Øistein Borge – „Kreuzschnitt“

„Wieso sollten auch Werke von einigen der anerkanntesten Künstlern Europas an der Wand dieses unansehnlichen Bauernhauses hängen?“

Geld schützt nicht vor Mord. Der Immobilienmogul Axel Krogh, einer der reichsten Männer Norwegens, wird in seiner Villa an der Côte d’Azur tot aufgefunden. Sein Leichnam wurde geschändet, im Rücken des bereits betagten Mannes hat der Mörder ein blutiges Kreuz hinterlassen. Kroghs Tochter Ella und Erik Jacobsen, Konzernchef der Krogh-Gruppe, finden den Toten und entdecken, dass auch ein Gemälde eines unbekannten Künstlers aus dem Anwesen gestohlen wurde. Der Osloer Kommissar Bogart Bull wird für die Ermittlungen nach Frankreich entsendet, wo er auf ein dunkles Geheimnis der Familie stößt und dass der Maler des Bildes nicht wirklich unbekannt ist.

Ein Kommissar in Trauer

Mit Bogart Bull hat der norwegische Autor Øistein Borge einen charismatischen und charmanten, klugen und empfindsamen Ermittler in die Krimi-Welt gesetzt. Bull hat ähnlich wie weitere bekannte fiktive Kommissare eine tragische Familiengeschichte zu erzählen, die im Verlaufe des Romans zwar mehrmals angedeutet wird, allerdings aus ihm noch längst keinen „kaputten Helden“ werden lässt, wie es in anderen Werken der Fall ist. Seine Frau und seine kleine Tochter starben bei einem willentlichen Unfall, verursacht von einem Mann, den Bull einst hinter Gitter gebracht hatte. Der Kommissar verfällt in seiner Trauer dem Alkohol. Doch die Polizei Oslo gibt ihm eine zweite Chance. Nach dem Entzug soll er wieder auf Mörder-Jagd gehen – allerdings als eine Art polizeilicher Botschafter in anderen europäischen Ländern, in denen Norweger in Delikten involviert sind. Seine Chefin Eva Heiberg schickt ihn ans Mittelmeer, der Fall Krogh ruft.

mde

An der Seite seines französischen Kollegen, Hauptkommissar Raoul Moulin, findet Bull auch dank eines befreundeten Kunstkenners heraus, dass dieses ominöse Werk von keinem Geringeren stammt als Edvard Munch, 1906 einst gemalt als Geschenk für ein Mitglied der Malergruppe der Fauvinisten um den nicht minder berühmten Henri Matisse. Doch dieses Kunstwerk ist Teil einer bewegten, sogar entsetzlichen Geschichte, die schließlich in die Abgründe des Zweiten Weltkriegs führt – in die Jahre der deutschen Besatzung Frankreichs und den erbitterten Widerstand der Resistance. Wegen seinen Ermittlungen reist Bull unter anderem auch auf die spanische Insel Mallorca, wo er sich auf der Suche nach Kroghs Bruder in extreme Gefahr begibt.

„Wenn ein Verbrechen nicht im Gehirn oder im Fleisch, sondern im Herzen wurzelte, bekam der Schuldige oft das Bedürfnis, seine Handlungen zu rechtfertigen.“

Ein Krimi ist mehr als ein Krimi, wenn er besondere Geschichten erzählt, das Geschehen mit speziellen geschichtlichen Ereignissen und Hintergründen anreichert. Borges erster Band in der Reihe um Bogart Bull ragt deshalb aus der Masse heraus. Geschickt verwebt er die unterschiedlichen Zeiten – die Tage der Ermittlungsarbeit mit im Jahr 1906 angelegten Szenen sowie mit einem grausamen Geschehen im März 1943. Im Internet habe ich zwar (noch) nichts gefunden, dass es die Begegnung zwischen Munch und Matisse wirklich gegeben hat, allerdings sind sich beide künstlerischen Größen in ihrem Stil, der sich vom Impressionismus der damaligen Zeit abkehren wollte, sehr nah gewesen. Zudem lebte  Munch bereits vor der Jahrhundertwende in Frankreich, bevor er später nach Deutschland kam – in sein selbst gewähltes Exil.  Sicher ist jedoch die andere, zweite historische Begebenheit, auf die Borg in seinem Roman verweist. Den Truppen der Waffen-SS, die entsetzliche Verbrechen beging, gehörten auch Skandinavier an.

Story mit überraschenden Wendungen

Doch „Kreuzschnitt“ hat nicht nur einen Mord zu erzählen: Auch die Tochter des Immobilienmoguls und dessen Bruder werden im Abstand weniger Tage getötet, was die Ermittlungsarbeit der Polizei und die stille Spurensuche des Lesers nicht unbedingt leichter macht. Zwar kann der eine oder andere Leser vielleicht schon so ein gewisses Bauchgefühl haben und die damit verbundene Vermutung, wer hinter den Verbrechen steht, hegen, aber Borges Story schlägt dann überraschend einen Haken, so dass die Spannung weiter anhält. Am Ende schließt sich ein Kreis – mit einem Cliffhanger, der zurück in das trauerbesetzte Privatleben Bulls führt.

Mit zwei weiteren Bänden der Bull-Reihe hat sich Borge einen festen Platz in der Reihe geachteter Kriminalschriftsteller seines Landes erschrieben. Für seinen Krimi-Erstling war er 2017 für den Mauritz-Hansen-Preis, den Preis des besten norwegischen Krimi-Debüts, nominiert. Hierzulande sind bereits beide weiteren Bände  mit den Titeln „Hinterhalt“ und „Irrfahrt“ (beide Droemer) in deutscher Übersetzung erschienen.

Die beruflichen Wurzeln des 1958 geborenen Norwegers, der auf Mallorca lebt, liegen ursprünglich in der Werbe- und Film-Branche. Auf dem Werbefilmfestival in Cannes hat er für sein kreatives Schaffen bereits zwei goldene Löwen erhalten. In seiner Heimat ist von ihm zudem eine Reihe mit Jugendbüchern erschienen. „Kreuzschnitt“ ist vor allem für alle jene Krimi-Fans eine besondere Empfehlung, die vielschichtige und komplexe Storys mögen, in denen vor allem auch die Beziehungen und Stimmungen zwischen den einzelnen Protagonisten herausgearbeitet werden. Borges Debüt hinterlässt einen bleibenden Eindruck.


Øistein Borge: „Kreuzschnitt“, erschien im Droemer Verlag, in der Übersetzung aus dem Norwegischen von Andreas Brunstermann; 336 Seiten, 9,99 Euro

Bild von Steve Johnson auf Pixabay

2 Gedanken zu „Øistein Borge – „Kreuzschnitt““

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