Eeva-Liisa Manner – „Das Mädchen auf der Himmelsbrücke“

„Sie stand unwiederbringlich außerhalb der Dinge (…).“

Kinderperspektiven verleihen einem Buch einen besonderen Charakter. Der Blick eines jungen Menschen unterscheidet sich sehr von dem eines Erwachsenen. Kinder sehen die Welt mit anderen Augen – noch frei von Erfahrungen und dem Wissen um gesellschaftliche Normen. In Eeva-Liisa Manners (1921-1995) erstem Roman kommt zu der speziellen Perspektive noch ein anderes, sehr entscheidendes Merkmal hinzu. Leena, die Heldin des Buches, ist ein sehr besonderes Kind. Dass der Guggolz Verlag, schon seit einigen Jahren bekannt für Wiederentdeckungen aus der nordischen und osteuropäischen Literatur, nun auch Manners bereits 1951 erschienenes Werk wieder ins Bewusstsein bringt und nunmehr in deutscher Übersetzung zugänglich macht, ist ein großes Geschenk.

Überweltliche Musik

Leena ist neun Jahre alt. Sie lebt bei ihrer Oma am Stadtrand, ihre Mutter ist nach der Geburt gestorben, ihren Vater kennt sie nicht. Aufgrund einer Erkrankung kam das Mädchen erst spät in die Schule, das Lesen und Schreiben hatte sie sich aber bereits selbst beigebracht. Ihre Schule ist ein grauer und trostloser Ort, die Lehrerin eine strenge, lieblose Person, die es auf Leena abgesehen hat und sie als faul und starrsinnig beschreibt. Doch Leena ist anders. Sie ist fasziniert vom Wasser, erfindet Wörter, für sie haben Dinge eine Seele. Der Welt der Normen – in der Schule muss alles seine Ordnung haben, wird im Gleichschritt marschiert – setzt sie ihre eigene Welt entgegen. Sie könnte ein fröhliches Kind sein, wenn nicht da diese Todessehnsucht in ihr wäre. Eine Tages erleidet sie einen epileptischen Anfall, der sie indes nicht erschreckt oder verängstigt. Wenig später, nach einem Aufenthalt im Krankenhaus und bei ihren Streifzügen durch die Stadt, entdeckt sie eine Kirche. Dort lernt sie Schwester Elisabet und den blinden und leicht angetüdelten Organisten Filemon kennen, mit dem sie über Gott und die Welt, vor allem über die Musik redet. Denn Leena vernimmt zum ersten Mal die Musik Johann Sebastian Bachs, jene „überweltliche“ Musik, die selbstverständlich, aber zugleich unerklärlich ist.

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In dem Roman Manners übernimmt die Heldin zwar nicht die Rolle der Ich-Erzählerin, doch wir schauen in ihren Kopf und ihr Herz und kommen dem Mädchen und ihrer kindlichen Gedankenwelt sehr nahe. Einer Welt, in der die reale Welt sich mit der Fantasiewelt vermischt, wo Grenzen aufgehoben werden. Das schafft ein Schweben und eine liebevolle Hinwendung zu dem Mädchen, aber auch eine gewisse Unsicherheit. Was ist wahr, was spielt sich nur im Kopf des Kindes ab, sind keine leichte Fragen.

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Eeva-Liisa Manner, 1963                                     (Foto: E. Lahtinen/wikipedia)

Wasser und Himmel, getrennt vom Horizont, sowie Spiegelungen sind Leitmotive des Buches, in dem die finnische Autorin zugleich eigene Erlebnisse aus der Kindheit verarbeitet, wie die Schriftstellerin und Buchpreisträgerin Antje Rávik Strubel in ihrem Nachwort zur Ausgabe schreibt. Der Handlungsort verweist auf die Stadt Viipuri (Wyborg), die, 1939 von sowjetischen Truppen eingenommen, in der historischen Region Karelien zwischen Sankt Petersburg und der heutigen finnischen Grenze liegt. Hier ist Manner aufgewachsen, und wie ihre Heldin erlebt auch Leenas Schöpferin mehrere Schicksalsschläge.

„Oma ist ewig gewesen wie eine kostbare Pflanze, die gepresst, getrocknet und auf ein weißes Blatt geklebt wurde; dieses weiße Blatt stand für Leenas Leben. Aber das Bild traf nicht mehr zu. Nichts Beständiges traf mehr zu – nichts war gewiss.“

In „Das Mädchen auf der Himmelsbrücke“ gibt es sowohl lichte Momente als auch düstere Passagen, voller Trauer und Schmerz. Trost findet Leena in der Liebe zur Großmutter, die ihr jedoch auch Grenzen aufzeigt und deren Vergänglichkeit sie nachdenklich stimmt, – und in der Musik, die ebenfalls ein Leitmotiv des Romans bildet. Nicht nur gibt es den blinden Organisten, sondern auch Erinnerungen an einen Drehorgelspieler und die Erzählungen der Oma, die Leena von ihrem Vater, einem Klavierspieler, berichtet. Das Mädchen macht sich auf die Suche nach der eigenen Musik. Zunehmend nimmt die Handlung traum- und märchenhafte Züge an und gleitet ins Surreale ab.

Vielfältiges Schaffen, mehrfach geehrt

1951 erschienen, ist „Das Mädchen auf der Himmelsbrücke“ der erste Roman der finnischen Autorin, die 1921 in Helsinki geboren wurde. 1944 debütierte Manner mit einem Gedichtband, ihren Durchbruch erlebte sie 1956 mit ihrem Werk „Tämä matka“ („Diese Reise“). Ihr Schaffen ist vielfältig. Neben Lyrik und Romane schrieb sie Theaterstücke und Erzählungen. Zugleich übersetzte sie bekannte deutsche und englische Autoren, wie Hermann Hesse, Franz Kafka und Shakespeare, ins Finnische. Manner reiste viel, lebte jedoch zurückgezogen und scheute die Öffentlichkeit. Sieben Mal wurde der Schriftstellerin und Übersetzerin der Finnische Staatspreis verliehen, deren reiches Werk es nun zu entdecken gilt. Dieser Roman kann erst der Anfang sein, schreibt Antje Rávik Strubel zum Abschluss ihres Nachworts völlig zu Recht. Denn das ungemein poetische wie berührende Werk ermöglicht eine besondere Leseerfahrung – ist wundersam und kostbar wie eine Fuge Bachs.

Weitere Besprechungen des Romans auf dem Blog „literaturleuchtet“ und auf dem Blog von Sandra Falke.


Eeva-Liisa Manner: „Das Mädchen auf der Himmelsbrücke“, erschienen im Guggolz Verlag, aus dem Finnischen übersetzt von Maximilian Murmann, mit einem Nachwort von Antje Rávik Strubel; 154 Seiten, 22 Euro

Foto von Emely Hofstadt auf Unsplash

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