihr Leben ließen, hält die Jungen nicht davon ab, von einem glorreichen Krieg zu träumen. Ihr Traum soll in Erfüllung gehen. Das entsetzliche Ende dieser aufkeimenden Saat kennen wir. Viele der erwähnten Literaten und Künstler werden ins Exil gehen, nicht wenige haben das kommende Grauen mit dem Aufstieg Hitlers bereits erahnt.

„Maßlosigkeit ist lebensnotwendig, man begibt sich in den Strudel, um zu vergessen, dass ein Vater, ein Sohn, ein Bruder, ein Liebhaber nicht aus dem Krieg zurückgekehrt ist. Tanzen, tanzen, tanzen, aus der Haut fahren, sich Verausgaben, als gäbe es kein Morgen. Dieses verrückte Jahr, es ist nicht verrückt, man will vergessen – um weiterleben zu können.“

Was Inflation bedeutet, welche Folgen die Entwertung des Geldes und damit die Entwertung des Menschen mit sich bringen, führt Süß bildhaft und damit mit einer erschreckenden Wirkung vor Augen: Die Menschen essen Hund statt Rind oder Schwein, die Särge werden kleiner, um Geld zu sparen. Im Juli werden 10.000-Mark-Scheine alleiniges Zahlungsmittel. Im dritten Quartal muss ein Angestellten-Haushalt 91 Prozent des Einkommens allein für Lebensmittel ausgeben. Am 4. November kostet ein Brot 140 Milliarden Mark. Ohne die Inflation hätte es kein Auschwitz gegeben, soll später der Schriftsteller Elias Canetti gesagt haben. Um sich von all der Not und den Schicksalen abzulenken, wird Kokain geschnupft, in Bars über den Durst getrunken, wird im Rausch gefeiert, moralische Grenzen fallen.

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„1923“ lädt zu einer Zeitreise ein, die zwar nach einem bekannten Muster gestrickt ist, allerdings noch immer einen großen Reiz besitzt. Zuletzt sind viele Bücher, auch Beststeller, erschienen, auf deren Cover eine Jahreszahl prangte. Allein zum Jahr 1923 gibt es mittlerweile mehrere Titel. Süß. der neben seiner Arbeit für Telenovelas und Daily Soaps auch Sachbücher und ein Theaterstück verfasst hat, sorgt im Verlauf der „Jahresuhr“ für einige Überraschungen und Aha-Effekte. Das liegt an einstigen Stars, die heute vergessen sind, wie die Schauspielerin Henny Porten, sowie besonderen Ereignissen, wie das verheerende und noch immer größte Erdbeben aller Zeiten in Japan mit einem Wert von 7,9 auf der Richterskala, bei dem am 1. September 140.000 Menschen starben. Zudem zieht Süß interessante Verbindungen zwischen Vergangenheit und Gegenwart.  Der Band enthält darüber hinaus zahlreiche Fotografien, darunter ein reizvolles von Franz Kafka und des Schwimmolympia-Siegers und Tarzan-Darstellers Johnny Weissmüller in jungen Jahren, wobei diese Zeitzeugnisse wohl auf den jeweiligen Seiten mehr Raum verdient hätten.

Nicht nur die umfassende Recherche-Arbeit nötigt Respekt ab, auch wie der Berliner das umfassende Material, diese vielen Ereignisse und Personen zu einem wunderbaren Kaleidoskop zusammengefügt hat, ist erstaunlich. Auf diese Weise gibt der Band vielfältige Anstöße, sich mehr mit dieser Zeit und ihren Menschen auseinandersetzen. Rundum eine große Lektion, die darüber hinaus noch ungemein erfrischend und lebendig wirkt und in der man auf nahezu vom Aussterben bedrohte Wörter wie „Tinnef“ und „schurigeln“ stößt.


Peter Süß: „1923. Endstation – Alles einsteigen!“, erschienen im Berenberg Verlag; 368 Seiten, 28 Euro

Bild von Joachim Schnürle auf Pixabay

2 Kommentare zu „Peter Süß – „1923“

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