Der Mensch allein – Elizabeth Kolbert „Das sechste Sterben“

kolpert „Die Tatsache, dass dieses Buch von einem behaarten statt von einem schuppigen Zweibeiner geschrieben wurde, hat mehr mit dem Unglück der Dinosaurier zu tun als mit irgendeinem besonderen Vorzug der Säugetiere.“

Als ein Meteorit die Erde trifft, wird der Planet zur Hölle. Nur wenige überleben die Katastrophe in der Kreidezeit vor rund 66 Millionen Jahren. Die Giganten der damaligen Zeit, die Dinosaurier, sterben aus. Die Ursache für das nächste Massensterben kommt indes nicht aus dem All. Sie lebt vielmehr auf der Erde und hat in den vergangenen zwei Millionen Jahren einen unvergleichlichen Siegeszug auf zwei Beinen angetreten. „Das sechste Sterben. Wie der Mensch Naturgeschichte schreibt“ hat die amerikanische Journalistin und Autorin Elizabeth Kolbert ihr neuestes Werk genannt. Das weniger Anklage als der Versuch ist, das unvergleichliche Ereignis aufzuarbeiten und Wege für die Bewahrung unvergleichlicher Naturschätze zu finden.

Viel ist in der Vergangenheit über den Klimawandel geschrieben worden. Noch immer führen Wissenschaftler und Laien teils heftige Debatten, ob die weltweite Erwärmung vom Menschen geschaffen oder vielmehr ein Naturphänomen ist, das in der Vergangenheit bereits regelmäßig stattgefunden hat. Doch nicht der Klimawandel allein ist schuld, dass unser Planet gefährlich auf der Kippe steht und sowohl Flora als auch Fauna bedroht sind. Kolbert berichtet über die Versauerung der Meere, die Ausbreitung von Neophyten, Pflanzen und Tiere, die durch den Menschen eingeschleppt, andere Arten verdrängen und gefährden, sowie die Vernichtung des Lebensraumes.

Die Autorin zitiert dabei weniger unzählige wissenschaftliche Werke oder reiht Zahlenkolonnen aneinander. Vielmehr geht Kolbert auf Reisen, die sie um die ganze Welt führen. Sie begegnet Wissenschaftlern und mit ihrer Hilfe bedrohten Tierarten, so in Panama dem Stummelfußfrosch, im Zoo von Cincennati einem der letzten Vertreter, besser gesagt einer Vertreterin des seltenen Sumatra-Nashorns. In Albany, im amerikanischen Bundesstaat New York, erlebt sie, wie Fledermäuse zuhauf durch einen eingeschleppten Pilz dahingerafft werden, in Italien, welche Auswirkungen die Versauerung der Meere hat. Vor allem zahlreiche Korallen-Arten sind bedroht und damit auch ein Unesco-Weltnaturerbe, wie es das Great Barrier Reef bei Australien ist. Gerade unvergleichlich komplexe Lebensräume wie der Regenwald und damit unzählige Arten, die hier auf engstem Raum leben, sind bereits verschwunden oder werden es in Kürze sein. Doch auch unsere nächsten Verwandten, einst die Neanderthaler, heute die Menschen-Affen, hatten und haben dieser Bedrohung durch den Menschen nichts entgegenzusetzen.

„Überall in New York und Neuengland erwachten Fledermäuse aus dem Winterschlaf und flogen davon. Das weiße Pulver blieb rätselhaft. ,Wir dachten, na gut, hoffen wir, dass es einfach vorbeigeht‘, erzählte Hicks. „Es war wie mit der Regierung Bush. Aber genau wie sie ging es nicht vorbei.“

Zwischen ihren Beschreibungen aktueller Ereignisse wirft sie immer wieder einen Blick zurück: in die Zeit, als Fossilien einen wahren Hype auslösten und das Bewusstsein entstand, dass es einst Arten gegeben hatte, die anders und oft weit größer waren als die uns bekannten. Kolbert macht den Leser vertraut mit den wichtigsten Gedanken Darwins und welche Wissenschaftler und Errungenschaften ihn damals beeinflusst haben und berichtet von den fünf vorhergehenden Massensterben, die es seit der Existenz des Lebens gegeben hat. Ihre kenntnisreichen Ausführungen kennen keine fachlichen Grenzen, sie widmet sich der Biologie und Geografie genauso wie der Geschichte und der Paläontologie. Und dabei nie detailverliebt oder gar vor Fachbegriffen strotzend.

Vielmehr ist ihr Schreibstil eine ganz wundersame Mischung. Mal reportagehaft, mal literarisch mit herrlich erfrischenden. aber stets prägnanten Vergleichen schildert sie ihre Erlebnisse, essayistisch hingegen formuliert sie ihre Erkenntnisse und persönlichen Gedanken. Nie wird es langweilig, vielmehr ensteht eine sehr subtile Spannung, der sich sicherlich kaum ein an Natur interessierter oder allgemein neugieriger Leser entziehen kann, der bei seiner Lektüre das Gefühl bekommt, ein Begleiter der Autorin auf ihren interessanten Reisen zu sein. Zwischen der Ernsthaftigkeit des Themas und des Gefühls der Betroffenheit beweist sie zudem einen unvergleichlich intelligenten ironisch-kritischen Humor auf sehr menschliche (dies ist hier positiv gemeint) Art.

„Wenn die Welt sich schneller ändert, als Spezies sich anzupassen vermögen, fallen viele diesem Prozess zum Opfer. Und das gilt unabhängig davon, ob die treibende Kraft dieser Veränderung in einem Feuerstrahl vom Himmel fällt oder mit einem Honda zur Arbeit fährt.“

Für ihr Werk hat die Amerikanerin, die seit Ende der 90er Jahre für die renommierte Zeitschrift „The New Yorker“ schreibt und als Expertin auf dem Gebiet des Klimawandels gilt, den Pulitzerpreis erhalten. Er ist mit je 10.000 Dollar dotiert und zählt zu den wichtigsten Preisen im Journalismus und der Literatur Doch nicht nur diese Auszeichnung sollte den Leser animieren, dieses Buch in die Hand zu nehmen und zu lesen. Der Band ist über sein enthaltenes Wissen und seinen unvergleichlichen Stil hinaus ein sehr eindringliches Plädoyer für den Erhalt der kostbaren Natur, zu der wir selbst gehören und deren Zerstörung den Menschen womöglich selbst an den Abgrund drängen könnte. Auch darüber schreibt Kolbert wie auch über die schier übermenschlichen Anstrengungen, einzelne Arten vor dem Aussterben zu bewahren. Denn in uns steckt auch die Kraft und die Empathie, um Flora und Fauna zu kämpfen. Selbst wenn beispielsweise ein Sumatra-Nashorn wie Suci aus dem Zoo Cincennati mit  einem „ausladenden Hinterteil“ und einer Haut wie „Linoleum“ nicht gerade menschlichen Ansprüchen von Ästhetik entspricht.

Der Band „Das sechste Sterben. Wie der Mensch Naturgeschichte schreibt“ von Elizabeth Kolbert erschien im Suhrkamp Verlag, in der Übersetzung aus dem Englischen von Ulrike Bischoff   312 Seiten, 24,95 Euro