Überleben – Gusel Jachina „Suleika öffnet die Augen“

„Als ob man sie ans andere Ende der Welt bringen will …“

Mit 15 Jahren wird sie mit dem weit älteren Murtasa verheiratet. Vier Töchter bringt sie zur Welt, die alle kurz nach der Geburt sterben. Mit 30 ist Suleika bereits Witwe, ein Rotarmist erschießt ihren Mann. Haus und Hof werden beschlagnahmt. Wenige Tage später findet sie sich in einem Waggon mit anderen Einwohnern ihres Heimatortes Julbasch, unweit von Kasan gelegen, wieder – eingepfercht mit weiteren Gefangenen auf der Fahrt gen Osten. Was sie zum Beginn der Reise noch nicht weiß: Sie ist schwanger und bis zum Ziel sind es noch mehrere Monate. Viel ist schon über die zahlreichen Lager geschrieben worden, die sich wie ein Netz über die Weite Sibiriens erstrecken. Doch bisher hat wohl niemand in einer so eindrucksvollen Bildhaftigkeit die Entstehung eines solchen Lagers aus der Sicht einer Frau geschrieben wie Gusel Jachina in ihrem Debüt „Suleika öffnet die Augen“, das von den 1930er- und 1940er-Jahren erzählt. Überleben – Gusel Jachina „Suleika öffnet die Augen“ weiterlesen

Liebesschmerz – Ulrich Schacht „Notre Dame“

„Die Seele ist schwach, wenn sie um Stärke bittet, und es ist keine Schande, schwach zu sein, wie Stärke kein Verdienst ist.“

Hinter der Mauer existierten viele Träume, Sehnsüchte. Auch Reisen in fremde Länder und ferne Orte waren für viele nur ein Traum und blieben es auch. Als die Mauer in der DDR 1989 bröckelte und schließlich fiel, galt die Freude der nun gewonnenen Freiheit. Jeder konnte reisen, geteilte Familien im geteilten Land konnten wieder zueinander finden, jeder konnte Menschen kennenlernen, die mit dem geteilten Deutschland wohl nie zusammengekommen wären. Eine dieser Geschichten erzählt Ulrich Schacht in seinem neuen Roman „Notre Dame“. Es ist die Geschichte einer großen, aber kurzen Liebe in den ersten Jahren der Nachwendezeit.  Liebesschmerz – Ulrich Schacht „Notre Dame“ weiterlesen

Verlaufen – Willem Frederik Hermans „Nie mehr schlafen“

„Man würde gern umkehren, denkt aber sofort daran, daß Umkehren genauso gefährlich ist wie Weitergehen, und geht weiter.“

Eine Buchmesse ist nicht nur wegen ihrer Menge an Ausstellern, Gästen und ihres einzigartigen Flairs beeindruckend wie faszinierend. Sie begleitet uns eine gewisse Zeit, vor allem mit der besonderen Auswahl eines Gastlandes. In Frankfurt rückte die Literatur der Niederlande und Flanderns in den Fokus der Aufmerksamkeit, und nicht nur aktuelle Autoren und Werke. In einem Online-Beitrag des schweizerischen Rundfunksenders SRF Kultur stieß ich auf den Namen Willem Frederik Hermans (1921 – 1995). Er war mir bekannt durch zwei Neuausgaben seiner Romane „Unter Professoren“ und „Die Dunkelkammer des Damokles“, die ich im Herbstprogramm des Aufbau-Verlages gesehen hatte. Doch es war Hermans Buch „Nie mehr schlafen“, 1966 erstmals erschienen, das in eben jenem Beitrag erwähnt und empfohlen wurde. Es führt mit seiner Handlung nach Nordnorwegen. Eng mit dem nordischen Land verbunden, war mein Interesse sofort geweckt. Verlaufen – Willem Frederik Hermans „Nie mehr schlafen“ weiterlesen

Stadtleben – Nellja Veremej „Berlin liegt im Osten“

„Wie fühlt es sich an, wenn die Welt, in die du geboren wurdest, wie eine Nussschale mit dir zusammen wächst, kränkelt, reift, altert?

Zwischen ihrer Heimat am Kaukasus und Berlin liegen Tausende von Kilometern, einige Jahre sowie unerfüllte Hoffnungen und Wünsche.  Lena hat Sprachwissenschaft studiert und arbeitet in Deutschland für einen Pflegedienst. Ihre Kollegen – eine Art proletarische Internationale – stammen aus aller Herren Länder und verschiedenen anderen Professionen. Ihre große Liebe zu ihrem Mann Schura, mit dem sie in der Zeit des politischen Umbruches nach Deutschland gekommen war, ist mittlerweile erloschen. Sie und die gemeinsame Tochter Marina sind Überreste einer kleinen Familie, die nahe dem Alexanderplatz wohnen. Ihre täglichen Wege führen Lena in die Tiefen der Großstadt und die Wohnungen der Klienten, die interessante Lebensgeschichten erzählen können. Stadtleben – Nellja Veremej „Berlin liegt im Osten“ weiterlesen

Stunde Null – Hans Fallada „Der Alpdruck“

„Das Leben geht weiter – sie werden diese Zeit überleben, sie, die durch Gnade Übriggebliebenen, die Hinterbliebenen. Das Leben geht immer weiter, auch unter Ruinen.“ 

Ohne übertreiben und andere Autoren vergessen zu wollen, kann er zu den größten Chronisten der 30er und 40er Jahre des vergangenen Jahrhunderts gezählt werden:  Hans Fallada (1893 – 1947). Mit der Neuausgabe und Urfassung seines letzten und 1947 erschienenen Romans „Jeder stirbt für sich allein“ und auch internationalen Erfolgen Jahrzehnte nach seinem Tod ist der Schriftsteller wieder verstärkt in das literarische Bewusstsein gekommen. Sein im selben Jahr veröffentlichtes Buch „Der Alpdruck“ erzählt von den Monaten nach Kriegsende und seine eigene persönliche Geschichte. Stunde Null – Hans Fallada „Der Alpdruck“ weiterlesen

Schweigen und Schuld – Verena Boos „Blutorangen“

„Es  gibt das Gesagte und dahinter das, was aus der Dunkelheit ein Echo zurückwirft.“ 

Eine Hochzeit bringt zwei Familien zusammen. Die Spanierin Maria Teresa, kurz Maite genannt, heiratet ihre große Liebe Carlos aus München, den sie während ihres Studiums kennengelernt hat. Beide ahnen indes nicht, dass ihre eigenen Familiengeschichten wiederum Ausdruck der großen Geschichte sind. Eine Fotografie bringt die Tochter aus gutem Hause auf die Spur der dunklen Vergangenheit ihres Vaters. Und auch in Carlos‘ Großvater Antonio hat sich die Geschichte hineingeschrieben.    Schweigen und Schuld – Verena Boos „Blutorangen“ weiterlesen

Inselsammler – Ulrich Schacht „Grimsey“

„Erinnere dich, sagte die Stimme: Eine Insel, nur von Gras überzogen, und ein Haus darauf, in das ich gehen kann oder aus dem ich komme, um vor dem Meer zu stehen. Das war doch dein erster großer Traum.“

Mit fünf Quadratkilometern ist sie nur ein Viertel so groß wie Hiddensee. Zahlreiche Vogelarten bestimmen die Fauna der Insel, deren Namen wohl den wenigsten bekannt sein wird. Obwohl Grimsey eine besondere Eigenschaft besitzt: Der Polarkreis verläuft über das nördlich von Island gelegene Eiland. Auf das es einen Mann verschlägt, der die knapp bemessene Zeit aus wenigen Stunden zwischen An- und Abreise für einen Rundgang nutzt, der indes von besonderen Erinnerungen begleitet wird.  Inselsammler – Ulrich Schacht „Grimsey“ weiterlesen

Warum? – Noah Hawley „Der Vater des Attentäters“

„Wenn wir leiden, Schmerzen oder Angst haben, wenden wir uns nach innen. Mit der eigenen Sterblichkeit konfrontiert, interessieren wir uns nicht mehr für die täglichen Dramen dieser Welt.“ 

Es ist eine Geschichte, die überall auf der Welt geschehen könnte und aktueller denn je ist. Die Medien berichten in aller Regelmäßigkeit über entsetzliche Amok-Läufe, Attentate und Gewaltausbrüche, in denen junge Menschen plötzlich zu Tätern werden und eine große Schuld auf sich nehmen. „Der Vater des Attentäters“ von Noah Hawley erzählt nicht nur eindrucksvoll von einer aus den Fugen geratenen Vater-Sohn-Beziehung. Der Roman geht der Frage nach, wie ein junger Mensch zu einem Mörder werden konnte. Warum? – Noah Hawley „Der Vater des Attentäters“ weiterlesen

Alte neue Zeit – Hansjörg Schertenleib „Jawaka“

„Schafft der Zufall Bedeutung, oder hängt alles zusammen, geordnet nach einem Plan, den wir Menschen nicht verstehen können?“

Katastrophenmeldungen beherrschen die Nachrichten. Städte stehen durch den ansteigenden Meeresspiegel unter Wasser. Woanders ist Dürre. Tierarten sterben aus. Terroranschläge fordern unzählige Tote. Es gibt Aufstände und Unruhen in Europa. Nur etwas mehr als 30 Jahre später soll die Erde nicht mehr so sein, wie wir sie kennen. Nach einer globalen Katastrophe leben die Menschen wie im Mittelalter; in kleinen Siedlungen, von Ritualen und Bräuchen geprägt. Die moderne Technik gibt es nicht mehr. Das Geld wurde abgeschafft. Alte neue Zeit – Hansjörg Schertenleib „Jawaka“ weiterlesen

Duell – Jennifer Dubois „Das Leben ist groß“

„Ich sah die Schönheit, das verrückte, eigenartige Glück, das darin lag, allein und unbeachtet und barfuß irgendwo draußen in der weiten Welt  zu sein. Vielleicht war es ein Segen, irgendwie. Es war wie der freie Fall von jemandem, dessen Fallschirm nicht funktioniert.“

Ihr bleibt nicht viel Zeit. Das Leben sagt „Schach“. Irina Ellison wird vermutlich an dem heimtückischen Hirn-Leiden Chorea Huntington erkranken. Wie ihr Vater, der nach dem Verlust der motorischen Fähigkeiten auch die geistigen verliert und nach einigen Jahren stirbt. Ein Gen-Test ergibt, dass ihre Chance, ebenfalls eines Tages davon betroffen zu sein, 50:50 steht. Irina, die Philosophie und Literaturwissenschaft studiert, über Vladimir Nabokov promoviert hat, entscheidet sich für einen kompletten Lebenswandel. Sie zieht sich zuerst in eine selbst gewählte Einsamkeit zurück, um schließlich ihren Partner, Freunde und Familie zu verlassen und von Amerika nach Russland zu fliegen. Dort will sie den einstigen Schachweltmeister Alexander Besetow treffen, von dem ihr Vater, ein Pianist und College-Lehrer, einst geschwärmt und an den er damals einen Brief geschrieben hatte. Eine besondere Geschichte nimmt ihren Lauf, die in ein scheindemokratisches Land  führt. Duell – Jennifer Dubois „Das Leben ist groß“ weiterlesen

Ganz unten – Ernst Haffner „Blutsbrüder“

„Geben, Schenken ist nicht des Reichen Sache. Die hetzen Hunde auf den Bettler oder schlagen die Tür zu. Geben mit der Selbstverständlichkeit des Wissens um Hunger und Elend wird nur der Arme. Der oberschlesische Kumpel, der italienische Tagelöhner oder der Berliner Arbeitslose.“

Ihr Zuhause sind die Straßen, die Wärmestuben, die Kneipen. Und Berlin ist voll davon. Wie auch von Männern und Frauen, die am Hungertuch nagen, die in der Wirtschaftskrise Anfang der 30er Jahre nicht wissen, wie sie über die Runden kommen. Doch ganz unten sind vor allem die Kinder und Jugendlichen, die keine Familie mehr kennen. Wie Jonny und Fred, Willi und Ludwig. Ihre neue Familie ist die Clique der Blutsbrüder. Denn zusammen ist man stark – auf der Suche nach Geld für Essen oder auch gegen die Polizei.  Ganz unten – Ernst Haffner „Blutsbrüder“ weiterlesen

Die Musik macht Helden – Sarah Quigley "Der Dirigent"

Die einst schöne Stadt hat sich zu einem Vorhof der Hölle verwandelt. Leningrad ist eingekesselt. Die Wehrmacht steht vor den Toren. Bomben fallen, Häuser sind zerstört, in den Straßen liegen Leichen. Wer (über)lebt, muss Hunger erleiden. Menschen sterben an Unterernährung und Krankheit. Manch einer wird zusammengeschlagen, weil er einen Laib Brot nach stundenlangem Warten ergattert hat. Andere verspeisen Katzen oder Ratten, um zu überleben. Mittendrin in diesem Ort der Zerstörung und des Todes die kulturelle Elite des Landes. Allen voran der Komponist Dimitri Schostakowitsch, der sich weigert, mit dem Gros der Künstler aus der Stadt gebracht zu werden. Zum Leidwesen seiner Frau und den beiden Kindern. Doch Schostakowitsch will Leningrad nicht verlassen, all zu viel hat er der Stadt zu verdanken, all zu viele Erinnerungen und enge Freundschaften verbindet er mit ihr. Während er am Tag seinen Dienst als Brandwache ableistet, schreibt er des Nachts an seinem besonderen Werk. Die siebente Sinfonie soll den Leningradern Kraft geben.  Die Musik macht Helden – Sarah Quigley "Der Dirigent" weiterlesen

Der Eroberer – Hans Fallada "Ein Mann will nach oben"

„Es ist nur, Rieke“, sagte der Junge, „es ist alles so viel, alle diese Häuser, und alles Stein, und keiner weiß von uns …“

Er ist wieder zurück. Gut, er war nie wirklich weg, nur scheinbar abgetaucht. Jetzt füllt er wieder die Regale in den Buchläden und jene der Literaturfreunde. Mit dem Erfolg seines letzten Romans „Jeder stirbt für sich allein“, vor allem auch außerhalb seiner deutschen Heimat, ist Hans Fallada wieder im Gespräch. Der Aufbau-Verlag brachte 2011 jenen letzten Band des im Jahr 1893 als Rudolf Dietzel in Greifswald geborenen Autors in einer ungekürzten Neuerscheinung heraus. Weitere folgten, so auch der Roman „Ein Mann will nach oben“. Der Eroberer – Hans Fallada "Ein Mann will nach oben" weiterlesen