Andri Snær Magnason – „Wasser und Zeit“

„Das menschengemachte Feuer ist fast zweihundertmal größer als die gesamte vulkanische Tätigkeit auf der Erde.“ 

Island ist bekannt durch seine Geysire und Vulkane, seine bizarren Landschaften und seine besondere Tierwelt.  Doch wie wird die Insel, dieses faszinierende Naturparadies im Norden Europas, in 100 Jahren ausschauen? Denn die Welt ist durch den Menschen im Wandel. Bereits 2014 verlor Island wegen der Erderwärmung den Gletscher Okjökull, der 2019 offiziell für tot erklärt wurde. Nur noch eine Gedenktafel und vergangene Nachrichten erinnern an ihn. Oder Fotos wie jene aus einer vergangenen Zeit im Buch des Isländers Andri Snær Magnason „Wasser und Zeit. Eine Geschichte unserer Zukunft“, in dem er erzählt, was war und was kommen könnte.

Erklärer, Erzähler, Mahner

Schon einmal das zur Warnung: Es wird nicht schön, wenn wir weiter so machen wie bisher. Es wird eine Katastrophe – für uns alle. Das macht Magnason in seinem glänzend recherchierten Sachbuch mehrfach deutlich. Dabei ist sein Werk allgemein von einer gewissen Redundanz geprägt. Doch ein Warner – nicht Panikmacher! – sollte bekanntlich seine dringlichen Worte nicht nur einmal äußern, um gehört zu werden. Und der Isländer übernimmt diese, wenn auch äußerst unbeliebte Rolle, wenngleich er kein Wissenschaftler, sondern vielmehr ein Erklärer und Erzähler ist, der sich auf eine ganz persönliche Weise der Zeit, der Geschichte, Gegenwart und Zukunft, annimmt.

Er erzählt von seiner Familie, seinen Großeltern, sich selbst und seinen Kindern. Wie hat sich ihr Leben verändert, was unterscheidet den Alltag. Oma Hulda und Opa Arni gehörten zu den Ersten in Island, die Berge und Gletscher zum Vergnügen bestiegen und lange Touren unternommen haben. Die Schwester seines Opas Bjørn war Kindermädchen im Haus von J. R. R. Tolkien, dem Verfasser des Epos „Der Herr der Ringe“. Onkel John war ein renommierter Krokodil-Forscher, der sich für den Schutz dieser besonderen und besonders bedrohten Tiere eingesetzt hatte. Magnason erlebte selbst das Sterben des eingangs erwähnten Gletschers, für dessen Gedenktafel er den Text schrieb, und berichtet in seinem Buch zugleich von der Entstehung eines Stausees, der für eine Aluminium-Fabrik Strom produziert. Dafür geflutet wurden 50 Quadratkilometer der Hochebene Kringilsárrani, die einst der Dichter und Lehrer Helgi Valtýsson  (1877-1971) in seinem Werk „Auf Rentierpfaden“, ein vergessenes Stück „Nature Writing“, beschrieb.

„In einer Zeit, in der wir Geräte, Technik, Mode und Markennamen verehren, gibt es tatsächlich allen Grund, sich zusammentun, um die Mutter Erde, die Vögel, die Wälder und das Meer anzubeten.“

Magnason konzentriert sich in seinem Buch auf die Gletscher und ihre Bedeutung für den Menschen. Sie speichern nicht nur Wasser, das im geschmolzenen Zustand den Meeresspiegel deutlich anheben würde. Die Gletscher des Himalaya sind zudem wertvolle Speicher, die in der warmen Jahreszeit ihr nährstoffreiches Wasser abgeben, Wasser, das die Menschen in einer der bevölkerungsreichsten Regionen der Welt dringend benötigen. Ihr Verschwinden hätte fatale Auswirkung. Der Isländer beschreibt zudem die dramatischen Folgen der Versauerung der Meere durch das Kohlendioxid, dessen Anteil in der Atmosphäre auf den höchsten seit drei Millionen Jahre angestiegen ist. Der folgenschwere Eingriff des Menschen in die Abläufe der Natur ist nunmehr Teil der Erdgeschichte geworden und hat einen Namen erhalten: Anthropozän. Wir sorgen dabei für einen unumkehrbaren Prozess – das sechste Sterben. Das letzte Massensterben geschah nach einem verheerenden Asteroid-Einschlag vor 66 Millionen Jahren.

Vom sechsten Massensterben

Wer sich mehr mit dem Thema beschäftigen will, dem sei zugleich das Buch „Das sechste Sterben. Wie der Mensch Naturgeschichte schreibt“ von Elizabeth Kolbert empfohlen. Für ihr interdisziplinäres Werk, das sich der Biologie und Geografie genauso wie der Geschichte und der Paläontologie widmet und den Leser um den Erdball führt, erhielt die Amerikanerin 2015 den renommierten Pulitzer-Preis. Der Band ist über sein enthaltenes Wissen und seinen unvergleichlichen Stil hinaus ein sehr eindringliches Plädoyer für den Erhalt der kostbaren Natur, zu der wir selbst gehören. Wie sie formuliert der Isländer indes keine Anklage. Er benennt Fakten, berichtet durchaus aber auch kritisch von der Entwicklung der letzten Jahrzehnte, der immer größeren Ausbeutung durch den Konsum des Menschen, dessen Anzahl im Zuge der Überbevölkerung immer weiter steigt. Und wie sie beschreibt auch er sowohl hoffnungsvolle aktuelle als auch mögliche Projekte und Aktionen, die teils auch jeden von uns einschließen, um den Klimawandel zu verzögern und zu stoppen.

Magnason, Literaturwissenschaftler und als Autor heimisch in verschiedenen Genres vom Kinderbuch über Theaterstücke bis hin zu Lyrik, Prosa und Sachbuch, engagiert sich seit Jahren für den Umweltschutz. Gemeinsam mit Björk organisierte er 2008 das Protest-Konzert „Náturra“ in Reykjavik; ein gleichnamiger Song der isländischen Sängerin erschien im selben Jahr. 2016 kandidierte er zur Präsidentschaftswahl in seinem Heimatland.

Welche Sprache, um zu vermitteln

Seine eindrückliche Kombination aus eigenen Begegnungen und Erinnerungen mit klaren nachvollziehbaren wissenschaftlichen Fakten und Rechenbeispielen samt spannenden Informationen fasziniert. Diese Form überzeugt vermutlich mehr als ein reiner wissenschaftlicher Beitrag. Er verwendet verschiedene Genres beziehungsweise Stile. Mal ist sein Buch erzählerisch, mal essayistisch, es gibt Zitate, Dialoge und Interviews wie beispielsweise jene, die bei der Begegnung Magnasons mit dem Dalai Lama entstanden sind. Er ergreift Partei für die Klimaschutz-Bewegung „Fridays for Future“, hält E-Autos wegen ihrer rohstoffintensiven Produktion für den falschen Weg und schreibt, welche Rolle Sprache auf die Vermittlung von Informationen und Fakten hat, welche fatalen Folgen Fake-News auf die Gesellschaft haben.

„In Relation zur fünfzig Millionen Jahre alten Geschichte des Ozeans ist die Menschheit vorgestern erst aufgetaucht.“

Immer wieder ist sein Blick notwendigerweise auf die Zukunft gerichtet, vor allem auf die Zeit kommender Generationen. Was für eine Erde werden sie vorfinden, was haben wir ihnen hinterlassen? Das Buch beschließt mit einem Gespräch über die Zukunft – ein eindrucksvolles Rechenbeispiel, das vor Augen führt, dass wir über unsere Lebenszeit hinaus Einfluss haben, eben auf das Leben unserer Nachkommen. Es sei deshalb nicht nur dem Autor, sondern uns allen zu wünschen, dass dieses Buch oft und von vielen gelesen wird.


Andri Snær Magnason: „Wasser und Zeit. Eine Geschichte unserer Zukunft“, erschienen im Insel Verlag, in der Übersetzung aus dem Isländischen von Tina Flecken; 304 Seiten, 24 Euro

Foto von Valeriia Bugaiova auf Unsplash

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