Christiane Neudecker – „Der Gott der Stadt“

„Die Toten kehren wieder zum Datum ihres Untergangs.“

Zwischen Leben und Tod liegen manchmal nur wenige Sekunden. Kurze Momente, in denen das Unvorstellbare, ein Unglück geschieht. Georg Heym (1887 – 1912) galt als einer der großen literarischen Namen des frühen Expressionismus. Ein langes Leben war ihm nicht beschieden: Mit nur 24 Jahren starb er bei dem verzweifelten Versuch, seinen Freund Ernst Balcke, der beim Schlittschuh-Laufen im Eis des Wannsees eingebrochen war, zu retten. Doch Heyms Werke leben weiter, werden bis heute gelesen. Erst 100 Jahre später, im Januar 2012, wird indes sein weniger bekanntes „Faust-Fragment“ am Berliner Ensemble unter der Regie von Manfred Karge auf die Bühne gebracht. Ob diese Aufführung Christiane Neudecker die Inspiration für ihren Roman „Der Gott der Stadt“ gab?

Berlin – Zweistädte-Stadt

Denn die Handlung entführt nicht nur in die Metropole an der Spree, sondern auch in die Welt des Theaters – nur etwas zeitversetzt.  Das Geschehen spielt in den 90er-Jahren, einer ganz speziellen Zeit. Nach Wende und Mauerfall ist die Stadt wiedervereint. Ost und West müssen sich indes erst zusammenfinden, das pulsierende Berlin erscheint noch immer als Zweistädte-Stadt. Im Mittelpunkt stehen mit Katherina, Francouis, Tadeusz, Schwarz und Nele fünf Studenten der ehrwürdigen Theater-Hochschule „Erwin Piscator“.  Sie alle wollen Regisseure werden. Ihr Mentor: der bekannte Regisseur Korbinian Brandner, der das auserwählte Quintett zu Beginn des neuen Semesters unter seine Fittiche nimmt und mit einer besonderen Aufgabe betraut: Jeder erhält eine Szene aus Heyms kurzem „Faust-Fragment“ und soll diese auf seine Art und Weise inszenieren.

Mehr und mehr geraten die Studenten in einen teils auch beklemmenden und düsteren Sog, der sich aus der Faszination für Heym und den mythischen Glanz um die bekannte Figur Fausts speist. Der Kult, der sich im Laufe der Jahre um Brandner gebildet hat, tut sein Übriges. Am Todestag von Georg Heym kommt es im „Turm“, wo die Hochschule ihren Sitz hat und die Proben für die Inszenierung erfolgen, zu einem Todesfall.

Gott-Stadt

Dieser Sog und die Faszination für Heym, das Fragment und das Theater übertragen sich unweigerlich auf den Leser. „Der Gott der Stadt“, benannt nach dem gleichnamigen, 1910 verfassten Gedicht des Lyrikers, ist vielschichtig, psychologisch aufgeladen, und atmosphärisch dicht. Der Roman spricht die Sinne an, er beschreibt Geräusche, Gerüche, Farben. Seine Szenen sind sehr bildhaft. Und er schildert sehr eindrücklich die Stimmungen zwischen den Personen in all ihren Facetten. Jeder der Studenten erhält eine Lebensgeschichte, einen bestimmten Charakter: Katharina kommt aus Nürnberg in den Osten. Ihr Vater ist tot, ihr Onkel Zorbas hilft ihr, sich im Kiez einzuleben. Sie verehrt Brandner, bis sie sein despotisches Verhalten nicht mehr ertragen will. Mit Tadeusz, dessen Familie unter dem politischen System der DDR gelitten hat und der von der zwielichtigen und unrühmlichen Vergangenheit Brandners weiß, beginnt sie eine Beziehung. Schwarz will eigentlich zum Film. Er macht auf coolen Frauenheld und konsumiert Drogen, Eltern hat er nicht. Der beleibte Franzose Francouis kocht gern und wird öfter wegen seiner Fehler im Sprechen der deutschen Sprache aufgezogen. Nele ist alleinerziehende Mutter und lebt an der Seite ihrer Großtante in einem Heim für Frauen.

„Es gibt diese Dinge, die die Zeit ausradiert. Die Linien verwischen, und wir bewegen uns innerhalb einer Ausfransung. Wir meinen, die Strecke zu kennen und verfolgen ihren Verlauf. Wir tasten uns an Wänden entlang, die wir selbst aufgestellt haben, und glauben zu wissen, wo wir abbiegen müssen. Aber wir vergessen dabei eins: Man sollte niemandem glauben, am wenigsten sich selbst.“

Jeder der Studenten hat ein Geheimnis wie auch Brandner nicht frei davon ist. Das Geschehen wird aus verschiedenen Perspektiven erzählt, die Rolle der Ich-Erzählerin übernimmt Katharina, die, ehrgeizig wie sie ist, intensive Recherchen auf sich nimmt, um ihre Passage des Fragments mit all ihren Rätseln bestmöglich zu inszenieren. Interessant, wie der Roman Einblicke in die intensive Theaterarbeit gibt und auch schlaglichtartig vom Leben Heyms erzählt. Eindrucksvoll, wie er die Stimmung jener Nachwende-Zeit schildert. Faszinierend, wie er über die Literatur erzählt, das „Faust-Fragment“ wiederum auf die allseits bekannten Geschichte rund um die mythische Figur – allen voran Goethes „Faust“ – deutet. Diese Verschachtelung und Verweise erinnern womöglich den einen oder anderen an eine russische Matroschka, die mehrere, bunt bemalte Puppen unterschiedlicher Größen in ihrem runden Holzkörper enthält.

Christiane Neudecker hat ein vielschichtiges und sehr lehrreiches Buch geschrieben, das sowohl von der Suche der Jugend nach einem Meister und Mentor sowie vom Genie und seiner Wirkung auf folgende Generationen erzählt. Denn als Brandner mit seinen Schützlingen den Schauplatz von Heyms Tod, den Wannsee, besuchen bezeichnet er den Dichter als Genie. Es gibt viel zu erleben, zu erfahren und nachzudenken in diesem meisterhaften, von Beginn an spannenden Roman, der mich sehr beeindruckt hat.

Weitere Besprechungen auf den Blogs „literaturleuchtet“ und „letteratura“.


Christiane Neudecker: „Der Gott der Stadt“, erschienen im Luchterhand Literaturverlag; 672 Seiten, 24 Euro

Bild von Peter H auf Pixabay

 

2 Gedanken zu „Christiane Neudecker – „Der Gott der Stadt““

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