Achtsam – Wilhelm Lehmann „Bukolisches Tagebuch“

„Der heutige Mensch verdeckt sie rasch  mit Begriffen und Erklärungen, darunter verkümmert das Staunen.“

Robert Musil und Wilhelm Lehmann verbindet nicht nur in etwa die Zeit, der eine Jahrgang 1880, der andere 1882, in die sie beide hineingeboren werden. Beide erhalten 1923 den renommierten Kleist-Preis zugesprochen. Während Musil mit seinem wohl bekanntesten Werk „Der Mann ohne Eigenschaften“ Weltruhm erlangt hat und mittlerweile zu den Klassikern der Literatur zählt, gehört Lehmann zu den leider nahezu in Vergessenheit geratenen Autoren. Die neu erschienene Ausgabe „Bukolisches Tagebuch“, herausgegeben vom Berliner Verlag Matthes & Seitz, erinnert an sein Schaffen. Der Band erblickt dabei zur richtigen Zeit das „Licht der Buchwelt“.

Als Lehrer in Schleswig

Denn zweifellos sind die Natur, das Landleben und die besonderen Beziehungen zu Flora und Fauna aktuell sehr angesagt, schaut man in die Verlagsprogramme, die Regale der Buchhandlungen und auf die Bestseller-Listen. Die Resonanz scheint dabei Ausdruck einer Sehnsucht nach Ursprünglichkeit und Achtsamkeit und/oder des gesteigerten Bewusstseins für den Schutz und die Bewahrung der Natur zu sein, was auch in diesem Band mehrfach anklingt. Er enthält neben dem „Tagebuch“ der Jahre 1927 bis 1932 und des Jahres 1948 naturphilosophische Texte aus dem Umkreis der Tagebücher sowie weitere Schriften zur Natur.

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Lehmann beschreibt in seinem Tagebuch im Abstand von mehreren Tagen beziehungsweise Wochen das Leben auf dem Land und die ihn umgebende Natur. Nach seinem Studium der Philosophie, Naturkunde und Sprachen in Tübingen, Straßburg, Berlin und Kiel, seiner Promotion und den ersten Berufsjahren als Pädagoge kommt er 1923 nach Eckernförde (Schleswig), wo er als Lehrer tätig ist und 1968 auch verstirbt. Das Meer mit seinen Erscheinungen ist nah und ständiger Begleiter. Lehmanns Berichte beweisen nicht nur eine gute Beobachtungsgabe für Details und Stimmungen. Lehmann verfügt über ein großes Wissen – die heimische Natur – die Liste der genannten, bekannten wie weniger bekannten Tier- und Pflanzenarten am Ende des Bandes ist lang – und die Literatur betreffend. Beschreibungen seiner Beobachtungen und Entdeckungen treffen auf zahlreiche Zitate sowie Verweise auf Autoren und ihre Werke. Von der Antike über die Schriften chinesischer Gelehrter bis hin zu den Büchern, die Lehmann geprägt haben. Auch der Klassiker der amerikanischen Literatur und der die ökologische Bewegung prägende Titel „Walden“ von Henry David Thoreau, kürzlich im Reclam-Verlag erschienen, darf da nicht fehlen.

„Kaum vermag der Traum der Wirklichkeit nachzukommen. Beide ernähren einander. Erst wenn das Auge der wirklichen Amsel treu nachgegangen ist, beginnt es jenem Märchenvogel nachzuspüren, der ganz weiß ist und den wir deshalb so schwer finden, weil die Vögel der Wirklichkeit als seine Schatten ihn verdecken.“

Der Wechsel der Jahreszeiten, ihre Merkmale und Auswirkungen auf Mensch, Tiere und Pflanzen, die Elemente sowie die Vergänglichkeit sind die alles bestimmenden Themen. Alles ist in Bewegung und in Veränderung. Lehmann streift oft und viel über das Land und erweist sich als ein sehr genauer Beobachter, dem scheinbar nichts entgeht. Auch an seine Gedanken lässt er dem Leser teilhaben. Sie setzen sich mit vielen Fragen und Themen auseinander, unter anderem auch mit der Benennung von Pflanzen und Tieren, der Dinge, die den Menschen umgeben, allgemein. Lehmann erkennt schon früh, dass der Mensch zur Gefahr für die Natur geworden ist. An einer Stelle heißt es dazu: „Jedes Tier, das vergeht, jede Art Lebenwesen, das ausstirbt, verdünnt das Weltvokabular, bringt uns weiter zurück von der Wahrheit, die nur aus dem Zusammenklang aller Wesen sich heraufarbeitet.“

Über das Staunen

Der Autor und Pädagoge kennt und beschreibt seine persönliche Weise, sich der Natur zu nähern: mit Respekt, Offenheit und vor allem mit Staunen. Seine Schriften sind ein einziger Aufruf dazu: zu entdecken und zu staunen – über die Vielfalt, Einzigartigkeit wie Komplexität der Natur. Sind die Tagebuch-Einträge vor allem auf die Beschreibung der Landschaft, von Flora und Fauna gerichtet, tragen die weiteren Schriften einen eher naturphilosophischen Charakter. Alle Texten offenbaren indes nicht nur Lehmanns Liebe zur Natur und sein unglaublich umfassendes Wissen. Seine Sprache ist unvergleichlich, dicht und voller Poesie, gezeichnet von einem großen Wortschatz und der Begabung für ungewöhnliche Vergleiche und Verwendungen der Verben.

In einem Nachwort reiht Hanns Zischler, Schauspieler, Dramaturg, Regisseur und Essayist, Lehmanns Tagebücher in dessen weiteres Werk ein, verweist auf die Romane „Der Überläufer“ und „Der Provinzlärm“ sowie den Gedichtband  „Antwort des Schweigens“. In „Der Überläufer“ verarbeitet Lehmann, der als Soldat zweimal desertiert, seine persönlichen Erfahrungen an der Front des Ersten Weltkriegs. Bereits zeitgleich zum „Bukolischen Tagebuch“ entstanden, konnte das kritische Werk erst in den 1960er Jahren erscheinen. Heute widmet sich die Wilhelm-Lehmann-Gesellschaft, 2004 gegründet, dem Leben und Wirken des Autors. Mit dem nun erschienenen Band „Bukolisches Tagebuch“ wäre die Zeit gekommen, dessen Schaffen weiter in Erinnerung zu behalten. Das Werk, veröffentlicht in der von Judith Schalansky herausgegebenen Reihe „Naturkunden“, eignet sich im Übrigen wunderbar auch als literarischer Begleiter auf ausgiebigen Wandertouren. Liebevoll gestaltet, findet er in der praktischen Form eines Taschenbuches auch durchaus Platz in jedem Rucksack. Und gibt es nichts Schöneres, als Flora und Fauna zu erleben und dabei gleichzeitig versunken in großen Worten über die Natur zu sein?


Wilhelm Lehmann: „Bukolisches Tagebuch“, erschienen in der Reihe „Naturkunden“ im Verlag Matthes & Seitz, 292 Seiten, 22 Euro

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