Vergiftet – Rolf Bauerdick „Pakete an Frau Blech“

„Je mehr ich blendete, desto heller erstrahlte ich. Nur verschwamm mir die Grenze von Sein und Schein. Dabei wollte ich niemanden täuschen. Ich wollte doch nur heraus aus dem Schatten. Ich wollte siegen über das Grau.“

Mit 13 Jahren sitzt er mit freigekauften DDR-Häftlingen in einem Bus auf dem Weg in den Westen. Anfang 40 will er seine Vergangenheit hinter sich lassen und sich eine neue Existenz in den USA aufbauen. Zuvor soll es für Maik Kleine jedoch noch nach Berlin gehen. Ein trauriger Anlass. Sein Mentor und Ersatzvater, der charismatische Zirkusdirektor Alberto Bellmonti, alias Albert Bellmann, soll beigesetzt werden. Natürlich mit dem ihm entsprechenden Tamtam – wie es sich für ein international bekanntes Oberhaupt der Manege gehört. Ein Elefant führt den mehrstündigen Trauerzug zum Friedrichsfelder Zentralfriedhof an, wo berühmte Kommunisten und DDR-Bonzen ihre letzte Ruhe gefunden haben. Doch das Wiedersehen mit den anderen Zirkus-Mitstreitern, wie dem Polen Szymbo und der Russin Albina, führt Maik zurück in seine eigene Vergangenheit, als nach der Beisetzung Bellmonti unter Verdacht steht, ein Spitzel für die Stasi gewesen zu sein.

Wie schafft man es nun, ein eher unterhaltsames Thema wie den Zirkus und ein sehr ernstes wie die Staatsicherheit der DDR unter einen Hut zu bringen? Da hilft kein Abrakadabra, kein Simsalabim. Vielmehr braucht es eine besondere Erzählerfahrung, die sowohl über Respekt für die Vergangenheit als auch eine gehörige Portion Humor verfügt. Und das stellt Rolf Bauerdick ohne Frage in seinem neuesten Streich „Pakete an Frau Blech“ unter Beweis, der anders ist als viele Romane über die Zeit der DDR und ihre Auswirkungen in die Gegenwart. Es gibt Romane oder Filme, die betrachten jene 40 Jahre deutscher Geschichte realisitisch aus der Perspektive einer Person, einer Familie, wie Uwe Tellkamps „Der Turm“. Andere hingegen blenden die Ernsthaftigkeit des Themas meist völlig aus und schauen mit Humor und Ironie auf die damaligen Geschehnisse. Doch nichts gibt es Schlimmeres, als das Leid vieler Menschen zu belächeln oder auch, sich der Ostalgie-Bewegung anzuschließen, die vieles verklärt.


Die Ernsthaftigkeit seiner Geschichte spiegelt sich vor allem in den tragischen Geschehnissen rund um Maiks Familie wider: Als kleiner Junge verliert er den Vater, einen bekannten Mediziner, der bei einem Labor-Unfall stirbt. Während er als 13-Jähriger später über Weihnachten und Silvester in einem Skilager in der polnischen Hohen Tatra weilt, kommen seine beiden Geschwister Ronny und Kessy bei einem Hausbrand ums Leben, seine Mutter wird in eine Psychiatrie eingewiesen. Maik kommt in die Obhut seiner Tante Vera, die Jahre zuvor in den Westen gegangen ist und als angesehene Pharmazeutin nun im Apotheken-Museum in Heidelberg als Kuratorin arbeitet. Doch dann geschieht die nächste Tragödie. Maik wird daraufhin von einem Internat der Jesuiten aufgenommen, um sich kurz vor dem Abitur dem erfolgreichen Zirkus von Alberto Bellmonti anzuschließen.

Bauerdick fährt zweigleisig: Die Szenen in der jüngsten Vergangenheit, als Maik im Sommer 2007 nach Berlin zur Beerdigung des Zirkusdirektors fährt, setzt er seinem Rückblick auf die Geschehnisse in der DDR und den Erlebnissen und Erfahrungen seines Helden als Mitarbeiter des Zirkus entgegen. Damit gewinnt der Roman nicht nur an Fahrt, sondern baut eine Spannung auf, die bis zum Ende nie ihre Wirkung verliert und für pausenloses Lesen sorgt. Denn Kapitel für Kapitel wird deutlich, dass viele Menschen nicht die sind, die sie zu sein scheinen. Das gilt sowohl für Tante Vera als auch für den Mitarbeiter der Jugendhilfe, der trotz der schwierigen Verhältnisse im eiskalten Winter 1978/79 Maik einst aus dem Skilager geholt hat. Rund um die Geschichte seiner Familie ranken sich viele Geheimnisse und Fragen, die nach und nach aufgeklärt werden. Wer oder was verursachte den Tod von Maiks Vater? Wie ist es zum Hausbrand gekommen, bei dem Maiks Mutter den Teufel zu sehen glaubte? Und was hat es mit einem Foto auf sich, das Bellmonti und Markus „Mischa“ Wolf, den neben Erich Mielke bekanntesten Kopf des DDR-Geheimdienstes, zeigt?  Doch auch im Leben und Wirken Bellmontis selbst finden sich Ungereimtheiten. Selbst Maik, der die Rolle des Erzählers übernimmt, ist nicht ganz ehrlich, als er seinen einstigen Zirkus-Freunden eine kommende Karriere als Bühnen-Beleuchter in den Staaten vorgaukelt.

„Das ist ja das Übel, dass die großen Tragödien die vielen kleinen Dramen nach sich ziehen. Wobei zwei voneinander unabhängige Unglücke ein drittes überhaupt erst hervorbringen, wie fatale sich kreuzende Ereignisketten, wie umstürzende Dominosteine. Wobei die letzten in der Reihe nicht ahnen, dass sie fallen werden, wenn die ersten bereits am Boden liegen.“

Mehrere interessante Themen rückt der Autor damit in den Fokus und stellt sie zudem zueinander in Beziehung. Da ist zum einen das Wirken der Stasi, die nicht nur auf politischer Ebene stets und ständig die Finger im Spiel hatte, sondern im Leben der DDR-Bürger sicherlich eine große Rolle, wenn auch im Verborgenen, einnahm. Sie hat in ihrem ausufernden Kontrollwahn Lebensläufe von Personen in eine andere Richtung gelenkt, selbst Freunde und Familienangehörige aus dem Kreis einer Person als Spitzel angeworben.  Und war ohne Zweifel mehr als erfolgreich. Zum Leid vieler. Als zweites großes Thema erzählt Bauerdick vom Leben im Zirkus, von den Schwierigkeiten, mit denen einst große Namen aus DDR nach der Wende zu kämpfen hatte. Nicht minder interessant ist die inhaltliche Ebene, die sich mit dem Komplex Wissenschaft, Esoterik und Religion beschäftigt und die sich in den Figuren von Maiks Vater, von Tante Vera sowie des Jesuiten-Lehrers Leonard deutlich wird. Auch Maiks einstiger Lehrer wird sich der Spurensuche anschließen, die nach Leipzig, Heidelberg und Ungarn führt.

Zugegeben: Ich habe weder bisher einen Roman von Rolf Bauerdick gelesen, noch war ich 100-prozentig überzeugt, dass diese Mischung der Themen sowie das Zusammenspiel von Ernsthaftigkeit und Humor in einem Roman über die DDR wirklich funktioniert, ohne ihn allzu sehr ins Frivole und Lächerliche abgleiten zu lassen. Doch ich musste mich eines Besseren belehren lassen. Diese besondere Kombination, das Spiel mit Realität und Fiktion sowie der anschauliche wie lebendige Sprachstil des Autors  lassen diesen Roman zu einem spannenden wie berührenden Schmöker machen, der in seiner Geschichte wie ein Hase  irgendwie auf verrückte wie charmante Art so einige Haken schlägt und sowohl für Tragödien als auch Überraschungen sorgt. Vor allem die Dialoge mit ihrer ganz eigenen wunderbaren Mischung aus Weisheit und Humor reihen sich wie Perlen zu einer kostbaren Perlenkette aneinander.

Bauerdicks Werk ist ein Roman über Schein und Sein von Personen und politischen Systemen, über Freundschaft sowie die enge Verflechtung von Vergangenheit und Gegenwart, die sich jeder Mensch stellen sollte. Und während viele DDR-Romane den Versuch unternehmen, den Arbeiter-und-Bauern-Staat in all seinen Erscheinungen und Facetten – von den Menschenschlangen vor dem Konsum bis hin zur Dederon-Schürze – zu erfassen, bleibt der Autor hier weit eher bescheiden und konzentrierter. Natürlich kommt das West-Paket vor, wie es der Titel verrät. Aber auch, welcher Schatz einst eine Langspielplatte von Musik-Größen wie die Beatles und Bob Dylan war, der im Übrigen ebenfalls in diesem Buch Eingang findet.

Der Roman „Pakete an Frau Blech“ von Rolf Bauerdick erschien in der Deutschen Verlags-Anstalt. 416 Seiten, 21,99 Euro

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