Lebensläufe – Olivier Adam „Die Summe aller Möglichkeiten“

„So viele Jahre. Ein anderes Leben.“

Morgen ist ein neuer Tag. Morgen beginnt ein anderes Leben. All die Wünsche und Träume beginnen – morgen. Da wird der öde und schlecht bezahlte Job gekündigt, die noch ödere Partnerschaft beendet, endlich mal all jenen Mitmenschen die Meinung gegeigt, die man nicht ausstehen kann und doch jeden Tag ums Neue anlächelt. Doch es wird nicht so kommen. Alles sind nur Gedanken und bleiben es meistens auch. Aus den verschiedensten Gründen. Weil wir bequem sind, den Mut nicht haben, uns wirtschaftlich wie sozial in bereits eingefahrenen Bahnen bewegen. Vielleicht findet sich der eine oder andere  im neuen Roman von Olivier Adam „Die Summe aller Möglichkeiten“ erschreckenderweise wieder. Denn das Leben mit all seinen guten wie schlechten Zeiten, verpasste Chancen sowie falsche Entscheidungen sind das große Thema des Franzosen.

Geschehnisse überschlagen sich

Standen in Adams früheren Romanen wie „Klippen“ oder „An den Rändern der Welt“ einzelne Menschen oder eine kleine überschaubare Gruppe, beispielsweise eine Familie, im Mittelpunkt, sind es diesmal mehr als 20 Personen. Sie verbindet der Ort, an dem sie leben, an der Côte d’Azur gelegen, und die dortigen Geschehnisse, die sich an einem Tag schier überschlagen. Antoine, Hilfsarbeiter, Vater eines kleinen Sohnes sowie talentierter Fußballspieler und damit Hoffnung des örtlichen Vereins, wird brutal zusammengeschlagen, lebensgefährlich verletzt und von einem Unbekannten vor das Krankenhaus gelegt. Kurz vor einem wichtigen Pokal-Spiel. Sein engster Freund Jeff verleugnet, etwas von dem gewaltätigen Überfall zu wissen. Zudem sorgt eine Sturmflut für Verwüstungen. Mehrere Menschen sterben. Zwei junge Männer, die befreundet sind, verschwinden spurlos und werden von ihren Frauen beziehungsweise Arbeitskollegen vermisst. In der Nachbarschaft einer Schriftstellerin, die das umtriebige und hektische Leben von Paris sowie ihre Lebensgefährtin hinter sich gelassen und sich in den ruhigen Ort an der Mittelmeer-Küste zurückgezogen hat, taucht plötzlich wie aus dem Nichts ein junges Mädchen auf, das Dramatisches erlebt zu haben scheint.

davAdam lässt es allerdings nicht bewenden bei diesem besonderen Geschehen in dem Küstenort und dessen Auswirkungen auf das Leben der Bewohner, die darüber allesamt erzählen – auf ihre ganz eigene Art, mal ruppig, mal nachdenklich und niedergeschlagen. In dieses eindrucksvolle mehrstimmige Panorama webt er klug die Vorgeschichten der Helden und damit auch die Gründe für ein verloren geglaubtes Leben ein. Antoine hat seine Mutter verloren, lebt von der Mutter seines Sohnes getrennt. Krankheit und Einsamkeit, die Distanz zu den eigenen Kindern, treibt ein älteres Ehepaar dazu, Selbstmord zu begehen. Das junge Mädchen, das in dem Ort herumstreift, hat ebenfalls einen tragischen Verlust erlebt und wie bei vielen der Protagonisten ein schwieriges Verhältnis zu den Eltern. Nahezu jede Person in dem Roman ist seelisch oder körperlich verwundet und steht als Sinnbild für einen tiefen wie weiten Spalt zwischen den Generationen.

„Für niemanden sind die Dinge so einfach und gesichert. Manchmal denkt sie: Warum ist das Leben für mich nicht selbstverständlich? Und dann korrigiert sie sich. Ist es das überhaupt für irgendjemanden auf dieser Welt? Das sind die Dinge, die ihr zurzeit keine Ruhe lassen. Das und die Summe dessen, was in unseren Leben schiefgeht, ohne dass man es wirklich beschlossen hat.“

Hinzu kommen die schwierige wirtschaftliche Lage sowie die Korruption, die enge Verbindung zwischen dem reichen „Platzhirsch“ Perez, der überall seine Finger im Spiel hat, sogar das Fußball-Team besitzt, und den Behörden. Während er Geld scheffelt, wissen andere nicht, wie sie trotz mehrerer Jobs über die Runden kommen. Die Sozialarbeiterin, die junge Familien begleitet und betreut, weiß ein Lied davon zu singen. Die Küstenstadt ist keineswegs ein Ort der Sorglosigkeit und die Nähe zum Meer nicht immer idyllisch zu nennen.

Lebensmut und etwas Wärme

Adam setzt mit den Schicksalen und Lebensläufen sowie einzelnen schrecklichen Überraschungen innerhalb  der spannenden Handlung einen nachdenklich stimmenden Kontrapunkt und gibt dem Leser jedoch zugleich ein Stück Hoffnung mit auf den Weg. Sind die Tage düster, stimmt der Rückblick auf vertane Chancen und Möglichkeiten sowie falsche Entscheidungen an den Kreuzungen des Lebens freudlos und für die Zukunft pessismistisch, finden die Personen des Romans in ihren Wegbegleitern wieder Lebensmut und etwas Wärme.  Und das manchmal ganz unverhofft.  Ob es die „11 Freunde müsst ihr sein“-Stimmung in der Fußballmannschaft, die neue Liebe von Antoines Schwester Louise und die enge Verbindung zwischen Antoine zu seinem Sohn Nico ist oder ob es die kleinen Gesten der Assistenzärztin und der Schriftstellerin, die die junge fremde Frau erleben darf, sind. Sie alle sind Zeichen der Menschlichkeit, ohne die in den schwersten Momenten des Lebens und angesichts der gefühlten Ausweglosigkeit womöglich eine falsche Entscheidung auch ein Ende bedeuten könnte. Der Freitod oder der Gedanke daran ist ein wiederkehrendes Thema – nicht nur in diesem Roman. Schon Adams früheres Werk „Klippen“, vor neun Jahren in deutscher Übersetzung erschienen, erzählt davon.

„Die Summe aller Möglichkeiten“ zeigt neben Adams herausragender literarischer Erzählkunst, die allgemeine mit aktuellen Themen verbindet, ein hohes Maß an Menschenkenntnis und Menschlichkeit, eine symapthische Empathie für all jene, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen. Eine spezielle Wahl wie auch Botschaft, die sich beispielsweise gegenüber dem Personen-Ensemble des neuen Romans von Adams Kollegin und Landsmännin Karine Tuil „Die Zeit der Ruhelosen“ als Kontrast wohltuend abhebt.


Olivier Adam: „Die Summe der Möglichkeiten“, erschienen im Verlag Klett-Cotta, in der Übersetzung aus dem Französischen von Michael von Killisch-Horn; 445 Seiten, 25 Euro

Foto: pixabay

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