Liebe der Eltern – Linn Ullmann „Die Unruhigen“

„Am innersten Punkt der Geborgenheit wohnen.“

Er galt schon zu Lebzeiten als Legende und konnte sich mit seinen Werken wie „Fanny und Alexander“ oder „Szenen einer Ehe“ in der Filmgeschichte verewigen: Am 14. Juli wäre der schwedische Regisseur Ingmar Bergman 100 Jahre alt geworden. Der Film und das Theater waren seine großen Leidenschaften. Die Liste der Preise, mit denen er geehrt wurde, ist lang. Er erhielt sowohl den Oscar als auch die renommierten Auszeichnungen bekannter Filmfestspiele, wie Cannes, Berlin und Venedig. Seine Tochter Linn Ullman zeichnet in ihrem autobiografischen Roman „Die Unruhigen“ Bergman vor allem als Privatmensch und Vater – auf eine faszinierende und ergreifende Weise. Liebe der Eltern – Linn Ullmann „Die Unruhigen“ weiterlesen

Selbstfindung – Elizabeth Strout „Die Unvollkommenheit der Liebe“

„Vermutlich schlingern die meisten so durch ihr Leben, halb wissend und halb blind, bedrängt von Erinnerungen, die unmöglich wahr sein können.“

Rückblicke haben oft einen ambivalenten Charakter. Und immer bleibt dabei die Frage, welchen Ereignissen der Vergangenheit stellt man sich in seinen eigenen Erinnerungen, welche werden eher unterdrückt, gemieden, ausgeblendet. Meist sind es vor allem überraschende, teils auch tragische Geschehnisse, die Erinnerungen hervorholen. Wegen einer Infektion nach einer Blinddarm-OP liegt Lucy Barton für mehrere Wochen im Krankenhaus. Eines Tages sitzt ihre Mutter am Bett, völlig überraschend. Denn Mutter und Tochter haben sich gemieden und einige Jahre lang nicht gesehen, aber nun vieles zu berichten. Selbstfindung – Elizabeth Strout „Die Unvollkommenheit der Liebe“ weiterlesen

Die junge Frau und das Meer – Amy Sackville „Reise nach Orkney“

„Wenn sie früher erzählte, sie habe vom Meer geträumt, dachte ich an paradiesische Unterbewusstseinswelten; hat erst die räumliche Nähe zum Meer die schlafenden Monster geweckt?“

Sie erscheinen per se nicht als das klassische Urlaubsziel, geschweige denn als Paradies für einzigartige Flitterwochen. Dafür sind die Orkney-Inseln mit ihren rund 70 größeren und kleineren Eilanden und gerade mal 20.000 Einwohnern, nordöstlich der schottischen Küste gelegen,  zu weit nördlich, zu karg, zu zerklüftet. Hier bläst meist ein rauer Wind und keine warme Südsee-Brise. Trotzdem reisen Richard und seine jüngere Frau kurz nach der Hochzeit auf das Archipel und zu einer kälteren Jahreszeit, wo das Licht reduziert ist, die Tage kürzer sind. Doch ihre Flitterwochen bringen sie jedoch nicht näher zusammen. Vielmehr wird sich der alternde Literaturprofessor der Unterschiede bewusst. Er ist ihr Mentor, sie die nahezu 40 Jahre jüngere Lieblingsstudentin – und damit sind schon die wichtigsten Protagonisten im neuen Roman „Reise nach Orkney“ der englischen Autorin Amy Sackville benannt.

Reise nach Orkney von Amy SackvilleWährend er an seinem neuen Band über Märchen des 19. Jahrhunderts schreibt, vertreibt sie sich die Zeit am Meer; mit langen Spaziergängen oder auch nur die Weite aus Wellen, Himmel und Horizont versunken. Egal ob es regnet oder stürmt. Das Meer scheint sie zu fesseln, eine unvergleichliche Anziehungskraft auf sie auszuüben. In der Nacht wird sie von Albträumen heimgesucht. Aus der anfänglichen Idylle, der Vorfreude auf die gemeinsame Zeit füllen sich vor allem für Richard die Stunden und Tage mit Sorgen und Zweifeln. Er fühlt sein Alter mehr denn je, im Gegensatz zur frischen Jugend seiner Frau, und sinnt über die Vergänglichkeit nach. Eifersucht entsteht, wenn sie, die auch schon mal für die Tochter Richards gehalten wird, anderen Männern  begegnet. Außerdem verschwindet sie ab und an aus dem Blickfeld ihres Mannes, der sie aus dem Fenster des kleinen Stein-Hauses ganz genau beobachtet, regelrecht observiert. Gedanklich beginnt er, die Beziehung auf ihre Beständigkeit abzutasten, obwohl die Einsamkeit und die Abgeschiedenheit der kargen Insel sie als Paar eigentlich weiter zusammenführen könnte und sie sich in der kleinen Inselkirche erneut das Ja-Wort gegeben haben. Eine psychologische Spannung entsteht, die im tragischen Ende ihren Höhepunkt erfährt und diesen großartigen Roman auszeichnet.

Es braucht nur wenige Tage, in denen Richard das Gefühl hat, seine Frau entgleitet ihm, sie wird zu einem Phantom. Aus Nähe wird Distanz, eine gereizte Stimmung entsteht, leise Erschütterungen erfassen die noch junge Beziehung; sie nennt ihn spöttisch „Professor“ und „Sigmund“, er sie viel liebevoller „Undine“ oder „Lamia“ – nach dem jungfräulichen Wassergeist beziehungsweise der Tochter des griechischen Meeresgottes Poseidon. Die griechische Mythologie, Märchen und bekannte Naturgestalten wie die Meerjungfrau bilden den mystischen Hintergrund des Romans, während poetische Naturbeschreibungen eine eindrucksvolle Kulisse schaffen. In einzigartiger Weise erfasst die Autorin die Elemente, ob Luft, Licht und Wasser, und beschreibt die Kargheit des Landes in immer neuen Variationen und feinen Farbabstufungen. Das auf wenige Tage begrenzte Geschehen und die extreme nördliche Landschaft wird durch Richard als intensiver Beobachter und Erzähler erfasst, der auch  in die Vergangenheit zurückblickt, von der ersten Begegnung mit seiner späteren Frau – sie taucht klatschnass im Literatur-Seminar auf – über die späteren Annäherungsversuche und erotischen Erlebnisse. Die Körperlichkeit, Berührungen sowie die physischen Unterschiede zwischen den Partnern spielen in vielen Szenen dieses faszinierenden Kammerspiels eine bedeutende Rolle. Auch die Geschichte der jungen Frau und der Grund für das besondere Reiseziel wird durch Richard erzählt: dass sie auf Orkney geboren wurde, ihr Vater eines Tages die Familie verlassen hat. Der Verlust und die Schmerzen haben sich tief in die Frau eingegraben, dessen ist sich Richard bewusst, der nichts tun kann, so dass sie sich immer weiter von ihm entfernt.

„Sie spreizt die Hände und hebt das Gesicht, damit das Wasser auf und um sie strömt, und ich frage mich, ob sie sich auflösen wird und ob, falls es so weit käme, ich oder sonst irgendwer glauben würde, dass sie je gelebt hat.“

Sackville, Jahrgang 1981 und bereits mehrfach preisgekrönt, zählt in Großbritannien zu den großen literarischen Stimmen einer jüngeren Generation. Für ihren Debüt-Roman „Ruhepol“ , in dem im Übrigen der Norden ebenfalls eine Hauptrolle erhält, wurde sie mit dem John Llewellyn Rhys Prize ausgezeichnet, dem Literaturpreis für den besten Roman des Jahres von jungen Autoren unter 35. Ihr neuestes bilderreiches und ungemein poetisches Werk nimmt den Leser nicht nur mit auf ein nördliches Eiland. Es lässt ihn zu einem Zeugen einer ungewöhnlichen Liebe und der Beziehung eines ungleichen Paares werden. Dass das Geschehen nur aus der Sicht des Mannes beschrieben wird, wird sicherlich auch für Leserinnen faszinierend sein. Wem das tiefsinnige Porträt jener Partnerschaft weniger interessiert, wird allein schon an der feinen Sprachkunst der Autorin und den grandiosen Naturbeschreibungen seine große Freude haben. Weiße Flecken innerhalb des Geschehens, in denen nicht alles aufgeklärt und beschrieben wird, fordern heraus, sich mit der Geschichte von Richard und seiner Frau zu widmen. Zusammen ergeben diese Vorzüge einen Roman der Meisterklasse, der die Vorfreude auf kommende Werke der Engländerin  weckt.

Der Roman „Reise nach Orkney“ von Amy Sackville erschien bei Luchterhand, in der Übersetzung aus dem Englischen von Eva Bonné; 256 Seiten, 19,99 Euro

 

Heimatlos – Ulrike Draesner „Sieben Sprünge vom Rand der Welt“

„Wir hatten ein Kind verloren, das Erbe verloren, alle Gräber, ein Stück unserer selbst, die Verbindung zu unserer Vergangenheit, die Verankerung in Besitz und Beständigkeit, das Vertrauen, da sein zu dürfen.“

Weder persönliche Erinnerungen noch statistische Zahlen können das Ausmaß erfassen, als Millionen Menschen am Ende des Zweiten Weltkriegs Flucht und Vertreibung erleben. Sie werden zu Heimatlosen, die ihr früheres Leben zurücklassen und nie wieder Wurzeln schlagen werden. Selbst die folgenden Generationen sind gezeichnet. Ulrike Draesner hat mit ihrem Roman „Sieben Sprünge vom Rand der Welt“ jenen Familien eine Stimme gegeben. Heimatlos – Ulrike Draesner „Sieben Sprünge vom Rand der Welt“ weiterlesen

Abstieg – Tim Winton „Schwindel“

„Engel ziehen weg, Kumpel. Sie sterben. Sie werden alt. Sie lassen dich allein.“

Er ist ganz unten, allerdings zugleich auch oben. Der einst berühmte Umweltaktivist Tom Keely steht nach der Scheidung und dem Jobverlust vor den Scherben seines Lebens. Er wohnt im zehnten Stock eines Hochhauses in Fremantle, nicht weit von der westaustralischen Metropole Perth entfernt. In seinem unaufgeräumten Appartement lebt er zurückgezogen in einer selbst gewählten Isolation. Trübsinn und Selbstmitleid bestimmen seine Gedanken, Untätigkeit, Alkohol und Tabletten seinen von Geldnöten beherrschenden Alltag. Dann tritt mit Gemma und ihrem sechsjährigen Enkel Kai die Vergangenheit in sein Leben und verändert es schlagartig.  Abstieg – Tim Winton „Schwindel“ weiterlesen