Der Prozess – Michail Schischkin „Die Eroberung von Ismael“

„Die Zeit hat ein kaputtes Gewinde, sie dreht durch wie eine überdrehte Schraubenmutter.“

Die Eisenbahn verbindet nicht nur einen bestimmten Ort mit einem anderen. Sie kann vielmehr auch ein riesiges und unermessliches Land für den menschlichen Geist in einer bestimmten Weise erfassbar machen. Als in Nordamerika der Kontinent von Ost nach West besiedelt wurde, zählte der Bau der Eisenbahn-Strecke von Küste zu Küste zu einem der größten und wichtigsten Bauprojekte. Nicht anders ist es in Russland, wo die Transsibirische Eisenbahn bis heute Kultstatus genießt. Züge und Bahnhöfe spielen in „Die Eroberung von Ismail“, dem neuen Roman des russischen Autors Michail Schischkin, eine wesentliche Rolle. Doch der ist keineswegs so leicht und bequem wie eine Fahrt mit einem Zug. 

Anspielungen, Verweise, Zitate

Wohl ganz im Gegenteil. Der Schriftsteller, der 1951 in Moskau geboren wurde und seit Mitte der 90er Jahre in der Schweiz lebt, in Deutschland vor allem mit seinen zwei Romanen „Venushaar“ und „Briefsteller“  (beide ebenfalls DVA) bekannt wurde, macht es seinem Leser nicht leicht. Die Lektüre ist eine Herausforderung. Dies soll an dieser Stelle keine Warnung sein, sondern vielmehr Aufmunterung, sich dieser zu stellen. Die Belohnung all der Mühe wartet nicht am Ende der Lesezeit, sondern erfolgt Schritt für Schritt, wenn die Anspielungen, Verweise und Zitate, die in diesem Buch in reicher Zahl zu finden sind, nach und nach zu einem Bild zusammengefügt werden. Und das kann auch erst nach mehrmaliger Lektüre geschehen. Aber Lebensbücher tragen nicht umsonst ihren Namen, sie begleiten einen über Jahre und Jahrzehnte. Und „Die Eroberung von Ismail“ könnte so ein Buch für mich werden, für mich, die, zugegebenermaßen, erst seit kurzer Zeit eine Neugierde und Begeisterung für die Literatur des riesigen Landes verspürt.

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Doch diese Ausgabe und die Mühe des herausgebenden Verlages und des Übersetzers Andreas Tretner reichen dem Leser eine Starthilfe beziehungsweise eine unterstützende Begleitung zur Hand: Am Ende des Buches findet sich eine Liste von Anmerkungen und Erklärungen; im Übrigen auch zum Hintergrund des Romantitels. Zudem gibt es auf der Internetseite des DVA-Verlages umfangreiches Zusatzmaterial, in dem unter anderem dargestellt wird, wie dicht im Text die Zitate verwoben sind, welche stilistischen Besonderheiten der Roman aufweist und welche geschichtlichen Hintergründe er hat.

Zwei Helden – neben vielen Stimmen

Zwischen all den zahlreichen Stimmen, Erzählperspektiven und Schicksalen, Zeiten und inhaltlichen Ebenen, die sich in dem Buch förmlich ineinander schieben, ragen zwei besonders heraus: die Geschichte des Anwalts Alexander Wassiljewitsch und des Autors des Romans. Richtig, Schischkin schreibt über sich. Und beide – sowohl die fiktive als auch die reale Person – weisen Ähnlichkeiten auf. Beide stammen aus einer Lehrerfamilie; beziehungsweise im Fall des Schriftstellers war nur die Mutter Pädagogin. Über den Ehen beziehungsweise Beziehungen stand kein guter Stern, denn beide Frauen der Männer leiden unter einer psychischen Erkrankung und werden in eine Klinik eingewiesen. In beiden Fällen spielt dabei das Schicksal des gemeinsamen Kindes eine wesentliche Rolle: Alexanders Tochter kommt mit einer Behinderung zur Welt, Michails Sohn stirbt bei einem tragischen Autounfall. Und beide sind oft mit dem Zug unterwegs; der Anwalt, um Klienten zu erreichen, der Autor unter anderem, um für einen Beitrag einen Soldaten zu interviewen, der in der damaligen DDR ein Kind gerettet hat.

„Das alles sei ganz unerträglich, sagte sie, man müsse ausreisen, raus aus dieser Stadt und diesem Land, sich in Sicherheit bringen, das Leben hier funktioniert nach den Gesetzen des Urwalds, wo die Tiere immerzu knurren und fauchen müssen, den anderen ihre Kraft zu zeigen, ihre Erbarmungslosigkeit, die Fähigkeit, abzuschrecken, einzuschüchtern, zu quälen, hier müsstest du in einem fort beweisen, dass du der Stärkere bist, der Biestigere, jedwede Menschlichkeit werde dir als Schwäche ausgelegt, als Rückzug, Dummheit, Einverständnis von Unterlegenheit (…).“

Erzählen ihre beiden Schicksale in sehr zärtlicher und intimer Weise vor allem vom Privaten, spiegelt sich in ihrem jeweiligen Lebenslauf sowie den Erlebnissen weiterer Protagonisten die große Geschichte des großes Landes wider. Mit all ihren schrecklichen Auswirkungen auf den Einzelnen. Die Revolution findet sich darin ebenso wie die Juden-Pogrome, das Leid und die Unmenschlichkeit während des Zweiten Weltkrieges und in den unzähligen Lagern des Gulag. Auch der Krieg in Afghanistan, später der in Tschetschenien findet seine jeweilige Erwähnung. Jedes Leben scheint von Geschichte und ihren Ereignissen durchwirkt zu sein, die Gesellschaft ist vor allem eine politische, in der der Abstand zwischen Arm und Reich beträchtlich ist. All das wird auf den knapp 500 Seiten sprachgewaltig und meisterhaft konstruiert als literarischer Gerichtsprozess verhandelt, in dem juristische und polizeiliche Themen sowie Straftaten wie die physischen Veränderungen einer Leiche, Kindstötung und Giftmorde, Diebstahl und unterlassene Hilfeleistung ebenfalls hinterfragt werden; letztere Tat findet sich in der spannenden Geschichte über den  Kulturarbeiter D., dessen Frau Mascha und den Sektionsgehilfen Motte. 

Diese Vielzahl an Stimmen und Erzählebenen sowie die Verweise auf russische Autoren und ihre Werke, Ereignisse in der russischen Geschichte, der Antike, im frühen Ägypten sowie aus dem Buch der Bücher, der Bibel, lassen einen besonderen Leseeindruck entstehen. Ich habe zum einen oft an eine Matroschka denken müssen, jene hölzerne Puppe, die ineinander verschachtelt ist, sich in einer großen Puppe viele kleine befinden. Oder schafft nicht auch eine Reise mit einem dahineilenden Zug mit Blick aus dem Fenster das Gefühl, viele verschiedene Personen und Ereignisse in einer Art Kaleidoskop, mal schärfer, mal etwas verschwommen wahrzunehmen? So ist „Die Eroberung von Ismail“ ein literarisches Erlebnis, das prägt, seinesgleichen sucht und vor allem Zeit braucht, um es in seiner Ganzheit zu entdecken.


Michail Schischkin: „Die Eroberung von Ismail“, erschienen im DVA Verlag in der Übersetzung aus dem Russischen von Andreas Tretner; 512 Seiten, 26,99 Euro

Foto: pixabay

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