Buchkunst meets Klassiker – Auf „Spreepartie“ in Berlin

Eine Stadt, ein Tag, vier Orte und vier Bücher: Die „Spreepartie“ der Berliner Agentur Kirchner Kommunikation erlebte eine Neuauflage. Mehrere Literaturblogger waren wie im Vorjahr eingeladen, neue Bücher, die Arbeit von Autoren, Illustratoren und Verlagen kennenzulernen. Würde ich versuchen, den literarischen Tag mit seinen insgesamt vier Stationen unterwegs mit U-Bahn, Tram und per pedes unter eine Überschrift zu setzen, fiele mir folgende ein: Buchkunst meets Klassiker.

Bilder aus unzähligen Punkten

Welche wundersame Verbindung Text und Illustration eingehen können, beweisen die Bücher des in Mannheim ansässigen Kunstanstifter Verlages. In der Agentur stellten Lucia Jay von Seldeneck und Florian Weiß im Gespräch und anhand von Arbeitsproben ihr gemeinsames Werk vor, das im kommenden Herbst erscheinen wird: Das hat nicht nur mit „Ich werde über diese Merkwürdigkeit noch etwas drucken lassen“ einen recht langen wie ungewöhnlichen Titel. Der Band versammelt 30 Kurzgeschichten, die auf skurrilen Zeitungsmeldungen basieren und die auf die Verbindung Mensch und Tier eingehen. Zwei Jahre suchte und zeichnete das Autorin-Illustrator-Duo. Ein Storch, mit dem bewiesen werden konnte, dass die Rotstrümpfe alljährlich die weite Reise nach Afrika antreten, ist in dem Buch genauso vertreten wie der Hitlerkäfer, der für seinen Namen wirklich nichts kann.

Eine Arbeitsprobe aus dem Band „Ich werde über diese Merkwürdigkeit noch etwas drucken lassen“ von Lucia Jay von Seldeneck und Florian Weiß

Sind die Geschichten seltsam, ist die Art und Weise, mit der Florian Weiß die Zeichnungen kreiert hat, recht wundersam zu nennen. Der Berliner verwendete nichts anderes als eine selbst gebaute Punktier-Maschine, mit der in Indonesien Tattoos entstehen. Man nehme ein Fön-Motor, Kabelbinder, ein Stück eines Wäscheständers und eine Kugelschreiber-Mine und schon ist die mit Strom oder einem Akku betriebene Maschine fertig, die der Grafiker oft und gern auch mit auf Reisen nimmt. Wie viele Punkte pro Zeichnung nötig sind, weiß Florian Weiß nicht einzuschätzen. Aber die Arbeit mit ihr, bereite ihm Freude: „Man fliegt über das Papier und die Überläufe gelingen damit sehr gut.“ Schon der 2011 erschienene Band „Ringel Seepferdchen“, den ich noch vorstellen werde, entstand mit dieser speziellen Technik.

Model von Munch

Von der Gneisenaustraße in Berlin-Kreuzberg ging es in die Marienstraße in Berlin-Mitte. Barbara und Stefan Weidle begrüßten die Gruppe in der Berliner Dependance ihres Verlages, der im kommenden Jahr sein 25-jähriges Bestehen begeht. Ein Bild an der Wand verwies dabei nicht nur auf das Herbstprogramm des Verlages, sondern gleichzeitig auf den Roman „Dagny oder Ein Fest der Liebe“ des georgischen Autors Zurab Karumidze. Das eindrucksvolle Bild der Berliner Künstlerin Levke Leiß schmückt den Einband des Buches, das im August in die Buchläden kommt. Im Mittelpunkt steht nicht nur Dagny Juel (1867 – 1901), Autorin aus Norwegen, Model von Edvard Munch und Muse August Strindbergs, die in Tiflis erschossen wurde. Karumidze, einer der bekanntesten Autoren seines Landes, erzählt von der Geschichte und reichen Kultur Georgiens ganz in der Tradition des postmodernen Roman, über den der Autor seine Promotion geschrieben hat. „Es ist ein sehr komplexer Roman, auf den man sich einlassen muss“, sagte Barbara Weidle. Fußnoten und Anmerkungen werden Erklärungen zu den zahlreichen Zitaten und Verweisen geben. Die Wahl des Werkes des Georgiers, das Stefan Weidle aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt hat, kommt nicht von ungefähr. Georgien wird 2018 das Gastland der Frankfurter Buchmesse sein, 2019 steht schließlich Norwegen im Zentrum der Aufmerksamkeit. Dann sollen die gesammelten Werk von Dagny Juel erscheinen, blickt Stefan Weidle voraus.

Vom Wundertüten-Effekt

Einen Kontrapunkt zu dem komplexen georgischen Roman setzte die kommende Station: das Ministerium für Illustration in der Chauseestraße in Berlin-Mitte. Illustrator Henning Wagenbreth öffnete die Türe seiner Galerie, in der Rotraut Susanne Berner die Reihe „Die tollen Hefte“ vorstellte, die ihr Mann Armin Abmeier  (1940 – 2012) vor 25 Jahren begründet hatte und die seit einigen Jahren in der Edition Büchergilde regelmäßig erscheint.  Die Preisträgerin des renommierten Hans-Christian-Andersen-Preises und Schöpferin der legendären Karlchen- und Wimmelbücher berichtete über den Ursprung der Reihe und deren Besonderheiten, wie die eigenwilligen, oft humorvollen Illustrationen und der Wundertüten-Effekt, der mit Beigaben entsteht. „Gegenüber den Massenauflagen und der Digitalisierung muss man etwas versuchen, was anders ist“, sagte Wagenbreth, der auch an der Universität der Künste in Berlin als Professor unterrichtet.

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Vor einem besonderen Haus, wenige Hundert Meter entfernt von der letzten Station, der Buchhandlung Fräulein Schneefeld und Herr Hund in der Prenzlauer Allee, trafen die Blogger auf die Autorin Unda Hörner. In der Immanuelkirchstraße hatte einst Felice Bauer, die erste Verlobte Franz Kafkas, gewohnt. Dieser Beziehung zwischen Anziehung und Abstoßung widmet sich die Berlinerin in ihrem neuesten Buch „Kafka und Felice“, das im August im Verlag „ebersbach & simon“ erscheinen wird. Die Briefe Kafkas an seine Verlobte bildete dafür die Grundlage. „Mir war die Faktentreue wichtig. Ich wollte die Geschichte nüchtern lassen, aber dabei auch unterhaltsam sein“, erzählte Unda Hörner, die in dem früheren Band „Ohne Frauen geht es nicht“ sich schon mit Kurt Tucholsky und der Liebe beschäftigt hat. „Ich finde diese Zeit spannend, in der sich die Geschlechterrollen wandeln“, so die Autorin und Übersetzerin. Ihr neuestes Werk sei auch ein Berlin-Roman und zeige die traurigen, aber auch absurde Seiten der Beziehung Kafkas mit der Prokuristin der Carl Lindström AG, die Schallplatten hergestellt hat.

Autorin und Übersetzerin Unda Hörner (l.) erzählt von ihrem Roman „Kafka und Felice“.

Allen Fans von Kafka sei an dieser Stelle noch ein besonderer Tipp ans Herz gelegt: Der Martin-Gropius-Bau zeigt noch bis zum 28. August das Manuskript des Romans „Der Prozess“. Neben den handgeschriebenen Seiten werden Fotografien aus der Sammlung Klaus Wagenbach, zahlreiche internationale Ausgaben des Werkes sowie die Verfilmung von Orson Welles aus dem Jahr 1962 gezeigt. Zudem wird die spannende Editionsgeschichte des Werkes erzählt: von der Rettung des Manuskriptes durch Kafkas Freund Max Brod bis zur Ersteigerung für die Rekordsumme von 3,5 Millionen Euro beim Londoner Auktionshaus Sotheby mit Hilfe der Bundesregierung, der Kulturstiftung der Länder und dem Land Baden-Württemberg. Das Manuskript zählt seit 1988 zum Bestand des Literaturarchivs Marbach.

An der „Spreepartie“ waren neben den „Kirchner-Damen“ Tatjana Kirchner, Stephanie Haerdle, Judith Tings, Katrin Ritte und Judith Polte folgende Blogger mit ihren Blogs beteiligt: Marina Büttner von „literaturleuchtet“, Jochen Kienbaum von „lustauflesen.de“, Gérard Otremba von „Sounds & Books“, Maike Bradler und Mareike Dietzel von „Herzpotenzial“, Jacqueline Masuck von „masuko13“, Simone Finkenwirth von „Klappentexterin“, Elina Penner von „Schnitzel & Schminke“ sowie von Juliane Noßack von „Poesierausch“.


Foto: pixabay

2 Comments

  1. Liebe Constanze, vielen Dank fürs Mitnehmen auf die virtuelle Spreepartie! Ich habe mir einiges gemerkt davon – vor allem die Illustrationen sind toll!! Hoffe, Du bist wieder gut zuhause angekommen und wir sehen uns mal wieder! LG, Bri

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