Projekt „Fluß ohne Ufer“ – Annäherung an Hans Henny Jahnn Teil 1

„Und so werden wir gleich zu lesen beginnen, diese Sätze, Ausfahrt, Erster Akt, Erster Band, und so wird es sein. Und ich denke an den Maler William Turner. Und ich sehe die Bilder. Und das verwirrende Licht des Impressionismus, und denke an den Sturm des Expressionismus.“ Clemens Meyer

Lieber möchte ich ein Buch empfehlen, als vor ihm zu warnen. Doch in diesem Fall werde ich eine Ausnahme machen. Denn dieses Werk soll und muss gelesen werden, aber weder zur falschen Zeit noch am falschen Ort. „Fluß ohne Ufer“ ist keine leichte und unterhaltsame Lektüre für den Strand oder für eine kurze Fahrt mit der Bahn oder dem Bus. Um das Mammut-Werk von Hans Henny Jahnn (1894 – 1959) zu lesen, braucht es Zeit und einen Ort der Versenkung. Weil es mit mehr als 2 000 Seiten nicht nur die Maße herkömmlicher Lektüre sprengt und weil es mehr Herausforderung denn reines Vergnügen ist – durch seine Sprache und einen Stil der seinesgleichen sucht.  

Ich machte die Bekanntschaft mit dem Namen des Autors dank eines Beitrages in der „Zeit“. Ulrich Greiner schrieb unter dem Titel „Der Uferlose“ über zwei neue Veröffentlichungen – Briefe Jahnns an seine Frau sowie eben jene Prachtausgabe von „Fluß ohne Ufer“ aus dem Verlag Hoffmann und Campe. Greiner hatte im Übrigen diesen mehrteiligen Roman, der trotz seines Umfanges Fragment geblieben ist, im Zug gelesen – während seiner täglichen Bahnfahrt zwischen Hamburg und Essen – und verglich am Ende seines Beitrages dieses nahezu vergessene Werk als einen „gestrandeten Wal“.

Mittlerweile habe ich den ersten Teil des Romans hinter mich gebracht. Es trägt den Titel „Das Holzschiff“ und beschreibt die Fahrt des Dreimast-Seglers „Lais“. Mysteriös geht es bereits zu Beginn zu: Nachdem das Schiff den Hafen erreicht hat, die Mannschaft die „Lais“ verlässt, regt sich Argwohn unter den Zollbeamten. Denn es bleibt ein Geheimnis, was das Schiff geladen hat. Selbst die Besatzung für die nächste Fahrt erhält keine Informationen, was sie denn über das Meer bringen soll. Weder wird im Buch der Starthafen der ominösen Ladung genannt, noch einen Verweis auf das Ziel gegeben. Es gibt Türen, die verschlossen scheinen, sich aber wie von Zauberhand wieder öffnen. Das Gerücht, dass sich der Besitzer heimlich als blinder Passagier an Bord geschlichen hat, macht die Runde. Als blinder Passagier lediglich enttarnt wird indes nur Gustav, der mit Ellena, der Tochter des Kapitäns, verlobt ist und sie als einzige Frau unter all den Männern nicht allein segeln lassen wollte. Viel Vertrauen in den Vater hegt Gustav nicht. Denn der scheint selbst als Oberhaupt des Schiffes nicht wirklich alle Fäden in den Händen zu halten. Vielmehr hat Superkargo Georg Lauffer das Sagen an Bord. Mit der Zeit macht Gustav bizarre Entdeckungen, die zu einigen Geständnissen des Superkargos führen. So soll das Schiff, das in seiner Konstruktion wie ein Labyrinth erscheint, durch ein anderes ferngesteuert werden, gebe es an Bord Mikrofone. Während Gustav mit der Zeit ein gutes Verhältnis zur Crew aufbaut, werden er und Georg zu Konkurrenten, denn der Superkargo scheint Interesse an Ellena zu zeigen. Doch nach einer Meuterei ist die junge Frau plötzlich verschwunden.

Diese bizarren Szenen, diese Wellen an Geheimnissen, die sich nach und nach des Schiffes bemächtigen, lassen an Franz Kafka denken. Sicher ist: Jahnn hat Kafka gelesen, wie auch Kafka Jahnn gelesen haben soll. So soll der Autor der „Verwandlung“ nach der Lektüre eines jahnnschen Werkes gesagt haben: „Ein Buch, das nicht wie ein Hammerschlag auf den Kopf wirkt, ist nicht wert, gelesen zu werden.“ Diese Verbindung findet sich in einem alten Spiegel-Artikel. Doch trotz der Gemeinsamkeiten, in einer bedeutenden Sache unterscheiden sie sich dann doch erheblich. Jahnn hat nie diese Aufmerksamkeit von Lesern, Kritikern und Literaturwissenschaftlern erhalten wie Kafka, der ohne Frage zu jenen Autoren zählt, über die die meiste Sekundärliteratur verfasst wurde. Trotz seiner literarischen Preise – so erhielt Jahnn den renommierten Kleist-Preis – wurde es nach seinem Tod still um sein Schaffen. Liegt es an dem schwierigen Zugang zum Werk, an seiner Person?  Jahnn, Sohn eines Schiffsbauers, war nicht nur Autor, er arbeitete als Orgelbauer, war Pazifist. Zweimal verließ er seine Heimat, um vor dem Krieg zu flüchten – im ersten Krieg nach Norwegen, mit Beginn des Dritten Reiches auf die schwedische Insel Bornholm, wo ein Großteil von „Fluß ohne Ufer“ entstanden ist. Obwohl er verheiratet war, soll er der gleichgeschlechtlichen Liebe nicht abgeneigt gewesen sein.

„Die Gesetze des Weltenbaus können sich nicht ändern, weil ein verräterischer Stein sich lockert und der Mensch mit ihm bodenlos wird.“

Die Lektüre ist herausfordernd, doch von einer intensiven Spannung getragen. Während Landschaftsbeschreibungen an impressionistische Gemälde erinnern, erscheinen die Dialoge wie aus klassischen Dramen entlehnt. Es gibt klare, deutliche Sätze und kryptische Passagen, die ich immer wieder umkreist habe, ohne indes richtig in das Zentrum vorzudringen. Jahnn spielt mit den Erwartungen des Lesers und fordert sie heraus. Neben dem Erzählen der Handlung findet sich eine weit tiefere Ebene aus Gedanken, Empfindungen, philosophischen Weisheiten. Der Schriftsteller Clemens Meyer („Als wir träumten“, „Im Stein“) hat für die Lektüre des gigantischen Werkes sieben Jahre gebraucht, dies schreibt er in einem Vorwort, das in der liebevoll und edlen gestalteten Prachtausgabe (mit Schuber) aus dem Haus Hoffmann und Campe zu finden ist. Den Norddeutschen setzt er in eine Reihe der großen Sprach-Ästheten wie Kleist, Kafka, Büchner und Heiner Müller. Meyer spricht vom „Planeten Jahnn“ und seinem „Sprachmeer“ und zeigt so seinen Respekt.

Das Projekt „Fluß ohne Ufer“ und Hans Henny Jahnn geht weiter. Ich warte auf den günstigen Moment, auf eine stille Brise, die mich für die kommenden Teile „Die Niederschrift des Gustav Anias Horn“ und den „Prolog“ mitnehmen kann. Dieses (B)Log-Buch wird also weitergeführt.

Fluß ohne Ufer“ von Hans Henny Jahnn erschien im Verlag Hoffmann und Campe, herausgegeben von Ulrich Bitz und Uwe Schweikert, 2112 Seiten, 130 Euro

14 Comments

  1. Wow! Als ich erfuhr, dass der „Wal“ wiederaufgelegt wurde, war ich nah dran…Aber noch habe ich ihn mir nicht gekauft. Ich hätte so große Lust darauf und Du steigerst das mit Deiner Besprechung ( trotz der berechtigten Warnung). Aber die Zeit, die Zeit…Auch so ein uferloser Ding. Ich hoffe, ich lese noch über deine weitere Jahnn-Lektüre hier!

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    1. Vielen Dank für Deinen Kommentar, Birgit. Ja, die Ausgabe ist wirklich sehr, sehr schön und auch edel. Ich werde den „Wal“ häppchenweise lesen. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass ich auch mehr zu Jahnn erfahre, der mir bis dato völlig unbekannt war. Viele Grüße

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  2. Liebe Constanze,
    das klingt ja großartig, danke für’s Neugierigmachen auf dieses spannende Projekt! Ich weiß zwar nicht, wann ich die Zeit für die 2000 Seiten finden sollte, aber das Buch wandert auf jeden Fall auf meine Wunschliste.
    Ich mag ja Wälzer und große Leseprojekte und lese übrigens immer noch – immer mal wieder – an meinem Walbuch. Ich mag es, wenn einen herausfordernde Bücher über einen langen Zeitraum begleiten.

    Liebe Grüße
    Mara

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    1. Vielen Dank für Deinen Kommentar, liebe Mara. Ja, ich denke der “Wal” ist ein wahres Lebensbuch, das, ungemein herausfordernd, einen auch weiterbringt, an dem man wächst. Vielleicht ähnlich Deiner Orca-Übersetzung. Nicht immer sind manche Gedanken und Gedankengänge sofort fassbar, aber darin liegt ja die Herausforderung. Und der Roman wird so zu einem Lebensbegleiter. Viele Grüße

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  3. Ui – sehr schön! In Hamburg war Jahnn (als Kind der Stadt) etwas präsenter, da kam ich dann mal in die Versuchung mich mit „Perrudja“ zu beschäftigen. Bin stecken geblieben. Zeit muss man da wirklich mitbringen! „Fluss ohne Ufer“ steht aus ebendiesem Grund auch nicht auf meinem Fünfjahresplan. Umso spannender, was Du so dazu schreibst 🙂

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    1. Das ist natürlich ein interessanter Hinweis, den du da gibst. Spannend, dass die Jahnn-Stadt sein Erbe doch etwas anders betrachtet und sich ihm widmet. Ich frage mich, warum es sich die Literatur-Kreise so schwer mit ihm machen. Meist wird da auf seine schwierige Person verwiesen, aber das ist kein wirkliches Argument. Ich hatte während meines Studiums in Leipzig nie ein Wort über Jahnn gehört. Deshalb war der Zeitungsbeitrag in der „Zeit“ schon ein Anstoß. Viele Grüße

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      1. Naja, er steht auch dort nicht sonderlich im Vordergrund, aber die örtlichen Buchhändler wissen schon das ein oder andere über Jahnn, außerdem habe ich damals nicht weit von einer Hans-Henny-Jahnn-Straße gewohnt – immerhin! Im Gegensatz zu Autoren ähnlicherSonderwerke wie Musil oder Joyce fehlt Jahnn eben der populäre Nimbus, der dann doch wieder Leser anzieht. Die Einschätzungen seiner literarischen Zeitgenossen und späterer Verehrer sind im Laufe der Zeit irgendwie in der Versenkung verschwunden – schön, dass moderne Literaten wie Clemens Meyer ihn wieder aufgreifen. Oder Blogger 😉 ! Viele Grüße, Sonja

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  4. Auch ich bin nach der Zusammenfassung zu Teil 1 „Das Holzschiff“ nur noch neugieriger geworden, als ich ohnehin schon war. Einen runden Geburtstag später sollte der Schuber mein sein. Und spätestens mit der darauffolgenden Null kann ich hoffentlich meine Leseeindrücke zusammenfassen. 😉 Danke für das „Vorlesen“!

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    1. Da drücke ich mal ganz fest die Daumen, dass der Schuber dein wird. Ich habe es schon bei einem anderen Kommentar geschrieben. Das Werk ist ein Lebensbuch, das einen über Jahre begleitet und an dem man wachsen kann. Viele Grüße

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  5. ich hatte vor vielen Jahren mit absoluter Begeisterung „Die Nacht aus Blei“ von ihm gelesen. Als ich mich dann vor wenigen Jahren an die Lektüre des „Wals“ machen wollte, bin ich dann allerdings gescheitert. Wird wohl ein Buch für die Rente werden;))

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