Begegnung mit Katrina – Jesmyn Ward „Vor dem Sturm“

„Und plötzlich tut sich ein riesiger Graben auf zwischen jetzt und damals, und ich frage mich, wo die Welt, in der jener Tag sich ereignet hat, geblieben ist, denn wir sind eindeutig nicht in ihr.“

Er war die größte Naturkatastrophe in den USA. Mit mehr als 1.800 Toten und Schäden in Höhe von rund 125 Milliarden Euro. Der Wirbelsturm Katrina hinterließ im August 2005 im Südosten des Landes eine Schneise der Verwüstung und brachte viel Leid. Vor allem die Stadt New Orleans, Metropole des Dixieland und Wiege des Jazz im Bundesstaat Louisiana, traf der Hurrikan mit aller Härte. Windgeschwindigkeiten von schätzungsweise 280 Stundenkilometern wurden damals gemessen. In Louisiana und in jene Zeit hinein hat die Amerikanerin Jesmyn Ward ihren Roman „Vor dem Sturm“ angesiedelt. Doch ihr Buch beschreibt nicht nur den Sturm und seine immense Kraft, sondern das Leben und Überleben einer armen Familie. 

Im Mittelpunkt der Geschichte steht Esch. Das 15-jährige Mädchen lebt mit ihren drei Brüdern Randall, Skeetah und Junior sowie ihrem Vater in einer Hütte am Waldesrand, nicht weit vom Mississippi-Delta entfernt. Die Mutter ist bei der Geburt von Junior gestorben, der Vater versucht, seine Trauer im Alkohol zu ertränken. Das Gelände, auf dem die Hütte steht, ist zugewachsen und übersät mit Müll und Schrott.  Die afroamerikanische Familie hält sich finanziell mit kleinen Diebstählen über Wasser. Während der Vater das kleine Haus auf den bevorstehenden Sturm vorbereiten will, bestimmt weiterhin der Alltag das Leben der Familie – das allerdings auch Überraschungen bereithält. Esch entdeckt, dass sie schwanger ist und hält dies geheim. Ihr Bruder Skeetah muss die Erfahrung machen, dass es eine große Herausforderung ist und einen großen Einsatz bedarf, eine Pitbull-Hündin mit ihrem Wurf aus mehreren Jungen zu pflegen. Randall, der Älteste, will hingegen Basketball-Profi werden.

Mit jedem Tag, mit jedem Kapitel spitzt sich die Lage zu: Nicht nur braut sich über der Gegend ein Unwetter ungeahnten Ausmaßes zusammen, steigen die Temperaturen zu einer schier erdrückenden Hitze an. Manny, der Vater von Eschs noch ungeborenen Kind, will von seinem „Glück“ und von ihr nichts wissen und vergnügt sich mit einer anderen. Skeetahs Hunde werden trotz seiner liebevollen und aufopferungsvollen Pflege krank, einige Welpen sterben, mit deren Verkauf eigentlich Geld für Randalls College-Besuch in die Familienkasse kommen sollten. Sein Karriere-Beginn steht indes nahezu vor dem Aus, als der Trainer ihn bei einem alles entscheidenden Match aus dem Team wirft.

All diese Anspannung und Unruhe berichtet Esch; sie ist die Erzählerin, die gleichzeitig zudem die Erinnerungen an ihre Mutter wach hält. Es ist ein nahezu atemlos machender sowie bildgewaltiger Gedankenstrom im Präsens, den die amerikanische Autorin niedergeschrieben hat. Die Bedrohung durch den Hurrikan wird regelmäßig in den Radio-Nachrichten angekündigt. Nur der Vater, der sich wenige Tage vor der Katastrophe noch schwer verletzt, ahnt, was das Haus und die Familie erwarten wird. Das Unheil bekommt schließlich seinen Namen und wächst von Stunde zu Stunde schließlich zu einem Wirbelsturm der Kategorie fünf an, der höchsten Stufe überhaupt. Notdürftig werden mit Treibholz die Fenster verschlossen, Wasser in gesäuberte Flaschen gefüllt und Lebensmittel (natürlich die ungeeignetsten) herangeschafft. Schließlich schwindet das Licht, fliehen die Vögel in großen Schwärmen, werden die Menschen aufgefordert, schleunigst die Gegend zu verlassen.

„Ich frage mich, ob das Phantomschmerzen sind und ob Daddy seine fehlenden Finger so spüren wird, wie wir Mama spüren, anwesend in der Abwesenheit.“

Mit Esch hat Ward, die für diesen Roman mit dem National Book Award ausgezeichnet wurde, eine starke Frauenfigur geschaffen, die sich trotz Selbstzweifeln und Ängsten in einer meist von Männern dominierten Welt behaupten kann. Die Erinnerungen an die Stärke und Liebe ihrer Mutter sowie die Lektüre antiker Werke, in denen auch große trickreiche Damen die Hauptrolle spielen, scheinen ihr besondere Kraft zu geben. Es ist erstaunlich und traurig zugleich, wie die drei Jugendlichen ohne Mutter und mit einem alkoholkranken Vater in ärmlichen Verhältnissen lebend den Alltag und das Unglück be- und überstehen und wie sie zusammenhalten – in einer Welt, die sowohl vom Wunder des Lebens als auch von Todesgefahren gezeichnet ist. Großer Respekt gilt der 1977 geborenen Autorin, die mit ihrem warmherzigen Porträt einer Familie der amerikanischen Unterschicht einen besonderen Akzent gesetzt hat und den Blick auf ein ernstes Thema gelenkt hat – in einer amerikanischen Literatur-Szene, die eher von Werken über die Upperclass oder die Mittelschicht geprägt wird.


Nach dem Wirbelsturm haben Esch und ihre Familie viel verloren, doch einiges auch gewonnen. Diesem eindrucksvollen Roman wünscht man sich unweigerlich eine Fortsetzung. Nicht nur mit Blick auf die Zukunft der Familie. Nur wenige Wochen später sollte mit Hurrikan „Rita“ ein noch mächtigerer Sturm den Südosten des Landes heimsuchen. Doch dieser hatte trotz einer größeren Windstärke glücklicherweise weniger Schäden und Opfer gebracht.

Der Roman „Vor dem Sturm“ von Jesmyn Ward erschien bereits als Taschenbuch-Ausgabe im Ullstein Verlag, in der Übersetzung aus dem Amerikanischen von Ulrike Becker; 320 Seiten, 9,99 Euro

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