Gezeichnet – György Dragomán „Der Scheiterhaufen“

„Die schmerzvollsten Geschichten könne man nur so erzählen, dass der, der zuhört, das Gefühl hat, dass sie ihm selbst widerfahren, dass es seine eigenen Geschichten sind.“

Den Menschen zeichnen Erfahrungen und Erlebnisse, Gedanken und Gefühle und nicht minder politische und gesellschaftliche Ereignisse, die später zu Geschichte werden. Wir sind immer das, was wir einst waren. Ein Teil von allem. Kinder und Jugendliche wie Emma machen ebenfalls diese Erfahrung, wenn sie auch erst später wirklich bewusst wird. In Emmas Heimatland Rumänien hat der Sozialismus sein Ende gefunden. Auf dem Hof ihres Internates werden die Überreste des diktatorischen Regimes unter Nicolae Ceaușescu auf einem großen Scheiterhaufen verbrannt. Eine neue Zeit bricht an: nicht nur gesellschaftlich, sondern für Emma auch privat. Ihre ihr bis dato unbekannte Großmutter holt sie aus dem Internat. Fortan soll das Mädchen, das beide Eltern durch einen Autounfall verloren hat, bei ihr leben. 

Doch mit der Zeit und von Kapitel zu Kapitel des neuen Romans „Der Scheiterhaufen“ des ungarischen Autors György Dragomán wird die Beziehung zwischen Enkelin und Großmutter enger und vertrauter. Weil beide den Anfeindungen der Bewohner der Stadt ausgesetzt sind, weil beide einen schmerzlichen Verlust erlitten haben: Emma ihre Eltern, die Großmutter ihren Mann, der sich zu Silvester das Leben genommen haben soll. Beide galten nach dem Umsturz als Spitzel und Verräter. Emma wird als Enkelin der Verräterin beschimpft, ist Repressalien ausgesetzt und muss sich in der neuen Schule und ihrer Klasse erst behaupten. Dabei trifft sie allerdings auch auf Menschen, die ihr zur Seite stehen und sie in ihren Talenten fördern, wie der Crosslauf-Trainer, der Zeichen-Lehrer oder die Bibliothekarin, die Emmas Eltern kannte.

Anna T. Szabó/Wikipedia

Wie bereits in seinem ersten Roman „Der weiße König“ entwirft der 1973 in Siebenbürgen geborene und heute in Budapest lebende Autor eine Welt aus der Sicht eines Kindes. In seinem Debüt wurde der elfjährige Dszátá zum Erzähler, nun ist es die 13-jährige Emma. Ein Kind als Erzähler ist allein für sich schon eine ganz faszinierende Angelegenheit, wird das Abbild der Wirklichkeit weit weniger von Lebenserfahrungen und gesellschaftlichen Zwängen geprägt. Und nicht umsonst heißt es, Kinder sind ehrlicher.  Doch zu dieser speziellen Erzählweise gesellt sich eine weitere Besonderheit, die sich aus einer Eigenschaft Emmas ergibt: Sie ist eine ungemein gute Beobachterin, seziert ihre Umgebung, das Geschehen und ihr Tun in kleinste Einzelheiten. Die im Präsens erzählte Handlung erscheint wie in Zeitlupe, verzögert und zudem auf einen Ausschnitt fokussiert sehr detailreich. Das Sehen spielt als Sinnesfunktion in einer Vielzahl an Szenen eine große Rolle. Das Lesen wird zu einer meditativen Angelegenheit, zu einem Achtsamkeitstraining, das einen ganz besonderen Reiz hat. Die Zeit scheint stillzustehen; womöglich allerdings auch zum Unwillen der von Spannung verwöhnten Lesern.

„Dann sage ich doch etwas, was vergangen ist, ist vergangen, sage ich, während ich weiß, dass das nicht stimmt, dass es eine unermesslich große Lüge ist, es ist nicht vergangen, es vergeht nicht.“

Nur an einigen Stellen macht dieses langsame Erzählen eine Pause: Denn auch die Großmutter hat eine Geschichte zu berichten, die weit vor den jüngsten Ereignissen geschehen war. Während des Zweiten Weltkrieges hat sie mehrere befreundete Juden in einem Holzschuppen vor der Verfolgung und dem nahezu sicheren Tod versteckt, bis  auch diesem Akt der Menschlichkeit ein tragisches Ende gesetzt wird. Für Emma ist jener Schuppen tabu, bis sie ihn mit kindlicher Neugierde und ihrem Entdeckungsdrang schließlich aufsucht. Im Gegensatz zu dem Mädchen, für das Geschichte sich in aktuellen Erlebnissen zeigt, wird bei der Großmutter und ihren älteren Erinnerungen eher die Frage nach richtig und falsch, nach wahr und unwahr aufgeworfen. Die alte Frau kann sich an einiges nicht mehr genau erinnern und gibt Emma als Rat mit auf dem Weg, dass jeder seine eigenen Geschichten hat, auch Lügen zur Wahrheit gehören, um sich selbst zu schützen. Emma ist eine sehr lebendige und kraftvolle und somit sehr sympathische Figur. Sie entwickelt sich weiter, weiß sich in der Schule zu behaupten, lernt ihre Talente kennen und verliebt sich in den eigenwilligen Péter, der ein Motorrad und einen Falken hat. Mit ihren Erinnerungen trauert sie um ihre verstorbenen Eltern und erzählt darin ein Stück Familiengeschichte, vor allem über den Vater, der als gescheiterter Künstler immer wieder mit dem System angeeckt war. Wie es auch der Großvater im Übrigen getan hat, den Emma trotz dessen Tod in besonderer Form begegnet – so als Gesicht, das die Großmutter in das Mehl zeichnet, oder in all jenen Gegenständen, die im Haus weiter aufbewahrt ja gehütet werden.

„Großmutter sagt, in Ordnung, ich sei ein mutiges Mädchen. So könne sie ihre Geschichte weitererzählen. Denn einmal müsse sie erzählt werden. Schließlich sei es Teil der Lektion. Alle Dinge seien Teil der Lektion.“

In der Beschreibung des gesellschaftlichen und politischen Hintergrundes setzt Dragomán noch eine „Wunderwaffe“ ein, die seinen Roman so einzigartig werden lässt: Mystisches und Märchenhaftes finden sich an vielen Stellen. Die Großmutter liest aus dem Kaffeesatz und wird später ebenfalls einen Scheiterhaufen errichten, in dem beide Frauen all das symbolisch verbrennen, was sie belastet. Auf die Äste haben sie zuvor ihre negativen Gedanken geschrieben. Vergleiche zu bis heute gepflegten Traditionen entstehen unweigerlich. Soll mit dem Brauch des Osterfeuers der Winter vertrieben werden. Und auch die uralte Legende, wonach Menschen aus Lehm geformt wurden, findet ihren Eingang in diesen vielschichtigen Roman.

Am Ende, bei dem Hass und Gewalt erneut an die Oberfläche kommen und die Großmutter bedrohen, gewinnen der Mut und die Menschlichkeit die Überhand.  Dragománs Roman „Der Scheiterhaufen“ ist mit Weisheit und Poesie gesegnet und wird nach der Lektüre vor allem in der Erinnerung an die besondere Verbindung zwischen Enkelin und Großmutter weiterleben. Denn Emma wird bewusst, dass ihre Großmutter nicht nur ihre Lehrmeisterin geworden ist, sondern zwischen ihnen ein besonderes Band besteht, das in diesen ungewissen und beklemmenden Zeiten wie ein warmes Licht aufleuchtet.

Der Roman „Der Scheiterhaufen“ von György Dragomán erschien im Suhrkamp Verlag, in der Übersetzung aus dem Ungarischen von Lacy Kornitzer; 495 Seiten, 24,95 Euro

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