Sorj Chalandon – „Verräterkind“

„Aber was warst du dann, Papa?“

Als der gefürchtete Ex-Gestapo-Chef Klaus Barbie im Frühjahr und Sommer 1987 im Lyoner Justizpalast auf der Anklagebank sitzt, hat Sorj Chalandon, Auslandskorrespondent der französischen Tageszeitung Libération, in den Reihen der akkreditierten Reporter Platz genommen. Sein Vater verfolgt die öffentlichen Gerichtsverhandlungen als Zuschauer. Die Resonanz auf den Prozess ist riesig. Derweil eskaliert zwischen Vater und Sohn ein Konflikt. Chalandon erhält Informationen über die Vergangenheit seines Vaters, der über seine Rolle im Zweiten Weltkrieg seine Familie belogen hat. Mit seinem neuen autofiktionalen Roman „Verräterkind“ führt der Franzose sowohl in die 80er-Jahre und in die Zeit der deutschen Besatzung als auch in seine eigene Familiengeschichte.

44 Kinder verschleppt     

Bekanntlich gibt es unzählige Bücher über den Zweiten Weltkrieg, darunter auch Werke, in denen sich die folgenden Generationen mit den Verbrechen und der Schuld der Väter und Großväter auseinandersetzen. Chalandons Roman sticht indes aus der Masse heraus: Er vereint die Geschehnisse um den damaligen Prozess und die Suche nach der wahren Identität seines Vaters auf einzigartige, vor allem sehr bedrückende Weise. Alles beginnt mit einer Vor-Ort-Recherche: Der Autor, damals 35 Jahre alt, sucht wenige Wochen vor dem Prozess-Auftakt den Ort Izieu, im Département Ain und unweit der Stadt Chambéry gelegen, auf. Das Dorf hat sich mit einem grauenhaften Ereignis in die Geschichte geschrieben. In einem Waisenhaus wurden mehr als 40 jüdische Kinder und Jugendliche, Waisen und Halbwaisen, vor den Deutschen versteckt.

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Bis an einem Tag im April 1944 ein von der Gestapo befehligter Konvoi vor dem Gebäude hält. Nur einem Kind gelingt bei der folgenden Razzia die Flucht, alle anderen Kinder und Jugendlichen sowie eine Handvoll Betreuer werden ins Konzentrationslager Auschwitz deportiert und ermordet. Den Befehl für den Einsatz gab zuvor Klaus Barbie, der erst 43 Jahre später wegen Freiheitsberaubung in 842 Fällen und Mord in 373 Fällen angeklagt wird. Als „Schlächter von Lyon“ bekannt, war Barbie nach dem Krieg untergetaucht und unter dem Namen Klaus Altmann mit Hilfe der USA nach Bolivien emigriert, wo er unter anderem einige Monate für den Bundesnachrichtendienst tätig war, dem Barbies wahre Identität nicht bekannt war. Der Holocaust-Überlebende Serge Klarsfeld, der mit seiner Frau, Barbie in Südamerika aufspüren konnte, verliest während der Gerichtsverhandlung die Namen der ermordeten Kinder und Betreuer; eine der wohl berührendsten Szenen des Buches – neben den heftigen Auseinandersetzungen zwischen dem Erzähler und seinem Vater.

„Du brauchtest deine Lügengebilde zum Überleben. Ich hielt sie für deinen Todestrakt. Deshalb wollte ich dich zur Wahrheit zwingen. Und wenn deine Desmaskierung Verdammnis für uns beide bedeutete, dann war es eben so.“

Chalandon erinnert sich an die Worte seines Großvaters, der zu seinem damals zehnjährigen Enkel sagte: „Dein Vater stand im Krieg auf der falschen Seite.“ Welche Rollen sein Vater letztlich wirklich übernommen hatte, dass seine erzählten Kriegsgeschichten reine Täuschungen waren, erfährt er erst nach und nach. Denn Jean hat in all jenen Jahren mit Beginn der Besatzung fünf Uniformen getragen, war immer wieder desertiert, um wenig später einer anderen Einheit, einer anderen Armee und unter anderen Flagge zu dienen. Dieses Chamäleonhaftige erinnert ein wenig an Barbie, verbindet die Biografie des Vaters mit der des NS-Kriegsverbrechers. Wenige Monate vor dem Kriegsende wird der Vater verhaftet, um im August 1945 als Kollaborateur verurteilt und bereits ein halbes Jahr später wieder entlassen zu werden. All das erfährt der Autor erst mit Blick in noch unter Verschluss liegende Akten, die ihm ein Freund, der als Experte auf dem Gebiet der Kollaboration gilt, übergibt. Zwischen Beschreibungen, Erinnerungen und Reflexionen finden sich so auch Auszüge aus Polizeiberichten und Gerichtsprotokollen.

Unangenehme Begegnungen

Der Sohn konfrontiert den Vater mehrfach mit seinen Lügen und den wahren Fakten – trotz des Wissens, dass er damit die Wut und Verachtung des gewaltbereiten Vaters, den er seit der Kindheit fürchtet, heraufbeschwört. Für den Sohn sind die Begegnungen mehr als unangenehm und voller angestauter Emotionen, mehrfach weicht er ihnen aus. Wie er die wichtigen Teilnehmer des Prozesses beobachtet – Barbie selbst ist nur an wenigen Verhandlungstagen zugegen -, so nimmt er auch die Reaktionen seines Vaters, Mimik und Körpersprache, auf die Aussagen der Opfer genau in Augenschein. Chalandon, 1952 in Tunis geboren, beweist darin eine besondere Beobachtungsgabe und ein Gespür für Details, die er schon in seiner Zeit als Journalist zur Meisterschaft gebracht hat; für seine Reportage zum Barbie-Prozess wurde er mit dem Albert-Londres-Preis, dem renommiertesten Journalisten-Preis Frankreichs, geehrt.

„Ich hatte den Prozess meines Vaters an den Ort gebracht, wo Klaus Barbie verhandelt wurde. Die kleine und die große Geschichte vor denselben Gericht. Auf der leeren Anklagebank wäre noch Platz für den jungen Abenteurer. Den alten Mann ganz hinten im Saal, der sich durch eine List Zutritt verschafft hat.“

„Verräterkind“ ist ein Roman voller Schmerz und Scham, Trauer und Wut. Tränen fließen in nicht wenigen Szenen, auch bei dem Erzähler selbst, während sein Vater voller Kälte, Häme und Zynismus das Leid der Opfer und ihrer Angehörigen verlacht und verspottet, den eigenen Sohn klein hält und beschimpft. Ein Mensch, der beim Leser unangenehme Gefühle auslöst. Ein Mann, der kleiner und unbedeutender war, als er zugeben will, der den Helden spielen will und sich windet wie ein Aal, sogar vor seiner Frau und dem gemeinsamen Sohn, die letztlich unter seinem perfiden Versteckspiel leiden. Das Flehen nach Liebe und Anerkennung des Sohnes, selbst im Erwachsenenalter, bleibt ungehört. Immer wieder spricht der Erzähler den Vater an. Auf den Schmerz nach all den Lügen folgen die nächsten Wunden. Ein Leid in Endlosschleife.

Barbie wird – nachdem er bereits in Abwesenheit während dreier Prozesse 1952 jeweils zum Tode verurteilt worden war – am 4. Juli 1987 wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu lebenslanger Haft verurteilt. Er stirbt vier Jahre später im Alter von 77 Jahren. Chalandons Vater stirbt, 92-jährig, im März 2014 in einem psychiatrischen Krankenhaus in Lyon. Sechs Jahre später erhält sein Sohn vollständige Akteneinsicht. Sein brillantes und ergreifendes Buch, für das er auf der Shortlist des Prix Goncourt stand, widmet der Franzose seiner Verlegerin Martine Boutang, in seiner Widmung verweist er zugleich auf den „steinigen Weg“ zu seinem Vater, seinem ersten Verräter.

Eine weitere Besprechung auf dem Blog „Mit Büchern um die Welt“.


Sorj Chalandon: „Verräterkind“, erschienen im dtv Verlag, in der Übersetzung aus dem Französischen von Brigitte Große; 304 Seiten, 24 Euro

Bild von Pexels auf Pixabay

2 Kommentare zu „Sorj Chalandon – „Verräterkind“

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