Entdeckt – Irmgard Keun „Das kunstseidene Mädchen“

„Ich bin so oft doch mal unglücklich gewesen, aber es geht immer vorüber. Geht es denn bestimmt immer vorüber?“

Es gibt Autoren und Werke, die ähneln Sternschnuppen. Sie glänzen für eine kurze Zeit, lenken die Blicke vieler Menschen auf sich, um wenig später schnell zu verglühen und nahezu in Vergessenheit zu geraten. Einst galt Irmgard Keun (1905-1982) als großes literarisches Talent, war die meistgelesene Autorin der 30er Jahre, wurde zuvor von Alfred Döblin entdeckt, von Kurt Tucholsky gepuscht. Während des Dritten Reiches verschmäht, geriet sie nach dem Krieg jedoch in Vergessenheit. 

In den 1980er hat man sie hauptsächlich in der BRD wiederentdeckt, vor allem dank der feministischen Bewegung. In der DDR kannten sie hingegen nur wenige. Heute werden die Erinnerungen an die 1905 in Charlottenburg/Berlin geborene Autorin und ihr Werk auf den Bühnen der deutschen Theater und vielleicht noch in germanistischen Seminaren lebendig gehalten. Dabei lohnt sich zweifellos ein Blick auf ihre interessante Biografie und ihr bekanntestes Werk, den Roman „Das kunstseidene Mädchen“, ein Jahr vor Hitlers Machtergreifung erschienen. In ihrem Buch erzählt die junge Autorin von ihrem bisherigen Leben. Wer den Inhalt des Romans und die Biografie der Schriftstellerin nebeneinander legt, wird Parallelen feststellen. Wie Keun kennt sich die Protagonistin aus in Sachen Schreibmaschine und Stenografie, und auch sie schafft später den Sprung auf die Schauspielschule – wenn auch nur für ein kurzes Intermezzo.

„Und die fertigen Schauspieler verachten wieder die von der Schule und lassen es sich anmerken. Gegenseitig verachten sie sich auch, aber das lassen sie sich dann nicht so anmerken – und überhaupt ist alles eine allgemeine Verachterei, nur sich selbst findet jeder wunderbar. Und nur die Hausmeister sind wie normale Menschen und grüßen wieder, wenn man Guten Tag sagt.“

Doris erscheint als ein umtriebiges Mädchen mit einer schier überschäumenden Lebensfreude und einer nahezu unerschöpflichen Energie. Sie befindet sich auf der Suche nach Erfolg, Liebe und Glanz und will ihre kleine Heimatstadt und das allzu bescheidene Zuhause mit einem trinkenden Vater und einer Mutter, die als Garderobiere im Schauspielhaus arbeitet, hinter sich lassen. Doris ist dabei Protagonistin und Erzählerin zugleich. Mit Wortwitz und einer herzerfrischenden Schnoddrigkeit, grammatikalisch nicht immer perfekt, berichtet sie über ihre Erlebnisse mit den Männern – sie kommen im Übrigen nicht allzu gut weg – und gibt Einblicke in ihre Gedankenwelt, die an einigen Stellen eine nahezu welterfahrene Weisheit beweist. Ihre Gefühle und Gedanken schreibt sie in ein Tagebuch nieder. Zwischen den Etappen ihres langsamen Abstiegs von der Sekretärin in einer Rechtsanwaltskanzlei bis zur Obdachlosen sowie mehreren Beziehungen zu älteren Männern muss das naiv wirkende Mädchen schließlich doch erkennen, dass sie gescheitert ist. Die Hoffnungen auf eine glanzvolle Karriere in der großen Stadt Berlin, ein sorgenfreies Leben und die große Liebe erweisen sich als trügerisch. Sie möchte alles haben, um schließlich nahezu alles zu verlieren. In ihr keimen Suizid-Gedanken sowie die Idee, sich als Prostituierte zu verdingen.

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Eine Ausgabe des Deutschen Taschenbuch Verlages aus dem Jahr 1989.

Gerade darin beweist der Roman aus dem Jahr 1932 eine erstaunliche Aktualität. Er hält der Gesellschaft den Spiegel vor. Bekanntlich glauben noch immer junge Menschen an eine steile Karriere – ohne Rücksicht auf Verluste. Selbst wenn es Tugenden oder der eigene Stolz sind. Vielen mangelt es an den geeigneten Fähigkeiten. Der Traum von Ruhm und Karriere blendet aus, was man nicht kann und niemals können wird. Des Weiteren rechnet das Werk mit der Zweiklassen-Gesellschaft ab. „Wer Geld hat, hat Beziehungen und braucht nicht zu zahlen“, heißt es da an einer Stelle. Traurig, aber wahr – bis heute.


Als Vertreter der „Asphaltliteratur mit antideutscher Tendenz“ kam der Roman auf den Index der Nationalsozialisten. Keun, zu deren  Freunde namhafte Autoren wie Stefan Zweig und Heinrich Mann gehörten, flüchtete ins Exil – in Belgien, später in den Niederlanden. Mit Joseph Roth verband sie in jener Zeit eine kurze Liebesbeziehung, ihre Ehe mit dem Schriftsteller Johannes Tralow war zuvor gescheitert. Nachdem die Deutsche Wehrmacht die Niederlande besetzt hielten, kehrte Keun mit falschen Papieren illegal nach Deutschland zurück. Nach dem Krieg konnte sie allerdings nicht wieder an ihre Erfolge anknüpfen – trotz ihrer recht regen schriftstellerischen Tätigkeit. Sie lebte fortan zurückgezogen und in bescheidenen Verhältnissen, litt unter Alkoholismus und starb schließlich 1982 an Lungenkrebs.

In diesem Jahr kam der Roman unter anderem auf die Bühnen in Duisburg, Mainz, Göttingen und Naumburg/Saale, das Berliner Renaissance-Theater zeigte ein Chanson-Musical. Bereits 1959 entstand ein Film mit Keuns Roman als Vorlage. Der List Taschenbuch Verlag hat das Werk weiterhin im Programm. Aber vielleicht findet der eine oder andere das Buch in einem Antiquariat – und kauft es. „Das kunstseidene Mädchen“ hat gute Chancen, dass es als großes Werk einer interessanten Autorin nicht wieder in Vergessenheit gerät.

Gemeinsam mit dem Beitrag über „Fluß ohne Ufer“ des Schriftstellers Hans Henny Jahnn soll „Das kunstseidene Mädchen“ ein neues Thema auf diesem Blog eröffnen. Fortan soll in regelmäßigen Abständen über fast vergessen Autoren und Werke berichtet werden.

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