Tove Ditlevsen – „Kindheit“, „Jugend“, „Abhängigkeit“

„Es ist schwierig, bei sich zu bleiben, wenn die Dinge ringsherum ihr Gesicht ändern.“

Kein Werk wurde in diesem Frühjahr so oft und so überschwänglich landauf und landab besprochen wie die sogenannte Kopenhagen-Trilogie der Dänin Tove Ditlevsen (1917 – 1976). Gefüllt überfluteten Bilder und Meinungen die Social-Media-Kanäle; zünftig ausgestattet mit dem Hashtag #tovelesen. Feuilletons großer Tageszeitungen sowie beliebte Literatur-Sendungen kamen an dem dreibändigen autobiografischen Roman, der nun erstmals komplett ins Deutsche übersetzt wurde und zugleich in 16 weiteren Ländern erschienen ist, nicht vorbei.  Ein Hype, der gut in diese Zeit passt, in der das autobiografische beziehungsweise autofiktionale Schreiben großer Autoren noch immer viele Leser fasziniert, eine Wiederentdeckung, über die man sehr dankbar sein kann.

Vom Schreiben und Lesen

Erschienen sind die drei schmalen Bände „Kindheit“, „Jugend“ und „Abhängigkeit“ mit den Originaltiteln „Barndom“, „Ungdom“ und „Gift“ in den Jahren zwischen 1967 und 1971 – fünf Jahre vor ihrem Freitod durch eine Überdosis Schlaftabletten. Geboren und aufgewachsen in dem damaligen Arbeiter- und Rotlichtviertel Vesterbro in Kopenhagen, das sich mittlerweile zu einer angesagten Kneipen- und Studentengegend entwickelte, findet sie früh den Weg zur Literatur – und ihre Liebe zur Sprache. Das Lesen und Schreiben bringt sie sich selbst bei. Sie liest bereits als Kind die Klassiker, die Bibliothek wird zu einem Lieblingsort, wie der Antiquar Krogh, der ein Gespür für besondere Menschen hat, später zu einer sie prägenden Gestalt wird. In ihr Poesiealbum schreibt sie ihre eigenen Gedichte. Doch obwohl ihr Vater Ditlev, im Gegensatz zur Mutter Alfrida, ihr Vorbild ist für das extensive Lesen, ist er es zugleich, der es seiner Tochter nicht zutraut, dass sie mit Schreiben bekannt und ihr damit Geld verdienen wird, wobei er es wegen seiner Arbeitslosigkeit selbst kaum vermag, die Familie zu ernähren. „Ein Mädchen kann nicht Dichterin werden“, sagte er zu seiner Tochter.  Dieses traditionelle Rollenverständnis zieht sich durch die ganze Trilogie und hat wohl letztlich den Charakter und die späteren Beziehungen der Autorin sehr beeinflusst; doch dazu später mehr.

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Sehr früh bemerkt Tove, dass sie anders ist. Klar sieht sie ihren Weg vor sich, ihr Leben dem Schreiben zu widmen. Sie sehnt sich in der Jugend nach einem dafür passenden Ort und nach der Freiheit, dies tun zu können und den verarmten wie beengten Verhältnissen ihrer Familie zu entfliehen. Das Gymnasium bleibt ihr trotz guter Noten verwehrt, nach der Schule hangelt sie sich von einer Anstellung zur nächsten. Bis sie den 30 Jahre älteren Viggo F. Møller kennenlernt, den Herausgeber der Literaturzeitschrift „Wilder Weizen“, in der ihr erstes Gedicht erscheint und mit dem sie schließlich ihre erste Ehe eingeht.  Weitere Beziehungen folgen, sie geht fremd, wird Mutter einer Tochter, treibt in völliger Verzweiflung ein weiteres Kind ab. In der dritten Ehe mit Carl bringt sie den gemeinsam Sohn Michael zur Welt. Der Mediziner ist es auch, der sie mit einer Spritze Pethidin, einem Opioid, in die Abhängigkeit führt – in eine doppelte Abhängigkeit.  Einem psychisch labilen und die Schwäche seiner Frau ausnutzenden Mann verfallen, ist die Autorin zugleich süchtig nach Drogen wie Schlaftabletten und Methadon. Ihren Tiefpunkt erreicht Ditlevsen, als sie mit nur 35 Kilogramm in eine Entzugsklinik eingewiesen wird. Auch das ist eine dieser zahlreichen traurigen Episoden im Leben und Werk der Dänin.

„Ich kann mir selbst nicht erklären, warum ich mir so sehr wünsche, dass meine Gedichte gedruckt werden und sich Menschen, die ein Gespür dafür haben, daran erfreuen können. Aber ich wünsche es mir. Das ist es, worauf ich mich zubewege, über dunkle und verschlungene Pfade.“

Ditlevsen schreibt schonungslos über ihre Herkunft, die Kindheit und Jugend, ihre Familie und die sie prägenden Ereignisse, ihre Stärken und Fehler – immer wieder schier zerrissen von einer beeindruckenden Lebenskraft auf der einen und tiefen Selbstzweifeln auf der anderen Seite. Ihr Blick ist wach, das Gespür ein sensibles. Trotz der düsteren Flecken in ihrer Biografie zeigen einige Szenen durchaus ihren klugen Sinn für Humor.  Vermögen die in der Trilogie erwähnten Gedichte nicht die literarische Qualität ihres Schreibens zu beweisen, künden die nunmehr drei autobiografischen Bände, vor allem der letzte, durchaus davon.

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Tove Ditlevsen – Foto: unbekannter Autor

Wer wie ich stets auf der Suche nach Büchern über Autorinnen und Autoren ist, in denen die enorme Bedeutung zu schreiben und veröffentlicht zu werden poetisch wie eindrücklich und präzise beschrieben ist, wird in dieser Trilogie mehr als fündig.  Darüber hinaus fasziniert, wie Ditlevsen nicht nur ihr Innenleben unumwunden schildert, sondern auch die sie umgebenden Personen, ihre Verhältnisse zueinander sowie Gestik und Mimik beschreibt.

Auf den ersten Blick erscheint das dreibändige Werk nicht unbedingt ein Buch zu sein, welches das Zeitgeschehen in den Vordergrund rückt. Bedeutende geschichtliche Ereignisse wie die Inflation, in der ihre Großmutter ihr Erspartes verliert, oder die Machtergreifung Hitlers und der spätere Zweite Weltkrieg sind eher rar. Auch finden sich nur wenige klare persönliche Meinungen zu bestimmten Geschehnissen und politischen Themen und Fragen. Allerdings können ihre Beschreibungen des Vesterbro-Viertels, der eigenen Erfahrungen mit Armut und Ungerechtigkeit als eine Art Mileustudie gelesen werden. Über allem stehen die rückständigen, aber bis heute herrschenden Geschlechterrollen, in denen eine Frau von einem Mann versorgt werden muss, keinen selbstbestimmten und unabhängigen Lebensweg beschreiten kann, auch wenn es im Fall der Dänin Männer waren, die letztlich ihr Talent erkannt und gefördert haben.

„Kindheit“, „Jugend“ und „Abhängigkeit“ bilden zusammen ein berührendes wie tiefgründiges Porträt einer Schriftstellerin, die zugleich zu einer tragischen Gestalt wurde. Für diese Ausgabe hätte ich mir ein ausfühlicheres Nachwort gewünscht und hoffe, dass die neue Aufmerksamkeit für die dänische Autorin auch dafür genutzt wird, weitere Werke zu übersetzen und zu veröffentlichen. Ganz im Sinne von #tovelesen.

Eine weitere Besprechung zu allen drei Bänden der Kopenhagen-Trilogie gibt es jeweils auf den Blogs „Literaturleuchtet“ , „Literarische Abenteuer“ und „Der Leser“.


Tove Ditlevsen: „Kindheit“, „Jugend“, „Abhängigkeit“, erschienen im Aufbau Verlag, in der Übersetzung aus dem Dänischen von Ursel Allenstein

Foto von Przemysław Trojan auf Pixabay

2 Thoughts

  1. Danke vielmals fürs Teilen! Ich habe diese Trilogie mit viel Freude und Genuss gelesen, zeitgleich auch vermehrt Frustration, Ärger und Angst für die Protagonistin empfunden… Es ist ein schönes, lehrreiches, authentisches Stück Literatur, und ich kann alle drei Romane nur wärmstens empfehlen.

    Was den Aspekt Milieustudie und knapp gehaltene Informationen zum Kontext der Zeit betrifft: Ich empfand die Lektüre in vielerlei Hinsicht als Ansporn, mich weiter über die von ihr beschriebenen Situationen und Nuancen zu erkundigen, oder vergleichsweise über diese Zeit in meiner Heimat (Estland) nachzudenken, was Frauenrollen, Muttersein und Individualismus betrifft. Gestört hat mich diese kritisch als oberflächlich, realistisch als passgenau im Rahmen der Texte zu bezeichnende Herangehensweise nicht.

    In puncto mehr Informationen zur Autorin und ein fehlendes Nachwort gebe ich Dir allerdings vollständig Recht, danke für die scharfsinnigen Worte und Gedanken!
    Liebe Grüße :-)

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