Sozialer Krieg – Karine Tuil „Die Zeit der Ruhelosen“

New York, 11. September 2001: Zwei Flugzeuge der American Airlines und der United Airlines stürzen in die beiden Türme des World Trade Centers. Rund 2.800 Menschen sterben. Die Flugzeugentführer gehören der Terrororganisation „al-Qaida“ an. Seit „Nine-Eleven“ ist vieles nicht mehr, wie es einst mal war. Die Terroranschläge auf amerikanischem Boden bilden nun den Auftakt des neuesten Romans der französischen Autorin Karine Tuil „Die Zeit der Ruhelosen“, in dem der islamistische Terrorismus allerdings nur eine Facette, wenn auch eine nicht ganz unbedeutende, ist.  

Denn alle drei Hauptpersonen des Romans werden mit dieser Bedrohung im Laufe des Geschehens in Berührung kommen, weil auch ihre Lebensläufe miteinander verknüpft sind. Romain Roller ist Soldat. Nach mehreren Auslandseinsätzen verschlägt es ihn nach Afghanistan. Hier lernt er die Journalistin Marion Decker kennen und lieben. Eine stürmische Affäre nimmt ihren Lauf – obwohl er verheiratet und sie mit François Vély, einem erfolgreichen Chef eines namhaften Telekommunikationskonzern, liiert ist. Der dritte im Bunde ist Osman Diboula. Als Kind afrikanischer Einwanderer und aufgewachsen in einem Pariser Problem-Viertel, hat er einen sagenhaften gesellschaftlichen Aufstieg erlebt: Sammelte er seine ersten beruflichen Erfahrungen noch als Streetworker, führt ihn sein angeblich guter Ruf schließlich in den Palast des Präsidenten, wo er als Berater fungiert.

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Doch Liebe, Geld und Karriere bieten keineswegs ein Fundament für ein beschauliches Leben. Tuil wirbelt das Leben ihrer drei Helden immer wieder gehörig durcheinander, was für den Leser ungeahnte Überraschungen und damit auch eine spannende Lektüre bedeutet. Nicht nur François kommt hinter jene Affäre. Auch Agnès, die Frau des Soldaten, erfährt davon und rächt sich auf ihre Art. Romains heile Familie zerfällt, zudem leidet er unter einer posttraumatischen Belastungsstörung – angesichts der Gewalt und der Gefahren in Afghanistan während eines stillen brutalen Krieges. Er musste erleben, wie Kameraden starben oder schwer verwundet wurden.  Romains Leben gerät genauso aus den Fugen wie jenes von François und Osman, die plötzlich vor den Trümmern ihrer Karriere stehen. Der Konzernchef stolpert über einen Artikel, in dem seine jüdische Wurzeln thematisiert werden und er zudem skandalös auf einem Foto abgebildet wird, Osman wird hingegen Opfer von rassistischen Bemerkungen, die ihn demütigen und aus der Haut fahren lassen. Er bricht mit Kollegen und seiner Frau, die ihn verlässt. Als er indes mit einem Zeitungskommentar Partei für François ergreift, erfährt er eine ungeahnte Resonanz und Zustimmung. Sein Stern steigt wieder. Während eines Aufenthalts im Irak zu einer Wirtschaftsmesse treffen alle drei Männer aufeinander. Mit dramatischen Folgen für jeden von ihnen.

„Die Elite steht auf Weiße. Selbst wenn du dir eine Machtposition eroberst und eine Tochter aus höheren Kreisen heiratest, wirst du nie wirklich Teil ihrer Welt sein.“

„Die Zeit der Ruhelosen“ versammelt die wichtigsten Themen und Fragen unserer Zeit, die allerdings schon in der Vergangenheit immer wieder Stoff für Diskussionen und gesellschaftliche Auseinandersetzungen geboten haben. Es geht um Identität, die Bedeutung der Herkunft und der religiösen Wurzeln; dass Einwanderer oder auch „Kinder“ der Arbeiterklasse nie den Respekt erhalten, den sie sich durch harte Arbeit und Einsatz ebenfalls verdient hätten. Die Upperclass, die weiße Elite, bleibt unter sich. Abgeschottet, über den Dingen stehend, sonnend im eigenen Glanz, der stetigen Macht bewusst. Was zählt sind ein guter Name und eine gut situierte Familie. Damit es so bleibt, grenzen sie andere aus, demütigen sie. Eine Szene, in der Osman und seine Frau Gäste eines Empfangs sind und die Angestellte des Hauses durch ihre Herrin schikaniert wird, herablassende Äußerungen fallen, wird wohl den einen oder anderen Leser einfach wütend machen. Das ist eine Stärke des Romans, der nicht nur spannend erzählt ist, sondern auch vielschichtige Gefühle wie Wut, Entsetzen, Trauer entstehen lässt. Man wird auch nicht jeden Protagonisten mögen. Ganz im Gegenteil. Selbst Osman, dessen Aufstieg Respekt abnötigt, wird man an einigen Stellen nicht unbedingt leiden können, weil sein Tun auch charakterliche Schwächen offenbart.

Ist es erstaunlich, wie Tuil es gelingt, das Geschehen vielschichtig und dicht mit sowohl aufrüttelnden Botschaften als auch dramatischen Elementen versehen aufzubauen, krankt es dem Roman indes an wenigstens einer halbwegs normalen Person. Alle Helden haben einen besonderen Lebenslauf, keiner ist einfach nur Durchschnitt. Dabei wäre gerade ein „einfacher Mensch“ und seine Haltung zu den angesprochenen Fragen und Debatten ein interessanter Gegenpol gewesen. Auch die leidenschaftliche Beziehung zwischen Marion und Romain, die eine einzige Berg-und-Tal-Bahn mit Momenten aus Ekstase und Leidenschaft sowie regelmäßigen Trennungen und damit ernüchternden Szenen ist, mag schon ein wenig überladen wirken.

Trotzdem ist der aktuelle Roman der Französin ein ausdrucksstarkes Buch, das zweifellos im Kopf bleibt, weil es die Gesellschaft und ihre gefühlt ewigen Gesetze kritisch hinterfragt und ergreifend zu erzählen weiß von dem unerbittlichen Konflikt zwischen dem Westen und den Kämpfern und Anhänger des islamistischen Terrors. Und: „Die Zeit der Ruhelosen“ könnte wohl in nahezu jedem Land der westlichen Welt handeln und das ist das Erschreckende daran.


Karine Tuil: „Die Zeit der Ruhelosen“, erschienen im Ullstein Verlag, in der Übersetzung aus dem Französischen von Maja Ueberle-Pfaff.  512 Seiten, 24 Euro

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