Fast Familie – Tommi Kinnunen „Wege, die sich kreuzen“

„Möchtest du anders sein?  Oder möchtest du genau so sein, wie du bist, nur irgendwo anders?“

Finnland – das sind der hohe Norden, Seen, Wälder, zwischen den Bäumen vielleicht ein Elch, die trolligen wie legendären Figuren der Mumins. Finnland – das sind aber auch eine gelebte Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau sowie eine Literatur, die immer wieder die Rolle der Frau beziehungsweise starke Frauenfiguren in den Fokus rückt und von besonderen Familiengeschichten, geprägt von der wechselvollen Geschichte des Landes und der Europas, zu erzählen weiß. Ich denke da an die Romane von Sofi Oksanen und Katja Kettu. Mit Tommi Kinnunen betritt nun ein Mann die literarische Bühne, der in seinem Debüt „Wege, die sich kreuzen“ sich ebenfalls jenem Thema verschreibt. Und das auf beeindruckende Weise.  Fast Familie – Tommi Kinnunen „Wege, die sich kreuzen“ weiterlesen

Alte Heimat – Johannes Bobrowski „Gesammelte Gedichte“

Zugegeben: In Schule und Studium blieb er von mir ungelesen. Er stand mit seinem Roman „Levins Mühle“, 1964 erschienen und verfilmt, zwar auf der umfangreichen Lektüreliste, die es galt, im Verlauf der Semester geduldig abzuarbeiten; mit der Zeit sah man dieser Liste mit Häkchen, Unterstreichungen und Eselsohren es allerdings auch an, wie sie mich durch die Jahre begleitet hat. Doch für andere Autorinnen und Autoren der DDR hegte ich zu jener Zeit ein größeres Interesse, wie Christa Wolf und Hermann Kant mit ihren Romanen, Stephan Hermlin mit seinen Erzählungen. Im vergangenen Jahr wurde mir der Name Johannes Bobrowski (1917 – 1965) wieder bewusst, er trat aus der Vielzahl bekannter und geschätzter DDR-Schriftsteller, wohl auch aus einer zweiten Reihe in den Vordergrund. Denn anlässlich seines 100. Geburtstages erschien der Band „Gesammelte Gedichte“ in der Deutschen Verlags Anstalt (DVA).   Alte Heimat – Johannes Bobrowski „Gesammelte Gedichte“ weiterlesen

Der Prozess – Michail Schischkin „Die Eroberung von Ismael“

„Die Zeit hat ein kaputtes Gewinde, sie dreht durch wie eine überdrehte Schraubenmutter.“

Die Eisenbahn verbindet nicht nur einen bestimmten Ort mit einem anderen. Sie kann vielmehr auch ein riesiges und unermessliches Land für den menschlichen Geist in einer bestimmten Weise erfassbar machen. Als in Nordamerika der Kontinent von Ost nach West besiedelt wurde, zählte der Bau der Eisenbahn-Strecke von Küste zu Küste zu einem der größten und wichtigsten Bauprojekte. Nicht anders ist es in Russland, wo die Transsibirische Eisenbahn bis heute Kultstatus genießt. Züge und Bahnhöfe spielen in „Die Eroberung von Ismail“, dem neuen Roman des russischen Autors Michail Schischkin, eine wesentliche Rolle. Doch der ist keineswegs so leicht und bequem wie eine Fahrt mit einem Zug.  Der Prozess – Michail Schischkin „Die Eroberung von Ismael“ weiterlesen

Paradies in Gefahr – Morten A. Strøksnes „Das Buch vom Meer“

„Das Meer, das uns fast unendlich vorkommt, ist im Universum nicht mehr als ein Tropfen.“

Mit einer dünnen Angel am Ufer zu stehen, im Rücken hoch aufragende Berge, voraus die Weite des Meeres, füllt einen mit Demut und dem Gefühl einer gewissen Verlorenheit. Geschehen vor einigen Jahren in Nordnorwegen auf der Insel Senja. Ich hatte damals wenig Anglerglück. Die Fische zogen einen weiten Bogen um mich. Zugegeben: Meine Reaktion auf einen Fisch, wie er den Köder schluckt, wäre wohl eine eher unbedarfte, ungeschickte gewesen. Mein Vater war da der Angler und Experte in der Familie. Wie muss man sich wohl fühlen, wenn man mit einem kleinen Schlauchboot aufs Nordmeer fährt, um einen riesigen Fisch zu fangen, dem Schauergeschichten vorauseilen? Der Norweger Morten A. Strøksnes hat in „Das Buch vom Meer“ darüber geschrieben, und das erzählt nicht nur von jenem speziellen Abenteuer, das in dem langen Nebensatz „oder Wie zwei Freunde Wie zwei Freunde im Schlauchboot ausziehen, um im Nordmeer einen Eishai zu fangen, und dafür ein ganzes Jahr brauchen“ bereits angedeutet wird. Paradies in Gefahr – Morten A. Strøksnes „Das Buch vom Meer“ weiterlesen

Lebenslügen – Richard Yates „Cold Spring Harbor“

„In der Realität konnte einen alles auf Schritt und Tritt daran erinnern, dass das eigene Leben verknäuelt und gefährlich unvollständig war.“

Was haben wir nicht alle für Lebenspläne. Eine Weltumsegelung, den Doktor-Titel, Haus bauen, Baum pflanzen, Kind zeugen. Wir machen Ideen für unser Dasein auf Erden, als ob sie wie auf einer Liste nur nach und nach abgehakt werden müssen. Wir ahnen nicht, dass wir auf Hindernisse stoßen könnten, zu denen das Leben selbst gehört. In seinem Roman „Cold Spring Harbor“ erzählt der Amerikaner Richard Yates von Menschen, die Großes wollen, aber schlichtweg im Alltag versumpfen. Lebenslügen – Richard Yates „Cold Spring Harbor“ weiterlesen

Vergiftet – Rolf Bauerdick „Pakete an Frau Blech“

„Je mehr ich blendete, desto heller erstrahlte ich. Nur verschwamm mir die Grenze von Sein und Schein. Dabei wollte ich niemanden täuschen. Ich wollte doch nur heraus aus dem Schatten. Ich wollte siegen über das Grau.“

Mit 13 Jahren sitzt er mit freigekauften DDR-Häftlingen in einem Bus auf dem Weg in den Westen. Anfang 40 will er seine Vergangenheit hinter sich lassen und sich eine neue Existenz in den USA aufbauen. Zuvor soll es für Maik Kleine jedoch noch nach Berlin gehen. Ein trauriger Anlass. Sein Mentor und Ersatzvater, der charismatische Zirkusdirektor Alberto Bellmonti, alias Albert Bellmann, soll beigesetzt werden. Natürlich mit dem ihm entsprechenden Tamtam – wie es sich für ein international bekanntes Oberhaupt der Manege gehört. Ein Elefant führt den mehrstündigen Trauerzug zum Friedrichsfelder Zentralfriedhof an, wo berühmte Kommunisten und DDR-Bonzen ihre letzte Ruhe gefunden haben. Doch das Wiedersehen mit den anderen Zirkus-Mitstreitern, wie dem Polen Szymbo und der Russin Albina, führt Maik zurück in seine eigene Vergangenheit, als nach der Beisetzung Bellmonti unter Verdacht steht, ein Spitzel für die Stasi gewesen zu sein.
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Nach dem Abgrund – Ralf Bönt „Das kurze Leben des Ray Müller“

„Laut einer meiner Schülerinnen gibt es ein mathematisches Gesetz, nach dem jeder, an den man denkt, mindestens halb so oft auch an einen schon gedacht hat.“

Was hebt die eigene Welt aus den vertrauten Angeln, wie kann einem der Teppich unter den Füßen weggezogen werden? Wann wird aus Unschuld Schuld? Marko Kindler weiß darüber eine Geschichte zu erzählen, es ist seine eigene. Er blickt zurück auf die vergangenen Jahre, als er in einer Gefängniszelle auf den Psychologen wartet, nachdem er seinen nur wenige Wochen alten Sohn entführt hat. Dabei lief es für den Juristen, Übersetzer und Krimi-Autor doch alles wie am Schnürchen, nachdem er aus einem Tief wieder nach oben gekommen war. Nach einer gescheiterten Beziehung trifft er auf die Journalistin Lycile, das Paar bekommt mit dem kleinen Ray nach zahlreichen Fehlgeburten endlich das ersehnte Kind. Doch der Schein einer perfekten Familie trügt. Denn allzu viel ist passiert in jenen Jahren.  Nach dem Abgrund – Ralf Bönt „Das kurze Leben des Ray Müller“ weiterlesen