Schmerz – Hanya Yanagihara „Ein wenig Leben“

„Er wollte loslassen, er wollte, dass die Kreatur in seinem Inneren sich in einen Schlaf begab, aus dem sie nie wieder erwachte.“ 

Ein Buch, über das viele sprechen. Dessen Cover ein Hingucker ist, das man einfach anschauen muss: Der Roman „Ein wenig Leben“ der Amerikanerin Hanya Yanagihara ist seit seiner Veröffentlichung im Januar dieses Jahres noch immer in aller Munde. Nicht umsonst erhielt ich kürzlich eine kurze Nachricht einer ehemaligen Mitschülerin, mit der ich einst den Deutsch-Leistungskurs an der Penne absolviert hatte: „Hast du schon dieses Buch gelesen?“. Ich musste verneinen und zugeben, dass auch der ebenfalls sehr dickleibige neue Roman von Paul Auster noch in meinem Regal darauf wartet, gelesen zu werden. Von dem jüngsten Werk von Jonathan Safran Foer ganz zu schweigen. Doch diese kurze Botschaft via Facebook ließ mich schließlich zu dem Buch mit dem markanten Cover-Foto greifen und ich begann zu lesen.

Auf dem College gefunden

Zugegeben: durchaus mit einigen Anfangsschwierigkeiten. Denn so recht kam ich nicht in die Geschichte hinein. Allzu schnell werde ich in das Leben der vier Freunde JB, Malcolm, Willem und Jude geworfen, die sich während ihrer gemeinsamen College-Zeit kennengelernt haben und nicht unterschiedlicher sein könnten. Und viele große amerikanische Romane gibt es schon rund um das Thema Freundschaft: „Die Kunst des Feldspiels“ von Chad Harbach oder „Die Interessanten“ von Meg Wolitzer (beide Dumont). Nun treffen wir die vier Helden zu Beginn in New York wieder, wo jeder auf seine Art versucht, Erfolg zu haben, seinen Weg zu gehen. JB als Künstler, Malcolm als Architekt, Willem kellnert und rennt von Vorsprechen zu Vorsprechen mit der Hoffnung, eine Rolle zu ergattern. Jude arbeitet bei der Staatsanwaltschaft, wird später die Seite und zu einer Kanzlei wechseln, die große Unternehmen vertritt.

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Doch mit der Zeit war ich gebannt von der Handlung, die sich letztlich auf Jude und Willem fokussiert. Ihre beiden Freunde werden nach und nach zu Randfiguren. Nicht nur, weil eine Freundschaft wie ihre durch Konflikte – JB veröffentlicht Bilder ohne die Zustimmung Judes und wird später drogensüchtig – belastet wird und jeder seine eigene Karriere verfolgt und um die Welt reist. Judes allzu schreckliche Vorgeschichte, die Ursache ist für sein aktuelles Leiden, wird nach und nach offengelegt. Er ist körperlich und seelisch ein Wrack, er ritzt und verletzt sich selbst, hinzu kommen Zwangshandlungen: Er ist ein Workaholic, arbeitet über die Maßen, in der Nacht kocht und backt er, all das, um seinen traumatischen Erinnerungen zu entgehen. War er schon als Kind und Jugendlicher Opfer sexueller Gewalt, wird er es als Erwachsener erneut werden. Eine frische Beziehung zu einem Mann endet in Brutalität. Von seiner grauenvollen Vergangenheit ahnen seine Freunde nichts. Jude lässt keinen davon wissen. Er versucht, ein normales Leben zu führen, erfolgreich im Job zu sein, es allen recht zu machen. Erst Willem wird sein Vertrauen gewinnen. Ihm erzählt er von seinen Erlebnissen im Kloster, von der Flucht mit Bruder Luke und der Zwangsprostitution sowie von der Zeit im Haus von Dr. Taylor, das sich als Gefängnis und Folterkeller erweisen soll.  Aus Freundschaft wird schließlich Liebe. Jude und Willem, der mittlerweile auf dem Höhepunkt seiner Schauspiel-Karriere steht, werden ein Paar. Mit dem Segen von Judes Mentor Harold, der ihn einige Jahre adoptiert hatte, sowie dem Mediziner Andy, der ihn stets und ständig, bei Tag und bei Nacht zur Seite steht.

„Freundschaft hieß, Zeuge des stetig tröpfelnden Leids, der ausgedehnten Strecken der Langweile und der gelegentlichen Triumphe im Leben eines anderen zu werden. Freundschaft bedeutete, sich geehrt zu fühlen, dass man einen anderen in seiner größten Verzweiflung auffangen durfte, und zu wissen, dass man selbst in seiner Gegenwart verzweifelt sein durfte.“

Es sind die sehr detaillierten Szenen der Gewalt in jeglicher Form und die sehr intimen Momente zwischen Jude und Willem, die den Leser wohl das Gefühl geben, nahezu ein Voyeur zu sein. Man ist mittendrin und leidet umso mehr mit. In Sprachlosigkeit, in einer Schockstarre. Wie kann ein Mensch das ertragen, will man fragen. Und: Kann nur ein Mensch so viel erlebt haben? Doch das Thema sexuelle Gewalt ist nicht neu für die amerikanische Autorin. Schon in ihrem Debütroman „The People in the Trees“ (2013) hat sie darüber geschrieben. Yanagihara gelingt es deshalb eindrucksvoll, das psychische Innenleben ihrer Helden zu beschreiben. Ihr Roman ist nicht nur ein Buch über eine Freundschaft in New York, sondern vor allem eine besondere Seelenstudie eines immer und immer wieder geschundenen sowie einsamen Menschen mit seinen Ängsten und Zweifeln, dem es nur schwer gelingen mag, ein gewisses Grundvertrauen zu entwickeln, weil ihm auf den ersten Blick zugeneigte Menschen geschlagen und missbraucht haben. Auch das Verhältnis zwischen den Protagonisten wird präzis ausgeleuchtet. Die traumatischen Erlebnisse, von denen in mehreren, nahezu über den ganzen Roman verstreuten Rückblenden erzählt wird, und die Auswirkungen bis in die Gegenwart führen zu Spannungen. Denn Jude vermag es nicht, offen mit seinen Freunden umzugehen, er verschweigt  vieles, manches Mal lügt er auch, obwohl er dank seiner Freunde und seiner Adoptiv-Eltern immer Unterstützung erfährt.

Kein Happy-End

Obwohl sich Jude und Willem finden und sich gegenseitig Halt geben, gute wie schlechte Zeiten erleben, lässt Yanagihara, Jahrgang 1974 und hawaiianischer Abstammung, kein Happy-End zu. Ein tragischer Unfall geschieht – mit verheerenden Folgen. Warum Harold eine Stimme als Erzähler in diesem Buch erhält, wird dann klar. Vielleicht hätte der allseits packende, komplexe und meisterhaft erzählte Roman, der mehr als drei Jahrzehnte umspannt, jedoch da ein schnelleres Ende finden sollen, um dem Leser Raum für eigene Gedanken geben zu können. So lässt die Autorin den Leser weiter leiden, was womöglich die Leserschaft allerdings grundsätzlich auch verbindet. Denn „Ein wenig Leben“ kann auf verschiedene Weisen gelesen werden. Jeder wird ein Thema, ein Sachverhalt finden, dem er besondere Aufmerksamkeit schenkt.  Ob jedoch aus dieser tieftraurigen Story ein Fünkchen Hoffnung gewonnen werden kann, sollte jeder selbst entscheiden.

Die Fotografie des Covers trifft diesen Schmerz wohl wie kaum eine andere. Sie stammt von dem amerikanischen Fotografen mit ukrainischer Herkunft Peter Hujar (1934 – 1987). Welche Auswirkungen der Buch-Erfolg nun auf eine mögliche Rückbesinnung auf seine Werke haben wird, bleibt abzuwarten und ist sicherlich eine spannende Frage. Obwohl er viele Bewunderer hatte, war Hujar zeit seines Lebens nur mäßig erfolgreich. Seine Werke sind heute in New York sowie im Folkwang-Museum in Essen zu sehen.


Hanya Yanagihara: „Ein wenig Leben“, erschienen im Hanser Verlag, in der Übersetzung aus dem Englischen von Stephan Kleiner; 960 Seiten, 28 Seiten

Foto: pixabay

2 Comments

  1. eines der Bücher, die noch lange im Kopf bleiben werden! Ich fand es faszinierend, bedrückend und toll! Allerdings war es mir auch manchmal ein wenig zu übertrieben: dass alle so „gut“ waren so tolle Freunde, so verständnisvoll, so reich wurden, dass Jude dann auch noch die tollen Adoptiveltern fand etc. Aber andererseits ist diese Fallhöhe durchaus sinnvoll, denn Y. möchte ja wohl zeigen, wie tief Kindheitstraumata den Menschen zerstören können, auch wenn später eigentlich „alles gut“ wird. Dass auch wunderbare Freundschaften, beruflicher Erfolg und selbst die große Liebe nicht unbedingt den kaputen Menschen wieder „heil“ machen können. Jedenfalls ein großes Buch (mit einigen wenigen Mängeln)!

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