Abstieg – Tim Winton „Schwindel“

„Engel ziehen weg, Kumpel. Sie sterben. Sie werden alt. Sie lassen dich allein.“

Er ist ganz unten, allerdings zugleich auch oben. Der einst berühmte Umweltaktivist Tom Keely steht nach der Scheidung und dem Jobverlust vor den Scherben seines Lebens. Er wohnt im zehnten Stock eines Hochhauses in Fremantle, nicht weit von der westaustralischen Metropole Perth entfernt. In seinem unaufgeräumten Appartement lebt er zurückgezogen in einer selbst gewählten Isolation. Trübsinn und Selbstmitleid bestimmen seine Gedanken, Untätigkeit, Alkohol und Tabletten seinen von Geldnöten beherrschenden Alltag. Dann tritt mit Gemma und ihrem sechsjährigen Enkel Kai die Vergangenheit in sein Leben und verändert es schlagartig. 

Tim Wintons neuer Roman „Schwindel“ ist allerdings keineswegs nur eine Geschichte über nachbarschaftliche Beziehungen, Verbindungen zwischen den Zeiten und ein besonderes Band zwischen Mann und Kind. Mit der Figur des Tom Keely hat der Australier, der mit Romanen wie „Der singende Baum“ und „Atem“ zu den bedeutendsten literarischen Stimmen seines Landes zählt, eine sehr politische geschaffen. Denn Tom weiß als einstiger berühmter Umweltaktivist ganz genau von den Sünden der Menschen, die für große Bauprojekte die Natur für immer verändern, bedrohte Tier- und Pflanzenarten um weitere Exemplare reduzieren und ihnen den Lebensraum stehlen. Während die Ehrfurcht vor den Geschöpfen verschwunden ist, bestimmen Korruption und miese wirtschaftliche Geschäfte den Alltag. Selbst ehemalige Mitstreiter haben mittlerweile die Gegenseite, das bequeme und sichere Leben, für sich entdeckt und damit Ideale verraten, für die Keely einst gekämpft hat – gegen die Macht und Skrupellosigkeit von Behörden und Unternehmen.

Auch dieses traurige Geschehen, das nahezu unaufhaltsam seine Bahnen zieht, belastet Tom sehr, der sich mit Alkohol und Tabletten über den Tag rettet – zum Ärger seiner Mutter und seiner Schwester, die eine Bilderbuchkarriere führt. Einziger Lichtblick ist der kleine Kai, mit dem er eines Tages auf eine Bootsfahrt geht, um Vögel zu beobachten. Ein Ereignis, das Kai prägen wird, der fortan Vögel verschiedener Arten malt und Vogelbücher „verschlingt“. Tom scheint durch die Beschäftigung mit dem merkwürdigen Jungen, der oft traurige Dinge sagt und in seiner eigenen Welt versinkt,  seine eigenen Problem zu vergessen. Denn nach und nach kommt die traurige Geschichte von Kai und seiner Großmutter Gemma ans Licht, die einst mit ihren Schwestern bei den Keelys regelmäßig Zuflucht gesucht und nahezu ein zweites Zuhause gefunden hatte, als die eigenen Eltern aufeinander losgegangen waren. Während Kais Mutter, Gemmas Tochter, im Gefängnis sitzt, ist sein Vater ein berüchtigter Drogendealer, der kein Gewissen kennt. Keine wirklich gute Aussicht für einen Sechsjährigen, in geregelten und sicheren Verhältnissen aufzuwachsen.

Wintons Roman könnte langsam, aber sicher auf ein gutes und hoffnungsvolles Ende zusteuern. Denn Kai findet Vertrauen zu Tom, der selbst wiederum Lebensmut verspürt, einen neuen Job beginnt. Nur die beginnende sexuelle Beziehung bringt Tom und Gemma etwas aus dem Gleichgewicht. Doch diese Harmonie wird jäh zerstört, als Gemma und ihr Enkel bedroht werden – von den Eltern des Jungen, die Geld brauchen. Tom klügelt einen Plan aus, bringt Gemma und das Kind bei seiner Mutter in Sicherheit. Doch zwischen den Erwachsenen kommt es zu Spannungen – weil auch Toms Mutter ihrem Sohn ein unstetes Leben vorwirft und ihn zudem auffordert, sich von einem Arzt untersuchen zu lassen: Denn Schwindelanfälle und merkwürdige Aussetzer plagen Tom.

„Nein. Das Wehtun wird kleiner. Es ist irgendwie traurig. Wie … Wenn alles weggeht, sich ausschaltet. Aber ich will es nicht. Alles geht aus wie am Ende des Tages.“

„Schwindel“ ist ein Buch, das viele Stimmungen zeigt und einen faszinierenden weil spannenden Sog entwickelt. Nach und nach bekommen die Figuren ihre Lebensgeschichte, blickt der Erzähler in ihre Vergangenheit und die gegenwärtige Gefühls- und Gedankenwelt hinein. Ab und an mit einem sehr eigenwilligen Humor dank wunderbar lebendiger Dialoge und der herrlichen Schnoddrigkeit des Helden versehen, zeichnen sich indes andere Szenen, die alle das Thema Tod berühren, durch eine gewisse Düsternis aus. Tom hat Angst, früh zu sterben, da dieses Schicksal seinem Vater, einem Prediger, einst wiederfahren war. Und selbst der kleine Kai beschäftigt sich mit dem Sterben.  Er wird von Albträumen gequält und auch er glaubt nicht daran, einmal alt zu werden. Ein Gedanke, der Tom verängstigt und zum Grübeln bringt.

Gerade mit dem Hochhaus hat der Australier ein besonderes Symbol geschaffen, das diesen Abgrund und die Möglichkeit des Falls immer wieder betont. Es herrscht ein schmaler Grat zwischen oben und unten, und das wissen die erwachsenen Protagonisten wohl sehr genau. Winton zeigt ein großes Herz für Helden, die gestrandet sind und leiden, die beide Seiten des Lebens, Hoffnung wie Enttäuschung, kennen. Es scheint, nur wenn sie sich gegenseitig finden und sich aneinander festklammern, gibt es die Möglichkeit auf eine positive Veränderung.


Doch Toms Plan, die Kriminellen auf seine Art zu vertreiben, geht nicht auf. Gemma  versucht einen anderen, weit gewalttätigeren. Die Situation spitzt sich zu, die schließlich in ein recht merkwürdiges Ende mündet. Als Leser sucht man verzweifelt nach weiteren Seiten, weiteren Kapiteln, doch Winton setzt auf Seite 477 hinter dem Wörtchen „gut“ einfach einen Punkt. Soll sich doch der Leser einen besseren Abschluss ausdenken, scheint er gedacht zu haben. So viele unbeantwortete Fragen schwirren noch durch den Kopf. Aber vielleicht ist das auch gut so: So kreist die Geschichte in den Gedanken weiter. Ein besseren Wunsch kann doch ein Autor für sein Werk nicht haben.

Der Roman „Schwindel“ von Tim Winton erschien im Luchterhand Literaturverlag, in der Übersetzung aus dem australischen Englisch von Klaus Berr; 480 Seiten, 19,99 Euro

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