Gift? – Jennifer Haigh „Licht & Glut“

„Es ist das grundlegende Problem eines Lebens an ein- und demselben Ort: Früher oder später wird alles unsichtbar?“

Fracking (engl., kurz für hydrauling fracturing)  ist eine Methode zur Erzeugung, Weitung und Stabilisierung von Rissen im Gestein einer Lagerstätte im tiefen Untergrund, mit dem Ziel, die Permeabilität (Durchlässigkeit) der Lagerstättengesteine zu erhöhen. Dadurch können darin befindliche Gase oder Flüssigkeiten leichter und beständiger zur Bohrung fließen und gewonnen werden. So wird es mit einer Vielzahl an Substantivierungen im Online-Lexikon Wikipedia erklärt. Vor allem in den USA wird diese nicht unumstrittene Art der Förderung landauf landab genutzt. Mit drastischen Folgen für die Menschen. Jennifer Haigh, unter anderem Preisträgerin des PEN/Hemingway-Awards, nimmt sich in ihrem neuesten Werk „Licht & Glut“ des brisanten Themas an.

Die Amerikanerin siedelt ihren Roman in einer Kleinstadt in Pennsylvania an. Bakerton heißt das Fleckchen Erde, das ein texanischer weit verzweigter Energie-Konzern ins Visier genommen hat. Wie in einigen amerikanischen Bundesstaaten zuvor plant Dark Elephant, mittels Fracking Erdgas zu fördern, das sich unterhalb einer Schiefer-Formation angesammelt hat. Ein windiger Mitarbeiter wird nach Bakerton geschickt, um Land von mehreren Eigentümern zu pachten. Doch nicht alle unterschreiben den Vertrag. Während Gefängniswärter Rich Devlin unter den Kontrakt ohne zu zögern da auf Geld für seine Zukunftspläne hoffend seinen Namen setzt, verweigern Mack und Rena ihre Unterschrift. Gemeinsam leben sie als lesbisches Paar auf einem Bio-Milchhof und sind um die negativen Auswirkungen der Horizontal-Bohrung besorgt. So will sich ein namhaftes Restaurant nicht länger von ihnen beliefern lassen. Zudem erfahren sie anonyme Bedrohungen: erst zerstochene Reifen, dann ein kleines Feuer vor der Haustür. Doch auch die Devlins müssen miterleben, wie das Fracking, die Bohrstelle auf ihrem Grund und Boden, ihr Leben verändert. Ihre Tochter erkrankt schwer. Der Lärm und Dreck bringen die Familie schier um den Verstand. Ein kostbarer Wald muss geopfert werden. Mit dem beschaulichen Leben in Bakerton ist es also vorbei.

20170509_200257_LLS

Doch die Bohrung verheißt Hoffnung. Hoffnung in dunklen schweren Zeiten, denn Bakerton hat einst bessere Tage erlebt; als vor allem der Bergbau für Geld und Wohlstand gesorgt hat. Nun herrschen Arbeitslosigkeit, Angst vor der Zukunft und Missmut. Gegen das wachsende Drogenmilieu kann die Polizei, in die in den vergangenen Jahren personell wie technisch kaum investiert wurde, nichts entgegensetzen. Nur der Colonel hält mit schier übermenschlichem Einsatz, der indes seine Ehe gekostet hat, dagegen.

„Licht & Glut“ ist nicht nur ein herausragender Roman über die Gefahren des Frackings und die zweifelhaften Methoden sowohl der Konzerne als auch der von Macht besessenen Aktivisten, die die ganze Öko-Bewegung in Verruf bringen. Das Buch ist vor allem aber ein eindrucksvolles Porträt einer vergessenen und verlassenen amerikanischen Kleinstadt und ihrer Einwohner. Ihre Lebensgeschichten und Schicksale nehmen viel Raum ein. Umfangreiche Rückblenden nutzt Haigh, um von den Verwundungen und Wunden der Menschen zu erzählen. Da ist Pastorin Jess, die ihren Mann Wesley sehr früh vermutlich infolge eines Kernreaktor-Unfalls an den tückischen Krebs verloren hat und sich nun in den Anlagen-Leiter Herc verliebt.  Da ist Rena, deren Sohn Calvin im Gefängnis sitzt und die sich als Krankenschwester aufopfert, um gemeinsam mit dem Öko-Aktivisten und Geologie-Professor Lorne Trexler der Ursache für das Leiden der kleinen Olivia, der Tochter von Rich und Shelby Devlin,  auf den Grund zu gehen: Sie glauben, dass durch das Fracking das Grundwasser mit Methan kontaminiert worden ist. Mittendrin auch Darren Devlin, der Bruder von Rich, drogenabhängig und Therapeut, der nach der Begegnung mit seiner einstigen Flamme Gia wieder den Substanzen verfällt. Berichtet wird zudem von Kip, der als Chef von Dark Elephant, ohne Mühen regelrecht im Geld schwimmt, während Subunternehmen auf ihren Kosten sitzen bleiben, die Bohrarbeiter ihren Knochen-Job sieben Tage in der Woche, in einem Camp fernab ihrer Familie hausend ableisten müssen.

„Mit einem Mal hat er das Gefühl, dass er zu viel über diese Stadt weiß. Die Verwobenheit von allen und allem macht ihn klaustrophob. Er ist nicht für das Kleinstadtleben gemacht.“

Haigh, selbst in einer Kleinstadt in Pennsylvania 1968 geboren und aufgewachsen, setzt nicht nur auf die Beschreibungen des Geschehens. Sie blickt sehr genau in das Innenleben ihrer Helden, die nicht wirklich heldenhaft agieren, lügen und betrügen, und schaut hinter den Vorhang moralischer Wertvorstellungen, die schlichtweg ausgehebelt werden. Selbst die Pastorin vergisst den Anstand angesichts leerer Versprechungen hinsichtlich ihres seelsorgerischen Auftrags, den sie in den Hintergrund schiebt, um sich voll und ganz Herc zu widmen. Das Ungesagte, das nur in der Gedankenwelt der Protagonisten herumspukt, im Übrigen auch im Text so gekennzeichnet wird, entzweit nahezu die Menschen und lässt Misstrauen und Enttäuschungen entstehen. Die Amerikanerin scheint mit den Erwartungen der Leser zu spielen, denn der finale Verlauf der Handlung kommt mit einigen Überraschungen daher. „Licht & Glut“ ist ein faszinierender weil dicht gestrickter und facettenreicher Roman, der tief in die Seele Amerikas blickt und sowohl kritisch als auch liebevoll von den Menschen zu erzählen weiß.  


Jennifer Haigh: „Licht & Glut“, erschienen im Droemer Verlag, in der Übersetzung aus dem Amerikanischen von Juliane Gräbener-Müller; 480 Seiten, 22,99 Euro

Foto: pixabay