Steffen Mensching „Schermanns Augen“

„Der Mensch ist eine Bestie.“

Einige historische Persönlichkeiten lernt man zuerst mit Geschichtsbüchern kennen, andere mit der Lektüre von Literatur. Als ich „Schermanns Augen“, den neuen Roman von Steffen Mensching zu lesen begann, wusste ich nicht, dass der Titelheld auf den 1884 in Krakau geborenen Schriftendeuter und Hellseher Rafael Schermann, also eine überaus reale Person, zurückgeht. Doch auch ohne dieses Wissen erweist sich dieses umfangreiche Werk als großer Wurf; vielleicht gerade wegen seiner Eigenschaft, die historische Wirklichkeit mit der Fiktion verschmelzen zu lassen. Doch nicht nur deshalb. Steffen Mensching „Schermanns Augen“ weiterlesen

Überleben – Gusel Jachina „Suleika öffnet die Augen“

„Als ob man sie ans andere Ende der Welt bringen will …“

Mit 15 Jahren wird sie mit dem weit älteren Murtasa verheiratet. Vier Töchter bringt sie zur Welt, die alle kurz nach der Geburt sterben. Mit 30 ist Suleika bereits Witwe, ein Rotarmist erschießt ihren Mann. Haus und Hof werden beschlagnahmt. Wenige Tage später findet sie sich in einem Waggon mit anderen Einwohnern ihres Heimatortes Julbasch, unweit von Kasan gelegen, wieder – eingepfercht mit weiteren Gefangenen auf der Fahrt gen Osten. Was sie zum Beginn der Reise noch nicht weiß: Sie ist schwanger und bis zum Ziel sind es noch mehrere Monate. Viel ist schon über die zahlreichen Lager geschrieben worden, die sich wie ein Netz über die Weite Sibiriens erstrecken. Doch bisher hat wohl niemand in einer so eindrucksvollen Bildhaftigkeit die Entstehung eines solchen Lagers aus der Sicht einer Frau geschrieben wie Gusel Jachina in ihrem Debüt „Suleika öffnet die Augen“, das von den 1930er- und 1940er-Jahren erzählt. Überleben – Gusel Jachina „Suleika öffnet die Augen“ weiterlesen