Charlotte McConaghy – „Zugvögel“

„Wie sind wir nur so weit gekommen.“

Sie fliegen von Norden nach Süden, von der eisigen Arktis in die nicht minder eisige Antarktis. Auf ihrem Flug hin und zurück legen sie schätzungsweise 30.000 Kilometer zurück – damit gelangen sie nahezu einmal um die Erde. Die Küstenseeschwalben sind Langstreckenflieger und Zugvögel und stehen im Mittelpunkt des eindrucksvollen Debütromans der australischen Autorin Charlotte McConaghy. Mit dem einfachen wie prägnanten Titel sind indes nicht nur die kleinen und robusten Tiere gemeint. 

Artensterben auf allen Kontinenten

Dabei warne ich schon vorneweg: Dies ist kein Wohlfühl-Roman, vielmehr nimmt diese Geschichte dystopische Züge an, wobei nicht die Menschen am Abgrund stehen, sondern die Fauna. Bereits die ersten Sätze machen es klar: „Die Tiere sterben. Bald sind wir hier ganz allein.“ Die Herrschaft des Menschen inklusive des globalen Klimawandels mit seinen weitreichenden und unumkehrbaren Folgen haben zu einem Artensterben auf allen Kontinenten geführt hat. Franny will den Küstenseeschwalben von der Arktis in den Süden nachreisen, um mehr über diesen Prozess zu erfahren. Sie plant, in Grönland ein Schiff zu besteigen, um von dort ihre Tour zu beginnen. Ein schwieriges Unterfangen, das ihr indes mit einer klugen Taktik glückt. Sie gelangt auf das Fischer-Boot „Saghani“ unter dem Kommando des verschrobenen Ennis Malone, obwohl er und seine zusammengewürfelte Crew mit Mitgliedern aus aller Herren Ländern zuerst von ihrem weiblichen Neuzugang wenig begeistert sind. Franny wird indes Teil der Besatzung, macht Bekanntschaft mit der kräftezehrenden und gefahrvollen Arbeit. Mit der Zeit verdient sich die junge Frau den Respekt der Mannschaft. Doch die Reise ist lang und voller Hürden und Bedrohungen.

Mit Zeitsprüngen hinein in vergangene Jahre und Jahrzehnte wird zugleich von Frannys wechselvollem und teils tragischem Leben, ihren Gefühlen und Gedanken, der Quelle ihrer Kraft, aber auch von ihren dunklen Seiten und traumatischen Ereignissen berichtet. Sie ist in Australien aufgewachsen, ein Teil der Familie stammt indes aus Irland. Dort ist sie später auf der Suche nach ihren Wurzeln – gemeinsam mit ihrem Mann Niall, einem Professor für Ornithologie, den sie an der Universität Galway kennengelernt hat. Die Liebe und Faszination für die Tiere, speziell zu den Vögeln mit ihren speziellen Eigenschaften und Fähigkeiten, verbindet sie, wobei der Wissenschaftler mit Franny eine Frau mit einem speziellen Wesen geheiratet hat. Wie die Zugvögel zieht es sie regelmäßig in die Fremde, an andere Orte, ihren Mann lässt sie dabei zurück. Und wie Zugvögel sind auch Ennis Malone und seine Crew auf den Meeren unterwegs.

„Ein namenloser Kummer, dieses Dahinschwinden der Vögel. Das Dahinschwinden aller Tiere. Wie einsam es hier werden wird, wenn nur noch wir da sind.“

Geschickt verwebt die Autorin das große wie aktuelle Thema Artensterben und -schutz mit der Biografie beziehungsweise dem vielschichtigen Psychogramm der Heldin, die zugleich die Rolle der Ich-Erzählerin einnimmt. Nach und nach setzt sich die Geschichte der Protagonistin, die zudem einige Jahre in einem Frauengefängnis verbringen muss, zusammen, wobei ein Ereignis gegen Ende des Romans wohl viele Leser erschüttern wird und auch erklärt, weshalb ihre Seele trotz ihrer innerlichen Willensstärke und Begeisterung für ihre Reise von Melancholie, ja Lebensmüdigkeit durchzogen ist.

Sinnlich, bildgewaltig, menschlich

Mit Blick auf die Biografie der Autorin fragt man sich zugleich, wie viel von ihr in ihrem Erstling steckt. Charlotte McConaghy, 1988 geboren, wuchs wie ihre Heldin in Australien auf und hat ebenfalls irische Wurzeln. Zugleich setzt sie sich mit den Auswirkungen des Klimawandels, mit Flora und Fauna auseinander. Ihr zweiter Roman wird sich dem Thema Wölfe und der Renaturierung eines Waldes widmen. Bereits seit einigen Jahren hat der Bereich Natur und Naturschutz einen festen und darüber hinaus breiteren Raum in verschiedenen Genres der Literatur eingenommen, feiert auch das Genre des „Nature Writing“ eine Renaissance. Eine Entwicklung, die ich sehr begrüße!

„Zugvögel“ ist ein sehr sinnlicher, bildgewaltiger und menschlicher Roman, der den Leser auf eine kleine Weltreise mitnimmt und berührend von schmerzlichen Verlusten, loyaler Freundschaft und inniger Liebe erzählt und trotz aller Dramatik und Tragödien eine leise Hoffnung in sich trägt. Mit McConaghy und ihrem Erstling feiert eine Autorin den Weg in die Welt der Geschichten, die sowohl das Herz für Flora und Fauna und ein besonderes erzählerisches Talent in sich vereint. Ein großartiges Debüt, das auf Mehr hoffen lässt und das in der deutschen Übersetzung von Tanja Handels einen prägenderen, nahezu poetischeren Titel hat als das Original.


Charlotte McConaghy: „Zugvögel“, erschienen im S. Fischer Verlag, in der Übersetzung aus dem Englischen von Tanja Handels, 400 Seiten, 22 Euro

Foto von paul Williams auf Pixabay

2 Gedanken zu „Charlotte McConaghy – „Zugvögel““

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