Tierische Helden – Zwei Bücher für den Gabentisch

Sie sind überall, um uns herum. Sie laufen, sie kriechen, sie schwimmen, ja, sie fliegen auch. Sie haben ein Fell, Gefieder, Schuppen oder eine aalglatte Haut. Die Natur ist voller wundersamer tierischer Wesen, denen es vermutlich ohne uns Menschen besser gehen würde. Zwei Bücher möchte ich an dieser Stelle vorstellen, denen ich mich in den vergangenen Tagen mit Begeisterung gewidmet habe und die sich wunderbar als Geschenk eignen für all jene, die Freude an der Tierwelt haben, über sie noch immer staunen und gerne lesen.

30 Tiermeldungen aus aller Welt

Mit „Ich werde über diese Merkwürdigkeit noch etwas drucken lassen“ hat ein Buch aus dem Kunstanstifter Verlag einen recht merkwürdigen und zugleich langen Titel, der sich indes dort auch finden lässt. Der Band versammelt insgesamt 30 Tiermeldungen aus zwei Jahrtausenden. Jede  Geschichte stammt aus einer anderen Zeit, handelt an einem anderen Ort, erzählt von Tieren unterschiedlicher Gattungen und Ordnungen sowie von den Menschen. Jeweils ein Ich-Erzähler berichtet über eine unerhörte Begebenheit, die eine besondere Entdeckung sein kann, das besondere Verhältnis zwischen Mensch und Tier in den Mittelpunkt stellt oder wie in der Vergangenheit der Mensch von der Natur lernen konnte.  So schildert beispielsweise eine Geschichte, wie Otto Lilienthal intensiv den Vogelflug beobachtet, Erkenntnisse, die später bahnbrechend für die Entwicklung des Flugzeuges sein werden, eine andere blickt sogar in die Zukunft und berichtet, wie die Menschen Stahlseide den hauchdünnen, aber belastbaren Fäden der Spinne gleich in Form von moderner Biotechnologie herstellen, auf der Basis von ersten Forschungsergebnissen in der Zeit um die Jahrtausendwende.

Gesammelt hat die Meldungen die Autorin Lucia Jay von Seldeneck. Sie verarbeitete ein reales Ereignis jeweils zu einer nachdenklich stimmenden, oft aber auch humorvollen Geschichte, die nicht alles erzählt, ein offenes Ende hat oder an ein Puzzle-Spiel erinnert, bei dem Teile fehlen. Erklärt wird vieles schließlich durch die Meldung selbst, die sich wenige Seite später anschließt. Auf den Seiten dazwischen ist das Tier zu sehen, um das es sich handelt. Wundervoll und auf ganz spezielle Weise illustriert von Florian Weiß, der nicht zum Bleistift oder Pinsel griff. Vielmehr nutzte er eine selbst gefertigte Tätowiermaschine, mit der er Punkt für Punkt jedes Bild schuf. Bereits das bezaubernde Kinderbuch „Ringel Seepferdchen“, bei dem der kleine Held auf der Suche nach einer Krone ist und dabei verschiedene Unterwasserbewohner antrifft, entstand auf diese Weise. Das Besondere an den Illustrationen: Sie lassen das Tier sehr real vor den Augen des Betrachters entstehen, denn sowohl die Gestalt des Tieres als auch die Struktur von Fell, Gefieder oder Außenhaut erscheinen sehr plastisch. Bei einigen der Bildern hätte ich mir indes dann doch ein wenig Farbe gewünscht, beispielsweise für das Bild des Paradiesvogels oder des Kolibris. Aber vielleicht ist an dieser Stelle einfach auch nur etwas Fantasie vonnöten.

Neben der engen Verbindung zwischen Text und Bild sollte an dieser Stelle auch die herausragende und durchdachte Gestaltung des gesamten Bandes erwähnt werden. Denn jede Geschichte wird durch eine Karte bereichert. Es gibt zudem Hinweise darauf, wer die Geschichte erzählt, in welchem Jahr das Ereignis stattfand und auf der Seite, die den lateinischen Namen des Tieres trägt, ist ein bereits Detail des Geschöpfes zu sehen, so dass eine gewisse Spannung zu spüren ist, bevor mit dem Aufblättern die Illustration in voller Größe auf einer Doppelseite erscheint.  Dieses wundervolle Kunstwerk ist für Erwachsene sowie für Familien mit älteren Kindern geeignet und kann immer wieder aus dem Buchregal genommen werden, um es zu bestaunen und gemeinsam auf eine wundersame Entdeckungsreise durch die Zeit und die erstaunliche Tierwelt zu gehen.

„Ich werde über diese Merkwürdigkeit noch etwas drucken lassen“, aufgezeichnet und gezeichnet von Lucia Jay von Seldeneck und Florian Weiß, erschienen im Kunstanstifter Verlag; 196 Seiten, 28 Euro

 

Einen ganz anderen Fokus legt „Das Buch der Tiere. 100 Animalische Streifzüge durch die Weltliteratur“, erschienen in einem etwas kleineren Format als das vorhergehende Buch im Verlag Edition Atelier.  Nach seinem Band „Das Buch der Schurken. Die 100 genialsten Bösewichte der Weltliteratur“ (btb) zieht der Wiener Autor, Übersetzer und Lektor Martin Thomas Pesl indes nicht durch die reale hiesige wie exotische Tierwelt. Seine Weltreise hat er in der heimischen Wohnung oder in Bibliotheken gemacht. Er stellt bekannte und weniger bekannte Helden und Nebenfiguren – je nach den Lektürekenntnissen des geschätzten Lesers – aus bekannten wie weniger bekannten Büchern vor, die aus verschiedenen Epochen und den unterschiedlichsten Länder stammen. Dies sind sowohl Klassiker wie die „Ilias“ von Homer oder Boccaccios „Das Dekameron“ als auch Bücher der jüngsten Vergangenheit wie Peter Høegs Roman „Die Frau und der Affe“ oder „Blumenberg“ von Sibylle Lewitscharoff. Auch die Genres sind recht bunt gemischt. Und was sich in den Geschichten so alles tummelt: Bären und Katzen, mal groß mal klein, Huftiere und Vögel, Echsen und Insekten. Die Lieblingstiere des Autors, die Affen, kommen zu guter Letzt.

Humorvolle Porträts tierischer Helden

Wer jetzt indes glaubt, dass sich in diesem Band mit Blick auf die bereits Jahrtausende währende Literaturgeschichte von der Antike bis zur Gegenwart gehörig „Staub und Trockenheit“ angesammelt hat, der irrt. Pesl gibt auf  seine humorvolle, überspitzte wie erfrischende Art einen Einblick in das Werk und ergänzt die jeweiligen Texte mit überraschenden Details und Informationen. Der tierische Held und seine „literarische Welt“ findet sich auf jeweils einer Doppelseite – mit Angaben zum Titel,  Autor und einem Zitat; hinzukommen spezifische Merkmale wie „Gattung“, „Ernährung“, „Stärken“ und „Schwächen“ oder zum „Artenschutz“.

Jede literarische Vorstellung wird dabei ergänzt durch eine Zeichnung des Wieners Kristof Kepler, der in der Welt des Theaters und Films zu Hause ist. Seine Illustrationen erinnern an Skizzen beziehungsweise Karikaturen, die auf den ersten Blick mit reichlich Schwung aufs Papier gebracht wurden, allerdings die besonderen Merkmale des Tieres erstaunlich prägnant beziehungsweise auch symbolisch aufzeigen. Der Band erheitert ungemein und macht Lust, die noch unbekannten Bücher zu lesen oder sich an die bereits bekannten zu erinnern. Für Literaturfreunde ist dieser Band eine wunderbare Ergänzung im Bücherregal.

Martin Thomas Pesl: „Das Buch der Tiere. 100 Animalische Streifzüge durch die Weltliteratur“, mit Illustrationen von Kristof Kepler, erschienen im Verlag Edition Atelier; 244 Seiten, 25 Euro

 


Foto: pixabay